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Lehnt die russische Kultur nicht ab

Die Weigerung, sich mit der russischen Kultur zu befassen, wird Putin nicht umstimmen, doch sie schneidet eine Informationsquelle über seine Ziele und Motive ab. Ein Kommentar von Nina L. Chruschtschewa.

Nina L. Chruschtschewa, New York
«Natürlich geht es hier auch irgendwie um die Frage nach der Henne oder dem Ei. Die Ablehnung der russischen Kultur durch den Westen ist eine Reaktion auf die brutale ‹militärische Sonderoperation› Putins in der Ukraine.»

Bevor er «Die Brüder Karamasow» oder seine «Aufzeichnungen aus dem Kellerloch» schrieb, wurde Fjodor Dostojewski von der zaristischen Regierung wegen angeblicher Beteiligung an revolutionären Aktivitäten zum Tode verurteilt, in ein sibirisches Gefangenenlager geschickt und im Exil zum Militärdienst gezwungen. Dennoch schrieb Dostojewski nach seiner Rückkehr aus Europa, wo er jahrelang in Freiheit lebte, in seinem «Tagebuch eines Schriftstellers», dass «jeder» insgeheim Bosheit gegen die Russen hege, dass die Russen ein Volk von «Mitläufer und Sklaven» seien.

Angesichts der Tatsache, dass viele, wenn nicht sogar die meisten Kultureinrichtungen sowohl in Europa als auch in den USA russische Künstler und russische Kultur derzeit «gestrichen» haben, klingen Dostojewskis Worte wahrer denn je. Wie der niederländische Autor Ian Buruma kürzlich feststellte, denken die Russen jetzt zunehmend, dass der Kreml vielleicht doch recht hatte: Russland ist wirklich eine «belagerte Festung», die von einem feindseligen Westen für immer missverstanden und unterminiert wird.

Natürlich geht es hier auch irgendwie um die Frage nach der Henne oder dem Ei. Die Ablehnung der russischen Kultur durch den Westen ist eine Reaktion auf die brutale «militärische Sonderoperation» Putins in der Ukraine. Putin behauptet jedoch, dass diese Operation eine Reaktion auf die Feindseligkeit des Westens war – besonders auf die Bemühungen Amerikas, die Ukraine zu einem «Anti-Russland-Land» zu machen. Dem russischen Uno-Botschafter Wassili Nebensya zufolge besteht das Ziel nicht darin, die Ukraine, «eine geschätzte und befreundete Nation», zu beseitigen, sondern sie daran zu hindern, Amerikas «antirussischer Agenda» zu dienen.

Eine Form der Vulgarität

Selbst Russen, die dem Kreml das Ukraine-Narrativ nicht ganz abkaufen, sind entsetzt über die Bereitschaft, mit der sich der Westen gegen alles Russische wendet. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in den sowjetischen Schulen weiterhin die deutsche Sprache gelehrt, Orchester führten weiterhin Bach und Mozart vor vollen Häusern auf, und die Menschen lasen weiterhin Schriftsteller wie Goethe und Thomas Mann. Die gesamte deutsche Geschichte und Kultur war nicht durch die Verbrechen der Nazis befleckt.

Doch seit Putin seinen Krieg gegen die Ukraine begonnen hat, haben die Münchner Philharmoniker ihren russischen Chefdirigenten Valery Gergiev entlassen, und die New Yorker Metropolitan Opera hat ihre Beziehungen zum russischen Bolschoi-Theater abgebrochen. Russische Musiker sind von internationalen Wettbewerben ausgeschlossen worden. Einige Orchester haben sogar Tschaikowsky aus ihren Konzertprogrammen gestrichen.

Ein anderer grosser russischer (bzw. russisch-amerikanischer) Schriftsteller, Vladimir Nabokov, beschrieb die Tendenz, eine Kultur abzulehnen, als eine Form der Vulgarität. Auch wenn der Abbruch der Beziehungen zu russischen Universitäten weniger vulgär erscheinen mag als die Zerschlagung deutscher Geschäfte am Newski-Prospekt in St. Petersburg, wie es russische Nationalisten in den 1910er-Jahren taten, so ist die Grundstimmung doch die gleiche.

Paradebeispiel Gogol

Selbst im Fall der Ukraine scheint die Ablehnung der russischen Kunst und Kultur auf einer fehlerhaften Logik zu beruhen. Wenn jemand Russland zu Recht ablehnt, dann ist es natürlich die Ukraine. Aber die Entscheidung, russische Literatur und Sprache aus den Lehrplänen zu streichen, ist nicht annähernd so einfach wie das «Wegwerfen» all dessen, was «uns irgendwie mit dem Russischen Reich verbindet», wie es Andriy Vitrenko, der stellvertretende ukrainische Minister für Bildung und Wissenschaft, ausdrückte.

