Meinungen

Lehren der tragischen Haifischjagd

Mitunter wird Marktwirtschaft nicht richtig umgesetzt. Das zeigt sich bei der Jagd auf Haie. Ökonomisch ist klar, was zu tun wäre, doch die Politik orientiert sich nicht daran. Ein Kommentar von Rolf Weder.

Rolf Weder
«Not tut die Priorisierung der Politik auf das Bewältigen der grossen Probleme.»

Der Wirtschaftswissenschaftlerin fällt oft die undankbare Rolle zu, vor staatlichen Eingriffen in die Märkte zu warnen. Man erkennt Nebenwirkungen, welche die Politik gerne ignoriert, oder bezweifelt die Wirksamkeit einer Massnahme. Manchmal ist es aber genau umgekehrt: Der Ökonom rät zu Eingriffen, wird aber nicht gehört – oder die Regierungen machen genau das Gegenteil, was man als Wirtschaftswissenschaftlerin von ihnen erwartet.

Ein Beispiel ist die Fischerei, die weltweit (auch durch die EU) mit rund 30 Mrd. $ subventioniert wird, obwohl man sie eigentlich über die Menge oder den Preis besteuern müsste – und dies seit Jahrzehnten! Man spricht in der ökonomischen Theorie vom Problem des «offenen Zugangs» (Open Access) bzw. der «Gemeinschaftlichen Güter» (Tragedy of the Commons), die typischerweise übernutzt werden.

Ein tragisches Beispiel ist die Jagd auf Haifische – von vielen kaum wahrgenommen, weil sie auf den Welt­meeren ziemlich still abläuft. Das Image der Haie in Kinderbüchern, Fernsehserien oder Hollywoodfilmen dürfte dabei kein Vorteil sein, obwohl es wenig mit der Realität zu tun hat, wie neuere Forschungsarbeiten von Bio­logen zeigen.

Was sich auf den Weltmeeren seit mindestens den 1990er-Jahren entwickelt hat und sich heute tagtäglich abspielt, ist schlicht schockierend: ­Tötung von rund 100 Mio. Haien pro Jahr durch den Menschen. Abschneiden der Flossen und Zurückwerfen der noch lebenden Tiere ins Meer (was durch einige Länder zwar verboten wurde). Akzeptieren, dass viele Haie als Beifang in riesigen Netzen elendiglich zugrunde gehen. Rasche Reduktion der Bestände innerhalb von wenigen Jahren (z. B. um 90% für den Weissspitzenhai im Pazifik von 1996 bis 2009). Biologen warnen zudem vor einer ökologischen Katastrophe in den Meeren, weil durch die Dezimierung der Haie das ökologische Gleichgewicht zerstört wird.

Es droht die Ausrottung

In einer Forschungsarbeit, die dieser Tage in einer wissenschaftlichen Zeitschrift erscheint, ging ich zusammen mit Tobias Erhardt den ökonomischen Zusammenhängen nach, die für die rasche Abnahme der Haibestände verantwortlich sind. Unsere Analyse offizieller Fangdaten und deren Verbindung mit Handelsdaten ­bestätigt, dass die Dezimierung nahezu ausschliesslich auf den internationalen Haifischflossenhandel zurückzuführen ist. Die führenden Fangnationen sind Indonesien, Spanien und Mexiko, gefolgt von einigen anderen. Die Nachfrage nach Haifischflossen ist im Gegensatz zum Angebot auf wenige Länder konzentriert. Gemäss Handelsdaten werden 95% der Haifischflossen nach Asien (primär nach China und Hongkong) exportiert. Neueste Daten (2017) weisen aber auf steigende Importe Europas (primär von Italien und dem Vereinigten Königreich) hin.

Die wichtigste Erkenntnis unserer Analyse ist allerdings, dass die Heterogenität der Haifischarten (man zählt rund 500) bezüglich ihrer Reproduktionsrate zusammen mit den Eigenschaften des Markts für Haifischflossen das Überleben der langsam wachsenden Haie bedroht. Der Walhai, der Weisse Hai, der Grosse Hammerhai oder der Heringshai – immer mehr auch weitere Haiarten – tragen ein relativ hohes Risiko, effektiv aus­gerottet zu werden. Der Grund: Da weder die Konsumenten von Haifischflossensuppen (dort landen die meisten Haie) noch die Fischer ­zwischen den verschiedenen Haifischflossen unterscheiden, werden langsam wachsende Haie weiter ­gefischt, auch wenn ihr Bestand ­extrem klein ist.

