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Lang lebe der chinesische Konjunkturabschwung

Die Finanzmärkte und die etablierten Volkswirtschaften sind über eine Wachstumsverlangsamung in China nicht begeistert. Ein Kommentar von Stephen S. Roach.

Stephen S. Roach
«Ein langsameres BIP-Wachstum ist sogar gut für China, vorausgesetzt, es spiegelt den lang erwarteten Strukturwandel der dynamischsten Volkswirtschaft der Welt.»

Das Wachstum von Chinas Bruttoinlandprodukt (BIP) ist im ersten Quartal dieses Jahres mit 7,7% niedriger ausgefallen als von vielen Beobachtern erwartet. Und obwohl die Daten im Vergleich zur Konsensprognose von 8,2% nicht gerade verheerend ausfielen, hatten viele (ich eingeschlossen) nach der Konjunkturverlangsamung, die im dritten Quartal 2012 beendet zu sein schien, ein zweites Quartal der Erholung erwartet. Chinazweifler überall auf der Welt stürzten sich auf die Zahl und äusserten ihre Befürchtungen eines Wachstumsstillstands oder sogar einer gefürchteten W-förmigen Rezession.

Dabei ist ein langsameres BIP-Wachstum sogar gut für China, vorausgesetzt, es spiegelt den lang erwarteten Strukturwandel der dynamischsten Volkswirtschaft der Welt. Die breiten Umrisse dieses Wandels sind bekannt: eine Verlagerung weg von einem export- und investitionsorientierten Wachstum hin zu einer Wirtschaftsstruktur, die sich stärker auf den privaten Konsum im Land stützt. Weniger bekannt ist, dass China nach einer derartigen Neuorientierung eine niedrigere Wachstumsrate haben dürfte – möglicherweise sind derzeit deren erste Anzeichen zu beobachten.

China kann nach einer derartigen Neuausrichtung aus einem simplen Grund langsamer wachsen: Ein neues Modell, das verstärkt auf eine dienstleistungsgestützte Nachfrage setzt, impliziert ein arbeitsintensiveres Wachstumsrezept. Die Zahlen scheinen dies zu bestätigen. Chinas Dienstleistungssektor erfordert etwa 35% mehr Arbeitsplätze pro Einheit vom BIP als die produzierende Industrie und das Baugewerbe (die primären Treiber des alten Modells).

Wachstumsraten künftig in der Bandbreite von 7 bis 8%

Diese Zahl hat potenziell enorme Auswirkungen, denn sie bedeutet, dass China mit einer jährlichen Rate von 7 bis 8% wachsen und trotzdem seine Ziele in Bezug auf Beschäftigung und Armutsbekämpfung erreichen könnte. China hat sich bisher schwergetan, diese Ziele mit weniger als 10% Wachstum zu erreichen, weil das alte Modell nicht genügend Arbeitsplätze pro Produktionseinheit schuf. Einhergehend mit dem Aufstieg der produzierenden Industrie Chinas in der Wertschöpfungskette ersetzten die chinesischen Unternehmen Arbeiter zunehmend durch Maschinen auf dem neusten technologischen Stand. Infolgedessen löste das chinesische Wachstumsmodell eine arbeitssparende, kapitalintensive Wachstumsdynamik aus.

Auf einer Ebene war dies sinnvoll. Die Ersetzung von Arbeit durch Kapital steht bei Volkswirtschaften, die sich auf die produzierende Industrie stützen, im Zentrum moderner Produktivitätsstrategien. Nur grub sich China damit ein immer tieferes Loch: Bei zunehmend weniger Arbeitsplätzen pro Einheit an Produktionsausstoss bedurfte es zusätzlicher Produktionseinheiten, um seinen Arbeitskräfteüberschuss zu absorbieren. Letztlich wurde dies zum Problem. Das alte Fertigungsmodell, das zu einer beispiellosen Verzwanzigfachung des Pro-Kopf-Einkommens gegenüber den frühen Neunzigerjahren geführt hatte, bereitete zugleich einem Übermass an Ressourcenverbrauch und Umweltzerstörung den Boden.

Ein dienstleistungsgestütztes Wachstum ist in vieler Hinsicht das Gegenstück zu dem «instabilen, unausgewogenen, unkoordinierten und letztlich nicht nachhaltigen» Wachstumsmodell, das der ehemalige Ministerpräsident Wen Jiabao 2007 kritisiert hatte. Doch Dienstleistungen bieten mehr als lediglich einen arbeitsintensiven Wachstumspfad. Verglichen mit der produzierenden Industrie sind sie viel weniger rohstoff- und kohlenstoffintensiv. Ein dienstleistungsgestütztes Modell bietet China eine alternative, umweltfreundlichere und letztlich nachhaltigere Wirtschaftsstruktur.

