Märkte / Emerging Markets

Lebenszeichen der Krisenmärkte

Schwellenländer, Rohstoffe, Hochverzinsliche – diese Märkte waren in den letzten Monaten besonders unter Druck. Nun mehren sich die Zeichen, dass der Pessimismus ein Ende findet.

Am Montag war ein Allzeitrekord zu verzeichnen. Der Eisenerzpreis in der chinesischen Hafenstadt Qingdao sprang an einem Tag um fast 20%. Im Vergleich zu Mitte Januar notiert das Erz nun 60% höher. Da aus Eisenerz der Baustoff Stahl gefertigt wird, scheinen sich die Aussichten für den Bau von Immobilien und Infrastruktur in der Volksrepublik deutlich gebessert zu haben.

Für den neuen Optimismus gibt es einen politischen Grund: In China hat die Regierung den neuen Fünfjahresplan präsentiert. Demnach soll das Wirtschaftswachstum bis 2020 bei mindestens 6,5% pro Jahr gehalten werden. Neue Priorität bekommen Investitionen in die Infrastruktur.

Doch die Präsentation des Fünfjahresplans war nur der letzte Impuls für eine Trendwende der Märkte, die in letzter Zeit in der Krise steckten. Nun signalisieren diese Märkte, dass der Pessimismus für die Realwirtschaft einen Boden gefunden hat.

Erste Erholung im Januar

Die untenstehende Grafik zeigt neben der Preisentwicklung von Eisenerz auch Kupfer, den Frachtindex Baltic Dry, Aktien von Reedereien und Aktien von Minen. Eisenerz hatte das Tiefst 2016 schon am 13. Januar verzeichnet. Zwei Tage später folgte die Erholung von Kupfer. Die Minentitel hatten den Boden am 20. Januar erreicht.

Und zuletzt haben der Baltic Dry Index und die Aktien von Reedereien zugelegt. Denn eine stärkere Nachfrage nach Rohstoffen sollte sich auch in höheren Frachtvolumen niederschlagen.

Wirtschaftsaussichten noch eingetrübt

Die Erholung an diesen Märkten überrascht, denn die Prognosen für die globale Wirtschaft scheinen sich nicht gebessert zu haben. Die Einkaufsmanagerumfragen (Purchasing Managers Index, PMI) – Frühindikatoren der Konjunktur – zeigen für die Schwellenländer wie auch die Industrieländer weniger Wachstum an als in den Vormonaten. Die Prognosen für das Weltwachstum für dieses Jahr sind im Konsens der Ökonomen stetig gesunken.

Andersherum kann man aber hoffen, dass die Marktindikatoren für Rohstoffe und Transport ein besserer Indikator für eine Wachstumserholung sind als Einkaufsmanagerindizes und Konjunkturprognosen.

Finanzmärkte beruhigen sich

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich hat in ihrem neuen Quartalsbericht untersucht, wie sich die Unsicherheit an den Märkten die letzten Monate fortgesetzt hat. Die Nervosität über Auswirkungen der niedrigen Rohstoffpreise hatte sich in den Schwellenländern, den hochverzinslichen Anleihen und dann auch in den entwickelten Märkten niedergeschlagen.

Denn viele Rohstoffunternehmen sind hoch verschuldet. Tiefere Rohstoffpreise könnten bedeuten, dass Schuldner mit niedriger Bonität ausfallen. Das hat die Hochzinsmärkte belastet.

Es gab Sorgen, dass sich die Turbulenzen an den Finanzmärkten in der Realwirtschaft niederschlagen werden. So könnten Banken ihre Kreditvergabe einschränken, wenn sie Kredite an den Rohstoffsektor abschreiben müssten und die Verluste an den Finanzmärkten ihre Bilanz angreifen.

Gleichzeitig sind viele Schwellenländer von Rohstoffexporten abhängig. Dort drückten niedrigere Preise für Rohwaren die Wachstumsaussichten und die Aktienkurse.

Nun scheint es allerdings aufwärtszugehen. Der brasilianische Leitindex Bovespa notiert inzwischen auf dem gleichen Stand wie Anfang 2015 (die brasilianische Währung hat sich aber zum Dollar fast ein Drittel abgewertet). Und das, obwohl die brasilianische Wirtschaft in einer tiefen Rezession steckt. Die rasante Rally von 36% seit Mitte Januar hat auch einen innenpolitischen Grund. Es erscheint immer wahrscheinlicher, dass Präsidentin Dilma Rousseff zurücktreten muss.

Der Schwellenländerindex MSCI Emerging Markets hat seit dem Tiefst 2016 vom 22. Januar rund 15% zugelegt. Hochverzinsliche Anleihen haben seit dem Tiefst am 11. Februar immerhin 6% gewonnen.

Extremszenario wird ausgepreist

Auch wenn sich die Konjunkturprognosen nicht verbessert haben, könnten die Extremrisiken (Tail Risks) ihren Schrecken verloren haben. In der Fondsmanagerumfrage von Bank of America Merrill Lynch im vergangenen Monat nannten die Profis Ängste vor einer Rezession in den USA, Kapitalkontrollen in China sowie Zahlungsausfällen (Defaults) in den Schwellenländern und im Energiesektor.

All diese Sorgen scheinen deutlich zurückgegangen zu sein. Hohe Wachstumsziele in China, gestiegene Rohstoffpreise und ein überraschend gutes Stellenwachstum in den USA haben die Anleger beruhigt.

Das sieht man am Markt für Kreditversicherungen (Credit Default Swaps, CDS). Die Prämien für CDS zeigen, wie hoch das Risiko eines Zahlungsausfalls eingeschätzt wird. Für den brasilianischen Ölriesen Petrobras, den Rohstoffkonzern Glencore und die chinesische Regierung sind die Prämien gesunken. Gleichzeitig hat sich der Volatilitätsindex Vix des amerikanischen Aktienmarktes beruhigt.

Grosses Aufholpotenzial?

Wenn die Angst vor den extremen Szenarien abnimmt, heisst das nicht, dass die Aktienmärkte nun in einen neuen Bullenmarkt eintreten. Aber: Die Kursschwankungen könnten abnehmen. Und die grössten Verlustmärkte sind einen zweiten Blick wert.

Rohstoffe, die Schiffslogistik und die Schwellenländer sind dem globalen Aktienmarkt über die letzten Jahre deutlich hinterhergehinkt. Der Frachtpreisindex Baltic Dry ist am stärksten eingebrochen: Die Frachtkosten sind seit Anfang 2008 um 96% gesunken.

Doch die alten Preise dürfen nicht als Zielmarke verwendet werden. Das investitionsgetriebene Wachstumsmodell in China kann nicht in der alten Geschwindigkeit fortgesetzt werden. Die Rohstoffmärkte leiden nicht nur unter schlechter Stimmung, sondern sind durch ein Überangebot geprägt. Und auch die Reedereien haben zu viele Schiffe in Betrieb, als dass sich die Preise auf das alte Niveau erholen könnten.

Aber wenn sich Marktteilnehmer zumindest nicht mehr fürchten, dass die Weltwirtschaft am Abgrund wandelt, könnten die Krisenmärkte attraktiver erscheinen.