Die Existenz von schneller wachsenden Arten verhindert, dass die Fischer die Jagd aufgeben. Würden sich die Reproduktionsraten zwischen den einzelnen Arten nicht unterscheiden, würden die Haie bei unbeschränktem Zugang zwar immer noch völlig übernutzt, doch irgendwann würde die Jagd unwirtschaftlich und eine effektive Ausrottung einzelner Arten wäre weniger wahrscheinlich.

Ganz untätig ist die Weltgemeinschaft allerdings nicht. Der internationale Handel von einigen Haifischarten wird von Cites (Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora) beobachtet; einige Haiarten befinden sich im Appendix II, was deren Export an das Vorliegen einer Exportlizenz knüpft. Auf der Nachfrageseite führt die Organisation WildAid seit einigen Jahren in China Informations­kampagnen durch und nimmt eine zunehmende ­kri­tische Einstellung der dortigen Bevölkerung und ­verschiedener Akteure (Hotels, Restaurants, Flug­gesellschaften, Regierungen) im Umgang mit Haifischflossensuppen wahr. Auf der Angebotsseite setzt sich immerhin die Welthandelsorganisation (WTO) für die Reduktion der Subventionen in der Fischerei ein – dies allerdings schon seit 2001.

Betrachtet man die Daten, zeigen diese Massnahmen im Aggregat wenig Wirkung. Der weltweite Fang bleibt auf viel zu hohem Niveau stehen. Die Importe von Haifischflossen gehen nicht wirklich zurück, und die Preise der Flossen, die bei einem starken Rückgang der Nachfrage eigentlich unter Druck kommen müssten, erweisen sich nach einer leichten Baisse 2013 als ziemlich konstant (gemessen auf der Basis der Importe von Hongkong).

Was es an Massnahmen brauchte, ist aufgrund der ökonomischen Theorie klar: Der freie Zugang zur ­Haifischjagd wäre durch die Vergabe von Lizenzen oder die Einführung von Abgaben zu beschränken. Die von der Ausrottung bedrohten Haie müssten unter Schutz ­gestellt werden. Jäger solcher Haie müssten mit sehr ­hohen Bussen kompromisslos bestraft werden. ­Kon­sumenten von Haifischflossen wären nicht nur zu ­informieren, sondern müssten besteuert werden, wenn sie sich trotzdem entscheiden, diese zu konsumieren.

Theorie und Praxis

Was lässt sich aus diesem Beispiel lernen? Als ich vor ­einigen Jahren zum ersten Mal auf das, was mit den Haien abläuft, aufmerksam wurde, nahm ich die Erklärung wahr, dass das Gewinnstreben in diesem Milliardenmarkt und ganz allgemein die «Ökonomie» für die Misere verantwortlich seien. Meine Reaktion dazu: Das Problem liegt nicht in der Marktwirtschaft per se, sondern in der Tatsache, dass wir die Marktwirtschaft nicht richtig implementieren bzw. die ökonomische Theorie, die uns vor Augen führt, was zu tun ist, damit dezentrale Märkte funktionieren können, nicht ernst nehmen.

Umweltgruppen, Tierliebhaber, Eltern, junge Leute und all diejenigen, die sich um die Nachhaltigkeit auf dieser Welt sorgen, sollten nicht mit den Fingern auf ­einzelne Akteure zeigen, sondern sich vielmehr dafür einsetzen, dass die hier dargelegten Massnahmen rasch umgesetzt werden. Der Gewinn für alle, nicht nur für die Haie, wäre gross.

Not tut generell eine Priorisierung der Politik auf die Bewältigung der grossen Probleme. Die wirtschafts­wissenschaftliche Theorie ist meines Erachtens eine ausgezeichnete Ratgeberin dafür, wo mehr und wo ­weniger in Märkte eingegriffen werden sollte. Nur wenn die Politik sich an diesen Prinzipien orientiert, dürfte es gelingen, das Vertrauen der jungen Generation, die am marktwirtschaftlich-kapitalistischen System zweifelt, weil es noch nie gesehen hat, wie ein solches System wirklich funktionieren kann, zu gewinnen.

Was passiert, wenn man dies nicht tut, zeigt das ­traurige Beispiel der Haie, die seit rund 400 Mio. Jahren hier leben und von denen einige Arten bald um ihr Überleben ringen werden.  

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