Auf Besucher übt das Land eine grosse Faszination aus. Hier ist die Natur noch in ihrem Rohzustand, beschränkt auf die Urelemente – Wasser, Erde, Luft, Feuer. Nebel und Licht sind präsenter und schöner als anderswo. Das Ungreifbare ist überall. «Im Nebel leben viele Menschen», sagt die Architektin Gunnhildur Gunnarsdottir.

Eine Redensart, die die Affinität der Menschen zum Übernatürlichen veranschaulicht. Elfen, Trolle, Monster und Geister sind wichtige Protagonisten des immer noch sehr lebendigen Brauchtums. «Der Einfluss von Kirche und Religion ist gering. Wir haben die Beziehung zu alten Glaubensformen nie verloren.»

Dies zeigt sich auch in den Arbeiten von Johannes Kjarval (1885–1972), spiritueller Vater der isländischen Maler. Er gilt als Vertreter des Kubismus und des Expressionismus, war äusserst produktiv, arbeitete viel auf Lavastein, malte Sagenfiguren mit mysteriösen Bergen als Hintergrund.

Musik, visuelle Kunst, Mode, Film, Literatur: Die knapp 350’000 Einwohner – im ganzen Land leben weniger Menschen als etwa in der Stadt Zürich – verbreiten eine bemerkenswerte Energie in fast allen Kunstrichtungen. Das Land liegt knapp unterhalb des nördlichen Polarkreises, und die Isländer ertragen die Abgelegenheit und die langen Winternächte auch dank ihrem Enthusiasmus für Kultur.

«Schon in der Grundschule lernen die Kinder neben Stricken und Zeichnen beispielsweise auch Bildhauerei, Musik oder Tanz», sagt Asdis Thoroddsen, Filmemacherin in Reykjavik. Heute ist das Land international vernetzt, und seine Kunst ist ein Exportgut, dessen ungeheure Vitalität im neuen Kulturzentrum Marshall House zu bewundern ist.

«Dinge, die an der Nordküste gesammelt wurden»

Die Bezeichnung geht auf den Marshall-Plan zurück, dank dem die Isländer seinerzeit das riesige Metallgebäude errichten konnten, um darin Fischmehl zu produzieren. Später wurde es renoviert und 2017 als Kulturzentrum eingeweiht. Es beherbergt ein stilvolles Restaurant und Ausstellungsräume, ausserdem das neue Atelier des Künstlers Olafur Eliasson.

In Dänemark als Sohn isländischer Eltern geboren, lebt der 51-Jährige, dessen Werke in Spitzengalerien und den besten Museen gezeigt werden, heute in Berlin; er verbringt jeweils den Sommer in seinem Privatstudio im früheren Hangar. Seit jeher fasziniert ihn die Beziehung zwischen Natur und Technologie, er liebt Oberflächen – kristalline Strukturen, Verformungen, Licht und seine Effekte, Farbe und geometrische Formen.

Tommaso Gonzo, von Eliassons lokaler Galerie i8 in Reykjavik, deutet auf grosse Behälter, die mit Abfall verschiedenster Art gefüllt sind. «Es sind Dinge, die an der Nordküste gesammelt wurden. Schwemmholz, Walknochen, rostige Metallstücke. Eliasson und sein Team schaffen daraus Kunstwerke, indem sie beispielsweise einen Magneten unter einem hängenden Ast befestigen, um daraus einen Kompass zu kreieren.»

Geburtsstunde im Jahr 1978

Nachbarn von Eliasson sind die Mitglieder des Kollektivs Kling & Bang. In dieser von der Natur dominierten Gegend neigen Bewohner dazu, sich gemeinsam zu organisieren. So taten sich 2003 rund zehn Künstler zu diesem Galerieprojekt zusammen.

Daniel Björnsson, ein Wikinger mit rotem Bart, sagt: «Es war die Zeit, als wir nach langen Auslandaufenthalten nach Hause zurückkehrten. Dies entsprach dem klassischen Parcours der isländischen Künstler, die ihr Diplom in der Fremde erwerben und dann heimkommen.» Die Galerie konzentriert sich auf aufstrebende, experimentelle Künstler und ihre Werke; es werden auch zahlreiche Performances, Events und Begegnungen geboten.

Mittlerweile international gut vernetzt, konnte sie auch schon Werke grosser Ausländer, etwa des verstorbenen Deutschen Christoph Schlingensief oder des Amerikaners Paul McCarthy, ausstellen. Die dritte Säule des Marshall House ist das Living Museum, hier als Nylo (isländische Abkürzung für «New Art») bekannt.

