Meinungen

Langzeit-Diktator Mugabe stürzt über die «Erbfolge»

Das Militär des südostafrikanischen Landes will wohl verhindern, dass die im Volk verhasste Grace Mugabe die Nachfolge ihres Mannes antritt. Ein Kommentar von Wolfgang Drechsler.

Wolfgang Drechsler, Kapstadt
«Die politischen Wirren kommen zu einer Zeit, in der viele Simbabwer einen neuerlichen Kollaps der Volkswirtschaft erwarten.»

Robert Gabriel Mugabe hat Simbabwe während siebenunddreissig Jahren mit eiserner Faust regiert und dabei stets nach eigenem Gutdünken geschaltet und gewaltet. Sein lange Zeit untrüglicher Machtinstinkt und die schiere Dauer seiner Herrschaft sind die Gründe dafür, dass den 93-Jährigen zumindest in seiner Heimat zuletzt ein Mythos der Unbezwingbarkeit umgab.

Doch die allgemein gehegte Erwartung, Mugabe werde wohl im Amt sterben, hat sich als Trugschluss erwiesen. Es war schliesslich die willkürliche Entlassung seines vor allem in Militärkreisen beliebten Vizepräsidenten Emmerson Mnangagwa und der zeitgleich unternommene Versuch, seine im Volk weithin verhasste Frau Grace als dessen Nachfolgerin zu installieren, die das Fass für die Streitkräfte zum Überlaufen brachte  – und Mugabe nun das Amt kosten wird.

Soldaten unter dem Kommando des kurz zuvor vom Diktator entlassenen Armeechefs Constantin Chiwenga hatten am späten Dienstag die Kontrolle über den Staatssender ZBC übernommen, ein in Afrika untrügliches Zeichen für einen Coup. Zeitgleich waren Panzer und Truppentransporter an allen wichtigen Kreuzungen und Zufahrtsstrassen der Hauptstadt Harare aufgefahren. Mugabe und seine Frau wurden unter Hausarrest gestellt. Für Grace Mugabe wurde ausgehandelt, dass sie ins Exil gehen kann. Dies dürfte vermutlich irgendwo im Fernen Osten sein, vermutlich in Singapur, wo Mugabe wegen seines Prostataleidens seit langem medizinisch behandelt wird.

Coup contre coeur

In einer ersten Erklärung kurz nach der Machtübernahme um Mitternacht hatte das Militär von Mugabe noch immer als vom «Präsidenten» gesprochen und versichert, er sei wohlauf. Gleichzeitig hiess es, dass die Übernahme der Macht durch die Streitkräfte «auf Kriminelle im Dunstkreis des Präsidenten» abziele, die für den wirtschaftlichen Niedergang des Landes verantwortlich seien – ein klarer Hinweis  auf die für ihre vielen Einkaufsbummel im Ausland berüchtigte Grace Mugabe und ihre mehrheitlich jungen Unterstützer in der Partei. Der ausgeprägte Hang der First Lady zum Luxus wird ihr in einem Land sehr übel genommen, in dem inzwischen fast 90% der Menschen keine feste Arbeit haben und rund 70% unter der Armutsgrenze leben.

Viele Beobachter sprachen  von einem eher «widerwilligen» Militärcoup, so etwa der Oppositionspolitiker David Coltart. Vieles deute darauf hin, dass es sich nicht um ein Vorgehen gegen Institutionen des Staates handle, sondern um einen heftigen Machtkampf innerhalb der regierenden Zanu PF, in den sich nun auch die (durch die Säuberungen unter Druck geratenen) Streitkräfte eingeschaltet hätten. Das Vorgehen der Militärs scheint sich vor allem gegen jene Teile der Regierungspartei zu richten, die, wie etwa die radikale Jugendliga, Grace Mugabe nahestehen und ihre Inthronisierung als Nachfolgerin des Despoten ausdrücklich befürworten.

Ein weiteres Indiz dafür ist die Festnahme von Finanzminister Ignatius Chombo, der erst vor wenigen Wochen völlig überraschend von Mugabe ernannt worden war, obwohl er keinerlei Kompetenz für den Posten hat. Allgemein wurde die erhöhte Militärpräsenz als klares Zeichen dafür gedeutet, dass die Streitkräfte alles tun würden, um Mnangagwa zu stützen und gleichzeitig Grace Mugabe als Präsidentin zu verhindern.

