Kemal Atatürk wird immer noch als Gründervater des modernen türkischen Staates verehrt, hier vor seinem Mausoleum in Ankara am 10. November 2018, dem achtzigsten Todestag. Der gegenwärtige Machthaber Recep Tayyip Erdo­ğan sieht es freilich nicht gern, wenn sein Volk andere Götter hat neben ihm selbst – das riecht nach Opposition. Doch trotz der Rückfälle ins Autoritäre und in nostalgisch-osmanische Geschichtspolitik (nördlich des Schwarzen Meeres treibt es einer in diesem Stil noch viel ärger) wird Erdoğan Atatürks Erbe nicht ganz kassieren können. So gibt es etwa kein ­Zurück zur arabischen Schrift. Atatürk führte 1929 mit der «Buchstabenrevolution» die Lateinschrift ein, die sich für die türkische Sprache besser eignet. Zudem erleichterte sie die von ihm angestossene Alphabetisierung breiter Volksschichten und war ein Signal der Modernisierung nach westlichem Vorbild. In der Ukraine gab es bereits Ansätze zur Um­stellung von der kyrillischen auf die römische Schrift, besonders in Galizien zu seligen Zeiten der Donaumonarchie. Das wäre übrigens die ultimative Beleidigung des heillos Chronischgekränkten im Kreml: wenn Kiew sich buchstäblich schriftlich aus der ostslawischen Tradition verabschiedete.