Das Museum entstand 1978 auf Initiative einer radikalen, wegen des mangelnden Interesses der Nationalgalerie an ihren Werken frustrierten Künstlergruppe. Die Institution wird getragen durch ein 340 Mitglieder starkes Kollektiv, eine immer umfangreichere Kollektion sowie ein dichtes Programm. Am Anfang wurde das Living Museum von Leuten aus der Punk-Bewegung getragen, die damals in Island stark beachtet wurde. Den Ausschlag dazu gab 1978 die britische Band The Stranglers, die auf die Insel reiste und ein Konzert gab, das 2% der Bewohner, also rund 7000 Leute, besuchten.

Auch Björk, heute wohl die bekannteste isländische Künstlerin im Ausland, gab ihr Debüt mit der Gruppe Sugarcubes. Deren elektrisierende Energie beeinflusste grosse Teile die Jugend und legte den Grundstein für die lebendige Musikbranche des Landes. Diese Zeit wird im Icelandic Punk Museum verehrt und gezeigt – diese Höhle des Underground befindet sich in den ehemaligen öffentlichen WC-Anlagen im Stadtzentrum und kann besichtigt werden.

Folge der Gleichberechtigungskultur

Die isländische Kunstgeschichte ist bemerkenswert kurz. «Die ersten wichtigen Werke entstanden in den Dreissigerjahren», sagt Maddy Hauth von der Galerie Fold, die lokale Künstler vertritt. Bis 1960 gab es nicht einmal eine Kunstakademie. Erst viele Jahre später brachte eine Gruppe von Künstlern, die sich im Ausland ausgebildet hatten, avantgardistische Ideen nach Hause, etwa die Bewegung Fluxus (herausragende Persönlichkeiten: John Cage, Yoko Ono oder der Schweizer Ben Vautier).

Frauen haben im kreativen Leben Islands traditionell eine führende Stellung, eine logische Folge der Gleichberechtigungskultur, die dort herrscht. Auf Isländisch wird Mann resp. Frau mit männliches bzw. weibliches Lebewesen übersetzt («karlmadur» und «kuenmadur»). «Das zeigt, dass bei uns das Gemeinsame wichtiger ist als das Trennende», sagt Gunnhildur Gunnarsdottir.

In der zeitgenössischen Kunst ist etwa Hrafnhildur Arnardóttir alias Shoplifter mit ihrer haarigen Skulptur, die sie für das Album «Medula» von Björk realisierte, eine der bekanntesten Vertreterinnen. Die Künstlerin mit dem Diplom der New York School of Visual Arts lebt in Brooklyn und wird Island 2019 an der Biennale in Venedig vertreten.

Abgelegen im Osten der Bucht von Reykjavik befindet sich ein Kunst-Bijou: Das Sigurjon Olafsson Museum wurde von Birgitta Spur, der Witwe des namensgebenden Künstlers, gegründet und zeigt das Werk des Bildhauers, der den Pariser Surrealisten nahestand. Im Gebäude gibt es einen ehemaligen Bunker der amerikanischen Armee, der nach dem Krieg als Künstleratelier genutzt wurde.

Dreidimensionale Abstraktionen von Olafsson umrahmen die Fenster – als wäre das nicht schon genug, blickt man noch auf den tosenden Ozean und die Wellen, die auf die Felsen aufschlagen. Hier harmonieren Kunst und die Natur, die diese erst hervorgebracht hat.

 


Adressen in Reykjavik

Galerien, Museen:

Marshall House
Das neue Kulturzentrum im Osten des Hafens beherbergt das Living Art Museum, das Studio von Olafur Eliasson, die Galerie Kling & Bang sowie ein Restaurant mit Blick auf den Hafen.

Reykjavik Art Museum
Das Museum mit drei Standorten ist zeitgenössischen einheimischen Künstlern gewidmet. Nur schon das seltsame, aber anmutende Gebäude des Plastikers Asmundur Sveinsson ist eine Besichtigung wert.

Sigurjon Olafsson Museum
Das Haus mit Werken des Bildhauers liegt abgelegen an der Bucht von Reykjavik. In der Cafeteria hat man das Gefühl, auf dem Meer zu treiben.


Hotels:

Icelandair Hotel Reykjavik Marina
Der Komplex im skandinavischen Design befindet sich in den ehemaligen Lagerhallen des Hafens. Doppelzimmer 400 Fr.

Guesthouse Freyja
Hervorragendes Preis-Leistungs-Verhältnis – ein Schnäppchen gar. Und Fahrräder stehen auch zur Verfügung. Doppelzimmer ab 150 Fr.


Restaurants:

Grillid
Moderne, innovative Küche. Das Restaurant im obersten Stock des Radisson Blu Saga Hotel bietet zudem eine 180-Grad-Sicht auf Reykjavik.

Kopar Seafood Restaurant
Am Fischerhafen, darum Fischspezialitäten. Und lockeres Ambiente.