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Kurs halten beim Renminbi

Eine Abwertung des Renminbis wird als logischer Schritt debattiert – angesichts nachlassender Exporte und des steigenden Deflationsrisikos. Doch das wäre ein schwerer Fehler. Ein Kommentar von Stephen S. Roach.

Stephen S. Roach
«Eine Änderung der Währungspolitik würde die Fortschritte, die China in Richtung Reformen und Neuorientierung gemacht hat, untergraben – ja sie würde sie zunichtemachen. »

Es wüten derzeit weltweit Währungskriege, und China trägt dabei die Hauptlast. Der Renminbi hat sich in den vergangenen Jahren steil aufgewertet, der Export lahmt, und das Deflationsrisiko wächst. Unter diesen Umständen propagieren viele als logischen Schritt eine Umkehr der chinesischen Währungspolitik, um den Renminbi abzuwerten. Das wäre ein schwerer Fehler.

Angesichts der von China verfolgten Strukturreformen, die auf die kontinuierliche Weiterentwicklung des Landes abzielen, ist eine erzwungene Abwertung so ziemlich das Letzte, was das Land braucht. Sie wäre zugleich für die Weltwirtschaft hochproblematisch.

Oberflächlich betrachtet sieht die Situation durchaus bedenklich aus – besonders wenn man sie aus einer Währungssicht beurteilt, die die Veränderungen der chinesischen Preise gegenüber der übrigen Welt erfasst. Laut der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) ist Chinas realer effektiver Wechselkurs – ein inflationsbereinigter handelsgewichteter Durchschnitt des Werts des Renminbis gegenüber den Währungen eines Querschnitts von Chinas Handelspartnern – während der vergangenen vier Jahre 26% gestiegen.

Starke Aufwertung

Chinas Währung hat sich stärker aufgewertet als die aller anderen sechzig von der BIZ berücksichtigten Länder (ausser dem dysfunktionalen Venezuela, dessen Zahlen durch eine Währungsumbewertung verzerrt werden). Im Vergleich dazu beträgt der Anstieg des angeblich so starken US-Dollars während desselben Zeitraums real nur 12%. Zugleich erlebten die anderen Schwellenländer eine steile Währungsabwertung: Der brasilianische Real ist 16%, der russische Rubel 32% und die indische Rupie 12% gefallen.

Diese Währungsumstellung ist natürlich das funktionale Äquivalent eines starken Preisanstiegs der chinesischen Exporte. Im Verbund mit der anhaltend schwachen globalen Nachfrage macht dies klar, warum der einst kraftvolle chinesische Exportmotor ins Stottern gekommen ist: Der Gesamtexport lag im Januar 3% unter dem des Vorjahres. Für eine Volkswirtschaft, in der rund 25% des BIP auf den Export entfallen, ist das keine triviale Entwicklung.

Zugleich hat der stärkere Renminbi die Importe verbilligt, was Chinas Preisstruktur einem Abwärtsdruck aussetzt. Es überrascht nicht, dass dies die Furcht vor einer Deflation verschärft hat. Der Verbraucherpreisindex ist im Januar gemessen am Vorjahreswert lediglich 0,8% gestiegen, und der jährliche Rückgang der Herstellerpreise hat sich auf 4,3% verstärkt. Obwohl diese Trends zweifellos durch den Absturz der weltweiten Ölpreise verstärkt werden, lag die Kerninflationsrate bei den Verbraucherpreisen in China (unter Ausschluss der schwankungsanfälligen Lebensmittel- und Energiepreise) im Januar auf ungefähr 1%.

Kaufkraft der chinesischen Verbraucher gestärkt

Vor diesem Hintergrund wird klar, warum viele eine taktische Anpassung der chinesischen Währungspolitik – von der Aufwertung hin zur Abwertung – erwarten. Ein derartiger Schritt erscheint ihnen als attraktive Möglichkeit, um dem Abwärtsdruck auf Wachstum und Preise vorübergehend entgegenzuwirken. Doch er könnte aus drei Gründen kontraproduktiv sein.

