Meinungen

Länger arbeiten

Immer mehr Erwerbstätige arbeiten über das Rentenalter hinaus. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Peter Morf.

«Auch angesichts dieser Studie wird es immer schwieriger, das heute geltende Rentenalter sachlich zu rechtfertigen.»

Es ist ein Totschlagargument: Die Menschen wollten nicht über das Rentenalter hinaus arbeiten, und überhaupt finde der effektive Rücktritt aus dem Erwerbsalter heute vor dem Pensionsalter statt, wird behauptet. Damit begründen die politische Linke und ihr Innenminister Alain Berset seit Jahren schon das kategorische Nein zu einer Erhöhung des Rentenalters.

Nur: Wie so oft ist auch dieses Totschlagargument falsch. Das zeigt auch die neue Studie des Lebensversicherers Swiss Life «Länger leben – länger arbeiten?». Die Untersuchung, die sich auf offizielle Statistiken sowie auf eine eigene Umfrage stützt, kommt zum Schluss, dass das effektive Rücktrittsalter im Schnitt für Männer bei 65,6 und für Frauen bei knapp 65 Jahren liegt – also über dem offiziellen Rentenalter.

Weiter hat die Umfrage bei 55- bis 70-Jährigen ergeben, dass sich rund die Hälfte vorstellen kann, auch im Rentenalter zu arbeiten, und zwar nicht aus Zwang, sondern mehrheitlich, weil sie arbeiten wollen. Rund zwei Drittel der nach dem Rentenalter Erwerbstätigen gaben zu Protokoll, dass sie gerne arbeiten. Nur rund ein Viertel machte finanzielle Gründe für die Fortsetzung der Erwerbstätigkeit geltend. Das spiegelt sich in der Zahl derjenigen, die über das Rentenalter hinaus arbeiten. Gemäss der Studie waren das 2019 rund 190’000 Personen, 75% mehr als zur Jahrtausendwende.

Diese Studienergebnisse werfen ein neues Licht auf die Rentendebatte. Die Akzeptanz eines höheren Rentenalters ist offenbar hoch, und sie steigt. Das hat sehr viel mit dem erheblich verbesserten Gesundheitszustand der Erwerbstätigen im Rentenalter zu tun. Die Bereitschaft, länger zu arbeiten, wächst.

Das ist auch darum von Bedeutung, weil sich der Trend der steigenden Lebenserwartung fortsetzt, eine Trendwende ist nicht in Sicht. Gleichzeitig klagen weite Teile der Wirtschaft über einen mehr oder weniger ausgeprägten Mangel an Fachkräften. Erwerbstätige über dem heutigen Rentenalter sind auf dem Arbeitsmarkt durchaus gefragt; auch hier dürfte die Tendenz steigend sein.

Auch angesichts dieser Studie wird es immer schwieriger, das heute geltende Rentenalter sachlich zu rechtfertigen, zumal die Altersvorsorge mit dieser Regelung in Milliardendefizite stürzt. Studien des Internationalen Währungsfonds oder der OECD empfehlen der Schweiz regelmässig ebenfalls, das Rentenalter nach oben anzupassen.

Die Schweizer Politik ist gefangen in der heutigen Regelung. Die politische und gewerkschaftliche Linke hat es verstanden, das Thema emotional derart aufzuladen, dass auch bürgerliche Politiker kaum mehr den Mut haben, die Frage des Rentenalters zur Sprache zu bringen, entsprechend wird sie in der laufenden AHV-Reform verdrängt. Mehr noch: Selbst die längst überfällige Angleichung des Rentenalters der Frauen an dasjenige der Männer von 65 Jahren dürfte es politisch schwer haben.

Es ist nun wirklich an der Zeit, dass sich die Politik von diesen alten Denkschemen löst und in der Altersvorsorge endlich von der Symptom- zur Ursachenbekämpfung wechselt. Studien wie diejenige von Swiss Life – auch wenn sie zu diesem Thema nicht Stellung nimmt – liefern die sachlichen Argumente dazu.

Leser-Kommentare

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Guido Piezzi 28.04.2021 - 09:18

Herr Morf,
seien Sie doch konsequenz. gebn Sie doch ein Beispiel, Ihre Rücktrittalter erst mit 70 oder mehr.