Meinungen

Lasst sie gehen

Griechenland aus der Währungsunion entlassen ist gefährlich, das Land partout im Euro halten jedoch noch mehr. Nötigung darf nicht honoriert werden. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Manfred Rösch.

«Konsequenz, notfalls eben bis zum Äussersten, würde Disziplin und Zusammenhalt innerhalb eines marginal kleineren Eurolands festigen.»

Die «Mutter aller Gipfel» steht bevor: Am Montag werden die Staats- und Regierungschefs der neunzehn Euroländer besprechen, wie mit dem Pleitekandidaten Griechenland umzugehen ist. Die Finanzminister sind am Ende ihrer Geduld, die Europäische Zentralbank und der Internationale Währungsfonds auch. Auf «technischer» Stufe sieht es nach dem Befund aus: kein Deal, Staatsbankrott, Grexit.

Politisch ist das nicht so klar. Darauf scheint der griechische Premier Alexis Tsipras halsbrecherisch zu spekulieren; sein plumpes Anbiedern bei Russlands Machthaber Putin ist ein Wink mit dem Zaunpfahl. Die Chefs werden die Lage zweifellos nicht nur ökonomisch beurteilen, sondern zudem abwägen, was die weiche oder die harte Tour für die EU nach innen und nach aussen bedeuten würde.

Riskant ist beides – Gnade oder Rauswurf. Der Zusammenbruch des griechischen Bankensystems, die Insolvenz des Staates, der Austritt aus der Währungsunion würden Chaos und Not im Land noch erheblich vergrössern, die Syriza-Regierung dürfte stürzen. Der Grexit  würde die vielfältig miteinander vernetzten internationalen Finanzmärkte belasten – wie sehr, weiss niemand.

Nachgiebigkeit jedoch wäre ein Signal, dass sich unverfrorenes Nötigen lohnt. Das wäre für die Glaubwürdigkeit der Eurozone und der EU fatal, auch etwa im Hinblick auf die Wahlen in Spanien gegen Ende des Jahres. Dagegen würde Konsequenz, notfalls eben bis zum Äussersten, Disziplin und Zusammenhalt innerhalb eines marginal kleineren Eurolands festigen. Es wäre heilsam, wenn alle begriffen, dass Mitgliedschaft im Euro, gar in der EU, nicht bedingungslos für immer gilt. Fast am meisten zu fürchten ist ein fadenscheiniger Kompromiss der Art: Wir geben Kredit, ihr mimt Reformen. Das wäre bloss ein weiterer Aufschub des Entscheids.

Leser-Kommentare

Die Kommentarfunktion ist deaktiviert.
Wolf-Stefan Schultz 19.06.2015 - 20:12
Huntington schrieb im “Kampf der Kulturen oder Clash of Civilizations” daß die Orthodoxie nicht zum Westen gehört und veranschaulichte dies auf einer Karte Seite 253 mit den Kommentaren diverser gescheiter Leute von Finnland über Frankreich und England. Ohne Rumänien, Bulgarien und Griechenland täte sich EU sehr viel leichter. Griechenlands “Elite” hat, ob rechts oder links angesiedelt, immer nur in die… Weiterlesen »
Markus Saurer 20.06.2015 - 01:02
Vermutlich ist der Eigennutz nicht nur in orthodoxen Staaten, sondern überall verbreitet. Und er ist für sich genommen nicht negativ, sondern sogar Motor der Entwicklung. Aber es braucht Checks and Balances in der Verwaltung und Wettbewerb in den Märkten, dass der Eigennutz auch das Gemeinwohl fördert. Die EU-Institutionen sind in dieser Beziehungen falsch konzipiert. Sie sind gerade falsch, weil sie… Weiterlesen »
Adrian Gnehm 20.06.2015 - 14:49
Gemäss der FuW vom 20. Juni 2015 (S. 18) hat Griechenland eine Wirtschaftsstruktur, die eher einem Drittweltland entspricht. Exportfähige Produkte mit hoher Wertschöpfung sind rar. Weitere Kredite der Euroländer verzögern höchstwahrscheinlich die strukturelle Verbesserung der griechischen Wirtschaft. Die überhöhten Kosten verhindern Investitionen im Exportsektor, insbesondere durch ausländische Firmen. Nur der Uebergang zu einer eigenen Währung kann längerfristig die nötigen Impulse… Weiterlesen »