Vor allem würde eine Änderung der Währungspolitik die Fortschritte, die China in Richtung Reformen und Neuorientierung gemacht hat, untergraben – ja sie würde sie zunichtemachen. Tatsächlich steht ein stärkerer Renminbi mit Chinas zentralem Ziel einer Umstellung von exportintensivem Wachstum zu einer verbrauchergestützten Entwicklung im Einklang. Die im Allgemeinen stetige Aufwertung des Renminbis – der gegenüber dem US-Dollar seit Mitte 2005 um 32,6% gewonnen hat – stimmt mit diesem Ziel überein und sollte nicht rückgängig gemacht werden. Sie stärkt die Kaufkraft der chinesischen Verbraucher und verringert jede Form von Währungssubvention der Exporte.

Während der jüngsten Finanzkrise haben die Währungshüter Chinas Politik der Aufwertung des Renminbis vorübergehend ausgesetzt und den Wechselkurs von Mitte 2008 bis Anfang 2010 stabil gehalten. Angesichts der Tatsache, dass die gegenwärtige Lage viel weniger bedrohlich ist als die während der grossen Krise, besteht viel weniger Notwendigkeit für eine weitere taktische Anpassung der Währungspolitik.

Risiko: amerikanischer Protektionismus

Zweitens würde eine Umstellung hin zu einer Währungsabwertung die chinafeindliche Stimmung bei den wichtigen Handelspartnern des Landes anheizen – besonders in den USA, wo der Kongress seit Jahren mit Handelssanktionen gegenüber Chinas Exporteuren flirtet. Eine parteiübergreifende Koalition im Repräsentantenhaus hat vor kurzem den sogenannten Currency Reform for Fair Trade Act verabschiedet, der eine Währungsunterbewertung als Subvention behandeln würde, was es US-Unternehmen ermöglichen würde, höhere Ausgleichszölle auf Importe zu verlangen.

In ähnlicher Weise hat die Obama-Regierung gerade eine weitere Klage gegen China bei der Welthandelsorganisation eingereicht, die sich diesmal auf illegale Subventionen konzentriert, die China seinen Exporteuren über sogenannte gemeinsame Dienstleistungsplattformen und Demonstrationsbasen gewährt hat. Falls China interveniert, um seine Währung nach unten zu drücken, wird sich die politische Unterstützung in den USA für gegen China gerichtete Handelsmassnahmen zweifellos verstärken, was die beiden grössten Volkswirtschaften der Welt auf den abschüssigen Pfad des Protektionismus drängen würde.

Und schliesslich würde eine Politik der Abwertung des Renminbis zu einer steilen Eskalation im weltweiten Währungskrieg führen. In einer Ära beispielloser quantitativer Lockerung hat sich der Abwertungswettlauf für die wichtigsten weltweiten Exportländer zur Norm entwickelt – zuerst für die USA, dann für Japan und jetzt für Europa. Schlösse China sich diesem Wettlauf an, wären andere versucht, ihre Massnahmen zu verstärken, und die weltweiten Finanzmärkte wären einer weiteren Quelle ernster Instabilität ausgesetzt.

Chinas Stärke ist die Strategie

Genau wie China der Versuchung einer Abwertung des Renminbis während der asiatischen Finanzkrise von 1997/1998 widerstanden hat – eine Entscheidung, die eine zentrale Rolle dabei gespielt haben könnte, die Kettenreaktion in der Region zu unterbrechen –, muss es auch heute weiter Kurs halten. Dies ist umso wichtiger im ungeordneten Klima der quantitativen Lockerung, in dem Chinas Rolle als Währungsanker eine sogar noch grössere Bedeutung gewinnen könnte als Ende der Neunzigerjahre.

Chinas grösste Stärke ist die Strategie. Die chinesische Regierung hat unerwartete Entwicklungen immer wieder erfolgreich bewältigt, ohne dabei ihre langfristigen strategischen Ziele aus den Augen zu verlieren. Sie sollte darauf hinarbeiten, diese Bilanz beizubehalten, und den starken Renminbi als Anreiz für die Verstärkung ihrer Reform- und Neuausrichtungsbemühungen statt als Ausrede für einen Rückzieher nutzen. Dies ist nicht die Zeit für China, die Nerven zu verlieren.

Copyright: Project Syndicate.

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