Der Schluss, dass ein Wandel hin zu einer dienstleistungsorientierten Wirtschaft nun unmittelbar bevorsteht, ist natürlich verfrüht. Die jüngsten Daten deuten eine solche Möglichkeit an; der tertiäre Sektor (Dienstleistungen) ist im ersten Quartal dieses Jahres mit einer Jahresrate von 8,3% gewachsen – das dritte Quartal in Folge, in dem er eine Wachstumszunahme verzeichnete, und ein halber Prozentpunkt mehr als die 7,8%, um die der sekundäre Sektor (produzierende Industrie und Bauwirtschaft) im ersten Quartal zulegte. Doch es wird mehr als ein paar Quartale relativ ermutigender Daten erfordern, um eine derart wichtige Verschiebung innerhalb der Grundstruktur der chinesischen Volkswirtschaft zu belegen.

Es überrascht nicht, dass die Chinaskeptiker die jüngsten Wachstumszahlen anders auslegen. Eine durch das Schattenbankensystem ausgelöste Kreditblase steht nun ganz oben auf der Liste ihrer Befürchtungen, was die langfristigen Bedenken verstärkt, dass China in die gefürchtete «Falle des mittleren Einkommens» tappen könnte – eine nachhaltige Wachstumsverlangsamung, die die meisten wachstumsstarken Schwellenländer an dem Scheidepunkt, den China nun erreicht hat, erleben.

China ist gegen eine derartige Möglichkeit alles andere als immun. Doch dürfte es kaum dazu kommen, sofern das Land seine dienstleistungsgestützte, konsumfreundliche Neuausrichtung umsetzt, die die wichtigste strategische Initiative seines aktuellen (zwölften) Fünfjahresplans bleibt. In die Falle des mittleren Einkommens tappen ausnahmslos die Schwellenvolkswirtschaften, die zu lange an ihren frühen Entwicklungsmodellen festhalten. Am gefährlichsten wird es für China, wenn es an seinem in die Jahre gekommenen, unausgewogenen fertigungs- und baugestützten Wachstumsrezept festhält, das derart ernste Nachhaltigkeitsprobleme hervorgerufen hat.

Sollte es in China nicht zu einer wirtschaftlichen Neuausrichtung kommen, wird die schwache Aussennachfrage aus der krisengebeutelten entwickelten Welt die Exportmaschinerie des Landes weiter hemmen und China zwingen, verstärkt auf ein kredit- und investitionsgestütztes Wachstumsmodell zu setzen – und damit de facto ein rohstoffintensives und umweltschädliches Wachstum zu forcieren. Ich bin jedoch nach wie vor hoffnungsfroh, dass Chinas neue Führung schnell Schritte zur Umsetzung ihres neuen Modells einleiten wird. Es gibt keine praktikablen Alternativen.

Probleme für etablierte Industrienationen, Rohstofflieferanten und die USA

Die Finanzmärkte und auch die wachstumshungrigen hoch entwickelten Volkswirtschaften sind über den natürlichen Rhythmus einer Wachstumsverlangsamung, wie eine Neuausrichtung der chinesischen Volkswirtschaft sie auslösen dürfte, nicht begeistert. Viele Rohstoffbranchen – und tatsächlich ganze rohstoffgestützte Volkswirtschaften wie Australien, Kanada, Brasilien und Russland – sind inzwischen von Chinas alter Strategie eines nicht nachhaltigen Hyperwachstums abhängig. Doch China ist sich bewusst, dass es Zeit ist, mit dieser gefährlichen Gewohnheit zu brechen.

Ein anderes Problem dürfte sich aus einem verbrauchergestützten Wachstum in China für die USA ergeben. Schliesslich impliziert mehr privater Konsum in China ein Ende der chinesischen Sparüberschüsse – und damit des scheinbar unbegrenzten Recyclings dieser Überschüsse in auf Dollar lautende Vermögenswerte wie US-Schatzanleihen. Wer wird dann Amerikas Haushaltsdefizit finanzieren – und zu welchen Bedingungen?

Genauso wie China als natürliche Konsequenz seiner unvermeidlichen Neuorientierung ein geringeres Wachstum akzeptieren muss, wird die übrige Welt überlegen müssen, wie sie damit klarkommt, wenn es so weit ist.

Copyright: Project Syndicate.