Der ukrainische Filmregisseur Sergei Loznitsa hat bei der Absage russischer Künstler zur Vorsicht gemahnt, auch weil nicht immer klar ist, wann etwas als «russisch» gilt. Wegen seiner Haltung wurde er von der ukrainischen Filmakademie ausgeschlossen, aber sein Argument ist einleuchtend. Der Umgang des Bildungsministeriums mit dem Schriftsteller Nikolai Gogol verdeutlicht diese Zweideutigkeit:

Obwohl Gogol in der Ukraine geboren wurde – und seine ukrainischen Geschichten zugelassen werden – schrieb er seine Meisterwerke «Der Mantel» und «Die toten Seelen», als er in St. Petersburg und Rom lebte. Diese Werke werden deshalb aus den ukrainischen Schulen verbannt, wodurch den Schülern des Landes die grosse Kunst eines Genies vorenthalten wird, das viele Ukrainer als ihr eigenes bezeichnen.

Nicht nur die «russische Seele»

Nach Ansicht des ukrainischen Bildungsministeriums hätten die Schüler Schwierigkeiten, diese Werke zu verstehen, nicht zuletzt, weil der «historische Kontext» «kompliziert und weit entfernt» sei. Aber haben die jungen Menschen in der Ukraine nicht mehr Vertrauen verdient als das? Schliesslich lesen sie schon seit Generationen russische Literatur. Wenn es stimmt, dass ukrainische Schüler komplexe oder weit entfernte historische Zusammenhänge nicht begreifen können, würden sie sich dann nicht auch schwer tun, Balzac, die Brontë-Schwestern, Cervantes und Chaucer zu lesen?

Vitrenko sagt, die Ukrainer hätten keinen Bedarf an «schweren Werken», die das «Leiden der russischen Seele» beschreiben. Aber die Kraft von Dostojewskis «Verbrechen und Strafe» oder Leo Tolstois «Krieg und Frieden» liegt sicherlich darin, dass sie Einblicke in die menschliche Natur vermitteln, nicht nur in die der russischen Seele. Auf jeden Fall wird die Weigerung, sich mit der russischen Kultur zu befassen, Putin nicht umstimmen oder ihn zwingen, seine Truppen aus der Ukraine abzuziehen. Aber es wird eine potenzielle Informationsquelle über seine Ziele und Motivationen abschneiden.

Putin sollte russische Literatur genauer lesen

In Nikolai Leskows Erzählung «Die Geschichte vom schieläugigen Linkshänder aus Tula und vom stählernen Floh» beauftragt Zar Alexander I. seinen Diener, einen Russen zu finden, der in der Lage ist, einen kleinen mechanischen Floh, den der Zar aus London mitgebracht hatte, auszubessern. Die Schmiede von Tula arbeiten tagelang, ohne sichtbaren Erfolg. Einer jedoch – «der Linkshänder» – zeigt dem Zaren schliesslich, dass es den Russen gelungen ist, den Floh mit Hufeisen zu versehen, indem sie winzige Nägel verwendeten, die der Linkshänder eigens geschmiedet hatte. Das war eine Meisterleistung – aber worum ging es überhaupt?

Eine Invasion der Ukraine dient nicht den nationalen Interessen Russlands. (Ein einigermassen modernes Land in einer globalisierten Welt kann seine Probleme nicht mit Gewalt lösen.) Aber wie Alexander I. in Leskows Geschichte hat Putin etwas zu sagen: Russland ist eine Grossmacht, die in der Lage ist, Dinge zu erreichen, die andere nicht erreichen können. Peter der Grosse – auf den sich Putin beruft, um den Ukraine-Krieg zu rechtfertigen – machte im 18. Jahrhundert einen ähnlichen Standpunkt geltend, als er die «russischen Länder» an der Ostseeküste von Schweden zurückforderte.

Wie so viele russische Werke endet auch Leskows Geschichte in einer Tragödie. Nachdem er sowohl den Zaren als auch die Engländer verblüfft hat, lässt sich der Linkshänder in St. Petersburg auf einen Wetttrinken mit einem britischen Matrosen ein, das damit endet, dass er in ein Krankenhaus für Menschen unbekannten Standes eingeliefert wird, weil es ihm an Ausweispapieren fehlt. Dort stirbt der Linkshänder, und es bleibt wenig übrig von dem, was er so eindrucksvoll dargelegt hat. Vielleicht sollte auch Putin die russische Literatur genauer lesen.

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