Dossier-Bild Ein Artikel aus dem Dossier Nonvaleur
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Latschen aus Lotzbu

Manfred Rösch

«Holzböden» – unsereins mag dieser Begriff noch aus dem Grosselternhaus erinnerlich sein. Nicht als Böden aus Holz, also Parkett; vielmehr nannte man seinerzeit Schuhe mit ­hölzernen Laufsohlen so. Kein feines Leder, kein praktischer Gummi, einfach Holz als Material für die Sohle. Die Holzschuhfabriken Lotzwil hätten sich genau genommen Holzsohlenschuhfabriken nennen müssen. Ganze Schuhe aus Holz, in der Machart niederländischer Klompen, wurden in der Schweiz nur im Jura und im St. Galler Rheintal fabriziert. Hingegen waren Schuhe mit ledernem Obermaterial und Laufsohle aus Holz bis Mitte des vergangenen Jahrhunderts weitherum Usus, besonders auf dem Land.

So etwa im Dorf Lotzwil, «Lotzbu», bei Langenthal. Dort hatte die Industrialisierung schon früh eingesetzt. Die erste Welle war, typisch, die Textilfertigung, im Oberaargau besonders die Leinenweberei. Zur zweiten gehörte, neben anderen, die Schuhfabrikation. Die Voraussetzungen dafür waren im späteren 19. Jahrhundert geschaffen: Anschluss ans Elektrizitäts- und ans Bahnnetz, Verfügbarkeit von Maschinen.

In Lotzwil gab es damals zwei «Holzbödeler», Schär und Bögli, dazu östlich über den Hügel, in Melchnau, einen dritten. 1924 übernahmen die Lotzwiler die Holzschuhproduktion der Firma Hug in Herzogenbuchsee, «Buchsi», westlich über den Hügel. Hug verzichtete künftig auf die Fertigung von Holzsohlenschuhen, die Lotzwiler im Gegenzug auf den Einstieg ins Geschäft mit Ledersohlenschuhen. Zwei Jahre ­darauf, 1926, fusionierten die drei Holzbödeler zu den Holzschuhfabriken AG in Lotzwil; die Obligation hier von damals belegt die Finanzierungsbedürfnisse in dieser Phase.

Die Geschäfte gingen gut. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, 1946, verkauften die Holzschuhfabriken Lotzwil 466 000 Paar in verschiedenen Anfertigungen und Grössen, ein Rekord. 1948 dann stieg die Produktion (aber nicht der Absatz) auf 478 000 Paar Holzböden. Die Fabrik beschäftigte an die 140 Personen. Doch dann ging’s bergab; in den frühen Fünfzigerjahren setzte sich die Gummisohle durch.

Nun erwies sich der Deal mit Hug als Bumerang; in Lotzwil durften Lederschuhe bloss für Anbieter wie Bata oder Bally gefertigt werden, zu hauchdünnen Margen. Anfang der Sechzigerjahre hatte sich der Absatz gemessen an den guten Nachkriegszeiten gut halbiert. 1966 schloss die Rechnung dunkelrot ab; die Neubesetzung von Verwaltungsrat und ­Geschäftsleitung brachte keine Wende, auch der Umstieg in die artverwandte Parkettfertigung – Schuster, bleib bei deinem Holzboden – führte nicht zur erhofften Ertragssteigerung. 1970 wurde die Schuhproduktion aufgegeben, 1971der Parkettbereich, zu Zeiten der Hochkonjunktur also; das Personal fand leicht neue Stellen in der Umgebung.

Seit den Achtzigerjahren sind Clogs, wie sie auf Englisch lautmalerisch heissen, da und dort wieder in Mode. In Spitälern klackert Pflegepersonal gesunden Fusses durch die Gänge, in mancher Gasthausküche fühlen sich der Chef wie auch der Commis de Cuisine in Holzböden am wohlsten.