Rückkehr zu Zivilregierung absehbar

Coltart vermutet, dass das Militär die Regierung nicht selbst übernehmen, sondern an dem für Dezember geplanten Parteitag der Zanu PF nur für ein faireres Votum sorgen wolle, um dann die Macht wieder an eine Zivilregierung zu übergeben. Eine faire Wahl wäre nach dem Rauswurf Mnangagwas und den jüngsten Säuberungsaktionen unter seinen Anhängern nicht mehr gewährleistet gewesen, zumal Mugabe die Direktwahl seiner Stellvertreter bereits abgeschafft hat. Die hätte er selbst ernennen dürfen, und Grace Mugabe wäre nach den jüngsten Entwicklungen im Land die natürliche Wahl gewesen.

Mugabes Vorgehen gegen Mnangagwa erinnert stark an die Entmachtung der lange Zeit ebenfalls als Nachfolgerin gehandelten Joyce Mujuru. Auch diese war vor drei Jahren nur wenige Wochen vor dem Parteitag der Zanu PF erst rüde angegangen und dann aus dem Politbüro geworfen worden. Mujuru hat inzwischen eine eigene Partei gegründet und ist erklärte Gegnerin Mugabes. Damals hatte das Militär jedoch stillgehalten.

Dem Schicksal Mujurus dürfte Mnangagwa durch seine enge Allianz mit dem Militär entgehen. Wie verlautete, hat er bereits der Opposition Gespräche zur Bildung einer Übergangsregierung offeriert. Mit den von Mugabe vertriebenen weissen Farmern will er, wie berichtet wird, über eine Rückkehr nach Simbabwe reden.

Vizepräsident Mnangagwa – «das Krokodil»

Der 75-Jährige war letzte Woche kurz nach seinem Rauswurf wegen Todesdrohungen nach Südafrika geflohen, doch inzwischen ist er wieder nach Simbabwe zurückgekehrt und bereitet sich offenbar auf die Regierungsübernahme vor. Der langjährige Kampfgefährte Mugabes verfügt durch seine Zeit im Unabhängigkeitskampf gegen das weisse Minderheitsregime und durch seine fast vier Jahrzehnte im nationalen Kabinett über grossen Rückhalt sowohl im Militär wie im Regierungsapparat.

In den Achtzigerjahren war er Geheimdienstchef. Er ging damals so brutal gegen (schwarze) Oppositionelle vor, dass er den Beinamen «das Krokodil» erhielt. Viele Simbabwer machen Mnangagwa für die damaligen Massaker im Matabeleland verantwortlich, der Hochburg der Volksgruppe der Ndebele. Dabei sollen von einer in Nordkorea ausgebildeten Brigade rund 20’000 Menschen getötet worden sein. Nach über fünfzig Jahren der Freundschaft weiss Mnangagwa alles über Mugabe. Umso grösser war die Verblüffung, als dieser ausgerechnet ihn aus dem Amt jagte und wenig später auch noch aus der Partei warf.

Die politischen Wirren in Simbabwe kommen zu einer Zeit,  in der viele der zwölf Millionen Einwohner einen neuerlichen Kollaps der Volkswirtschaft erwarten. Viele fürchten vor allem eine Rückkehr der Hyperinflation. Nach der Abschaffung der völlig wertlosen Landeswährung 2009 wurde der US-Dollar eingeführt. Unterdessen hat der Devisenmangel die Importe auf ein Minimum zusammenschrumpfen lassen. Erst vor wenigen Wochen hatten Engpässe an Nahrungsmitteln und Benzin landesweit zu Panikkäufen geführt. Gleichzeitig sind die Preise massiv gestiegen. Im Oktober hatte die Regierung auf den Jahrestreffen von Weltbank und Internationalem Währungsfonds noch um einen abermaligen Schuldennachlass und neue Kredite für die ruinierte Wirtschaft gebettelt. Doch solange Mugabe das Sagen hatte, war daran nicht zu denken. Nach seinem überfälligen Abgang könnte sich dies nun ändern.