Märkte / Kunstmarkt

Kunst ist eine starke WährungDie Preis-Qualität-Schere öffnet sich weiter – Mittelware wird schwerverkäuflich – Versteigerung der Juwelen von Liz Taylor

Christian von Faber-Castell

Christian von Faber-Castell

Der Vergleich zwischen dem Börsengeschehen der letzten zwölf Monate und der internationalen Kunstmarktentwicklung zeigt vor allem eines, nämlich dass diese beiden Märkte kaum vergleichbar sind. An den Börsen wird mit Millionen austauschbarer Aktien gehandelt, am Kunstmarkt, der mit einem auf 60 Mrd. $ schätzbaren Jahresvolumen viel kleiner ist, geht es dagegen um unverwechselbare und nicht austauschbare Einzelobjekte. Das heisst jedoch nicht, dass sich der Kunstmarkt unabhängig vom Finanzmarkt entwickelt, im Gegenteil. Seine Beeinflussung wurde dieses Jahr besonders gut sichtbar.

An erster Stelle steht dabei die weitere Gewichtsverlagerung des Kunstmarktgeschehens in Richtung Osten. Immer mehr richten sich Auktionshäuser auf die neue, reiche Klientel in China, Indien und dem Nahen Osten aus. Solche Kulturgüterverlagerungen sind nicht neu: Schon als die Römer vor rund 2000 Jahren Griechenland als Führungsmacht in Europa ablösten, gelangten Unmengen an griechischer Repräsentationskunst in die Paläste römischer Kaufleute und Kaiser. Und als sich die USA zu Beginn des 20. Jh. immer deutlicher als neue Supermacht über Europa hinausschwangen, wanderten riesige Kulturgüterbestände über den Atlantik und begründeten den Reichtum amerikanischer Museen und Bibliotheken.

Die Musik spielt in Asien

Kulturpatrioten und Kunstschützer mögen dies bedauern oder begrüssen. Auktionshäuser, Kunsthändler und Kunstkapitalanleger können sich solche sentimentalen Wertungen nicht leisten, sondern müssen sich dieser Entwicklung anpassen. Dies geschieht zum einen durch die Eröffnung neuer Galerien, Auktionssäle und Niederlassungen in den entsprechenden neuen Kunstmarktzentren – allen voran derzeit noch in Hongkong. Zum andern suchen Auktionshäuser und Kunsthändler aber auch in Europa und in Amerika Kunstgegenstände, die sich für die neue orientalische Kundschaft eignen.

Im Vordergrund stehen bedeutende Kunstgegenstände aus dem islamischen und dem asiatischen Kulturraum, die einst zu uns verbracht wurden. Dazu gesellen sich Juwelen und Uhren, ferner herausragende Meisterwerke impressionistischer, moderner und zeitgenössischer Kunst. Für andere Sammelgebiete wie etwa Altmeistermalerei, Antiken, aber auch Designerobjekte des 20. Jh. können sich die neuen Kunden im Morgenland bisher dagegen noch nicht in gleichem Masse begeistern.Diese Gewichtungsverlagerung beeinflusst auch das Marktgeschehen für einheimische europäische Kunstgegenstände und Antiquitäten und hat die Preis-Qualität-Schere nochmals ein gutes Stück geöffnet. Spitzenergebnisse werden heute ausschliesslich für eine dünne Elite herausragender Museumsqualitäten erzielt, die man kaufen muss, wenn sie auf den Markt kommen. Im breiten Mittelfeld älterer Kunstgegenstände und Antiquitäten aus der Alten Welt setzt sich dagegen die Schrumpfung der letzten Jahre fort. Gute, aber nicht trophäentauglich prunkvolle oder museumswürdige europäische Möbel des 18. und 19. Jh. sind bestenfalls noch zu einem Bruchteil des Preises absetzbar, den sie vor rund vierzig Jahren gekostet hatten. Ihren heutigen Erben und Besitzern geben sie ein ebenso lehrreiches wie unerfreuliches Beispiel dafür, dass auch qualitativ hochwertige Antiquitäten allen Händlerbeteuerungen zum Trotz keineswegs eine sichere Kapitalanlage sind.

Namen machen den Preis

Eine Folge der kunstmarktgeografischen Umwälzungen liegt in einer Verschiebung der Preisbildungskriterien. Die Sammler in Asien können die von ihnen gekaufte abendländische Kunst genauso wenig verstehen wie die meisten westlichen Sammler Asiatica. Dadurch aber gewinnen andere Merkmale an preisbildender Bedeutung, allen voran klangvolle Künstlernamen und berühmte Vorbesitzer. Das eindrucksvollste Beispiel dieses Kunstmarktjahres für die wertsteigernde Kraft prominenter Provenienzen bot Christie’s am 13. Dezember in New York mit der Versteigerung von Liz Taylors Juwelensammlung.

Ihr Perlen-, Rubin- und Diamantencollier von Cartier mit der riesigen, über 10 g schweren (202,24 Grains) tropfenförmigen Peregrina-Perle kletterte von geschätzten 2 bis 3 Mio. $ auf den Rekordpreis von 11,8 Mio. $. Neben Liz Taylors Namen dürften dazu allerdings noch weitere berühmte Vorbesitzer beigetragen haben, darunter von 1582 bis 1808 acht spanische Könige von Philip II. bis Carlos IV.Schliesslich offenbart diese glamourös inszenierte Reliquienversteigerung auch die absurden Auswüchse solchen Personenkults. Ein anonymer Fan der Filmdiva steigerte eine von Christie’s bereits mutig auf 5000 bis 7000 $ angesetzte Gold- und Bergkristallhalskette aus Van Cleef & Arpels’ Alhambra Collection auf 47 500 $.

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