Meinungen

Lagarde muss sich erst beweisen

Sie ist zwar nicht Ökonomin, könnte an der Spitze der EZB trotzdem gute Geldpolitik umsetzen. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Alexander Trentin.

«Als EZB-Präsidentin wäre Lagardes diplomatische Erfahrung ein grosser Vorteil.»

Wechselt Christine Lagarde vom Internationalen Währungsfonds tatsächlich an die Spitze der Europäischen Zentralbank, dann würden zwei der wichtigsten Notenbanken der Welt von Juristen geführt werden. Denn auch Fed-Präsident Jerome Powell hat eine rechtswissenschaftliche, keine volkswirtschaftliche Ausbildung abgeschlossen. Für Ökonomen mag das eine Kränkung sein, für die Gesellschaft und die Wirtschaft ist es kein entscheidendes Kriterium.

Als IWF-Chefin war Lagarde auf den Rat von Experten angewiesen, musste verschiedene politische Haltungen ausbalancieren und hatte als Aufgabe, Handlungsoptionen in möglichst effektive Massnahmen umzumünzen. Als Präsidentin der EZB wäre ihre Erfahrung in der Finanzdiplomatie ein grosser Vorteil. Denn auch Mario Draghi hat seine Geldpolitik in der Eurozone nur durchsetzen können, indem er Kompromisse unter den Mitgliedern des EZB-Rats gefunden hat.

Doch als Nicht-Ökonomin wird sie, besonders am Anfang, von den Märkten sorgfältig beobachtet werden. Welche geldpolitischen Vorstellungen hat sie? Wie wird sie sich gegen die nationalen Vertreter durchsetzen? Christine Lagarde wird sich erst beweisen müssen, bevor man ihr so vertrauen wird wie dem jetzigen EZB-Präsidenten. Das Potenzial hat sie dafür.

Ihre Kommentare als IWF-Chefin zur Geldpolitik der Eurozone werden nun schon genau analysiert. Sie hat Mario Draghi dafür gelobt, mit seiner Aussage «Whatever it takes» den Zusammenhalt des Euros gesichert zu haben. Immer wieder hat sie die Schwäche der Weltwirtschaft herausgestellt und die Staaten aufgefordert, sich mit höheren Ausgaben dagegenzustemmen.

Als ehemalige Finanzministerin Frankreichs ist sie gar vertrauter als Mario Draghi mit dem politischen Tagesbetrieb. Auch Draghi forderte, dass die Geldpolitik entlastet wird, indem die Staatshaushalte mehr zur Stabilisierung der Wirtschaft beitragen. Lagarde wird vielleicht einen besseren Zugang zu den Regierungen der Eurozone finden, damit diese Botschaft auch umgesetzt wird.

Da ihr Talent im Administrativen, Politischen und Diplomatischen liegt, ist nicht zu erwarten, dass sie sich geldpolitisch besonders innovativ oder mutig zeigen wird. Man kann daher mit einer Fortsetzung der jetzigen EZB-Politik rechnen. Viel mehr durfte man in dieser Eurozone der verschiedenen Wachstumsgeschwindigkeiten und der dogmatischen Auseinandersetzungen aber auch nicht erwarten.

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