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Lagarde: «Ernsthaftes Risiko» einer Rezession in der Eurozone

Nach Ansicht von Christine Lagarde, der geschäftsführenden Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF), besteht in der Eurozone das «ernsthafte Risiko einer Rezession».

Peter DeThier, Washington

Die Konjunkturschwäche in Europa habe entscheidend dazu beigetragen, dass der Währungsfonds seine Wachstumsprognose für die Weltwirtschaft erneut nach unten korrigieren musste, sagte Lagarde zum Auftakt der gemeinsamen Jahrestagung des IWF und der Weltbank.

Der IWF sieht «eine Chance von 35 bis 40%», dass die Eurozone in eine Rezession abgleitet. Wie Lagarde anlässlich einer Pressekonferenz in Washington sagte, habe der Fonds sowohl die Gefahr zu niedriger Inflation als auch einer potenziellen Rezession frühzeitig erkannt. Sie hob hervor, dass die EZB bereits Massnahmen getroffen habe, um sowohl der Deflationsgefahr als auch dem Risiko eines tieferen Konjunktureinbruchs entgegenzuwirken. Laut Lagarde liessen sich beide rechtzeitig abwenden, «wenn sowohl die Überschuss- als auch die Defizitländer weiterhin geeignete Massnahmen treffen».

Angesichts der jüngsten Revisionen der globalen Konjunkturprognosen betonte die IWF-Chefin, dass sich die Weltwirtschaft zwar künftig an «das neue Mittelmass» gewöhnen muss. Gleichwohl betonte sie, dass niemals zuvor die Entwicklungen dermassen «länderspezifisch unterschiedlich gewesen sind». Angeführt werden die Industrieländer von den USA und Grossbritannien, während Europa und Japan hinterherhinken.

In den Schwellenländern weisen China und Indien starke Wachstumsraten auf, während Russland und Brasilien weiter schwach bleiben. Die Volkswirtschaften der Entwicklungsländer hingegen «gedeihen mit eindrucksvollen Wachstumsraten, wenn auch auf niedrigerem Niveau» als vor der Krise. Geopolitische Risiken leisten nach Lagardes Einschätzung einen nicht unerheblichen Beitrag zu der leichten weltweiten Abschwächung. Die Ukrainekrise bezeichnete sie als «Wolke über dem globalen Konjunkturhorizont».

Entwicklung der Geldpolitik

Wege, der Weltwirtschaft «neuen Schwung» zu geben, werden daher im Mittelpunkt der anstehenden Jahrestagung stehen. Dazu könnten sowohl geld- als auch fiskalpolitische Massnahmen sowie Strukturreformen beitragen. Bei der Geldpolitik rechnet Lagarde mit einer «asynchronen Entwicklung». Während in Europa und Japan zusätzliche monetäre Akkommodierung notwendig sei, zeichne sich bei der US-Notenbank eine weitere Normalisierung ab.

Ergänzt werden muss die Geldpolitik nach Ansicht der IWF-Direktorin in Ländern mit entsprechenden Kapazitäten durch «wachstumsfreundliche Fiskalpolitik», während im Bereich der Finanzmarktregulierung insgesamt mehr getan werden müsse, «um Exzesse zu reduzieren und mehr Stabilität herbeizuführen». Unverzichtbar seien mit Blick auf stärkeres Wachstum Infrastrukturinvestitionen und länderspezifische Strukturreformen. «Diese spielen keine Nebenrolle, sondern werden sehr wichtig sein, um kurzfristig das Wachstum zu fördern», betonte Lagarde.

Lagarde bekräftigte ihre Aufforderung an den US-Kongress, die bereits 2010 beschlossene Quoten- und Governance-Reform zu ratifizieren, und äusserte sich vorsichtig optimistisch, dass «unter der Führung von Präsident Barack Obama» dies in absehbarer Zeit geschehen werde. Nur so könne sichergestellt werden, dass die Länder, deren Bedeutung im weltwirtschaftlichen Gefüge zugenommen hat, bei Abstimmungen adäquat repräsentiert sind.

Leser-Kommentare

Peter Lieberherr 10.10.2014 - 17:34

Rezession in der Eurozone ist ja nur ein (durchaus willkommener) Kollateralschaden der amerikanischen Russland-Politik. Obama schlägt damit zwei Fliegen mit einer Klappe und hilft zudem dem Fracking-Öl und dem Dollar.