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Kultur- revolution

Von Helmut Hetzel
Den Haag

«Seine Augen strahlen alles aus, was er in sich trägt: Spott und Häme, Ironie, Selbstgenügsamkeit, Bildung, Intellekt, Liebe, Gemeinheit, Arroganz. Diesen Augen kann man nicht ausweichen. Wer mit ihm debattiert, sollte sich eine Sonnenbrille aufsetzen.» So wird das Enfant terrible der niederländischen Politik, Pim Fortuyn, in der Amsterdamer «Volkskrant» beschrieben. Der 54-jährige ehemalige Soziologie-Professor, dem die renommierte Erasmus-Universität in Rotterdam schon vor Jahren «zu trocken und zu langweilig» wurde und der sich danach als Journalist, Redner und Berater gut betuchter Niederländer den Lebensunterhalt verdiente, bringt dem politischen Establishment das Fürchten bei.
Seit Fortuyn in den Rotterdamer Gemeinderatswahlen am 6. März auf Anhieb 35% der Stimmen gewann, ist er das, was er immer sein wollte: Pim, der Superstar. Seine entsprechenden Allüren trägt der bekennende Homosexuelle fast hemmungslos zur Schau. Er lässt sich in einem britischen Daimler zu seinen TV-Auftritten chauffieren, raucht kubanische Zigarren, trägt italienische Massanzüge. Er zelebriert sich gerne selbst und stilisiert sich mit seinem unniederländischen Verhalten zur Ikone des Protests. Er protzt, schimpft und schreit während Fernsehdebatten – Fortuyn tut alles, was in den von Understatement geprägten Niederlanden als politisch unkorrekt gilt, und kommt damit vor allem bei den jungen Wählern an.
Dahinter steckt aber mehr als nur eine Polit-Show. Pim Fortuyn analysiert die Versäumnisse des sozialliberalen Kabinetts von Ministerpräsident Kok: die immer länger werdenden Wartelisten in den Krankenhäusern für schwierige Operationen, die Mängel des Erziehungssystems, die wachsende Kriminalität in den Grossstädten sowie die Asyl- und Einbürgerungspolitik. Das und noch vieles mehr prangert Fortuyn in seinem Buch «Der Scherbenhaufen des violetten Kabinetts» an. Der Bestseller ist gleichzeitig sein Wahlprogramm. Eine gute Woche nach der Marktlancierung wird bereits die vierte Auflage vorbereitet.
Mit seiner direkten und offenen Art löst Fortuyn in der niederländischen Politik eine Kulturrevolution aus. Er hat die Mauer der politischen Korrektheit durchbrochen, die in der achtjährigen Regierungszeit der violetten Haager Koalition allerorten hochgezogen wurde, indem er die bislang tabuisierten Schwächen des auf immerwährenden Konsens bedachten so genannten Poldermodells thematisierte. Der Stern des Populisten Pim Fortuyn, der sich auf seiner Homepage als «Ethiker im Darkroom» bezeichnet, steigt seit seinem Wahlsieg in Rotterdam kometenhaft. Glaubt man den Demoskopen, kann der eloquente Mann mit der Glatze in den niederländischen Parlamentswahlen am 15. Mai mit seiner Partei «Liste Fortuyn» zwischen 20 und 30 Mandate der insgesamt 150 Parlamentssitze gewinnen.
In wirtschaftlicher Hinsicht ist Pim Fortuyn ein Ordoliberaler, der auf die Kräfte des freien Marktes und das Vorbild USA setzt. Gesellschaftspolitisch ist er ein Rechtspopulist, was er durch die Forderung nach einem sofortigen Einreisestopp für Moslems unterstrich. Ungeachtet dessen, wie er und seine Partei in den Parlamentswahlen abschneiden, steht fest, dass der Rotterdamer Soziologe der niederländischen Demokratie neues Leben eingehaucht hat. Politik ist in den Niederlanden wieder spannend geworden. Dieser Text ist für Abonnentinnen und Abonnenten reserviert. Digital 5 Wochen ab CHF 20.– Jetzt testen Bereits abonniert?