Unternehmen / Ausland

Lenovo sucht neue Wachstumsfelder

Geld verdienen die Chinesen als Platzhirsch im PC-Markt. Die Server- und die Mobilsparte schwächeln. Innovative Bereiche stehen noch am Anfang.

Mit einem Lächeln schaut die junge Chinesin in die Kamera. Wie von Zauberhand öffnet sich daraufhin die Tür zum Supermarkt. Hier sucht sie einen Snack für die Pause, geht zum Kassenbereich, und wieder genügt ein Lächeln, um den kleinen Markt zu verlassen. Keine Kasse, kein Kassierer, kein Einscannen – Magie? Nein, nur die clevere Kombination aktueller Technik.

Der chinesische Tech-Konzern Lenovo zeigt hier auf seinem Campus in Peking, wie ein Einkaufsmarkt der Zukunft schon heute aussehen könnte. Mit dem klaren Ziel, Kunden zu gewinnen. Mit dreissig Händlern sei das Unternehmen in China schon im Gespräch. Denn im PC-Markt ist Lenovo weltweit zwar Marktführer und gut unterwegs – in anderen Bereichen läuft es weniger gut. Innovation gewinne im Reich der Mitte generell an Bedeutung, sagt Lenovo-CEO Yang Yuanqing. «China ist die Werkbank der Welt – aber wenn wir uns von einem Niedriglohnland wegentwickeln wollen, kann das nicht so bleiben.»

1984 wurde Lenovo als Legend Group gegründet, als Gegenentwurf zur westlichen Tech-Revolution, ausgelöst durch den ersten Personal Computer (PC) von IBM (IBM 146.43 -2.28%). In westlichen Breiten ist Lenovo über Nacht bekannt geworden: Im Dezember 2004 haben die Chinesen die Übernahme der PC-Sparte von IBM angekündigt. Ausgerechnet. Anderthalb Dekaden nach dem Kauf stellt das Management von Lenovo nun ganz ähnliche Überlegungen an wie IBM damals. «In erster Linie sind wir eine Hardware Company», erklärt CEO Yuanqing im Gespräch. «Doch wir sehen, dass wir unsere Servicefähigkeiten stärken müssen.» Themen wie künstliche Intelligenz , die Analyse vieler Daten (Big Data), das Internet der Dinge (Internet of Things, IoT) oder Rechenleistung über das Netz (Cloud) sollen helfen.

Gegenentwurf zum Valley

In der neuen Zentrale im Nordwesten von Peking, die «Finanz und Wirtschaft» auf Einladung besucht hat, will Lenovo auf 120 000 Quadratmetern ein modernes China zeigen: weit weg von ausgebeuteten Niedriglohnarbeitern. Wissensarbeiter dagegen sitzen im modern gestalteten Gebäude an Laptops und Tablets. 10 000 sind es im Komplex insgesamt. In der Nähe befinden sich unter anderem Niederlassungen von Baidu (BIDU 125.83 -3.06%) und Tencent (Tencent 49.41 -4%). Ein chinesisches Silicon Valley solle hier entstehen, erklärt eine Mitarbeiterin. Plakate verkünden eine «Innovationssaison».

Doch noch verdient Lenovo das Geld mit Old Tech. Weltweit verkauft niemand mehr PC (vgl. Grafik 1). Neben IBM haben kleinere Zukäufe wie die PC-Sparte von NEC oder der deutsche Anbieter Medion das Geschäft abgesichert. Seit kurzem vertreibt Lenovo in einem Gemeinschaftsunternehmen auch die Rechner von Fujitsu. Der Absatz im PC-Markt habe sich stabilisiert, sagt Lenovo-CEO Yuanqing. Zuletzt hatte die Klientel lieber zu einem neuen Smartphone oder Tablet als zu einem Computer gegriffen. Der PC-Umsatz steige gar, erklärt er weiter. «Und es handelt sich um eine 200-Mrd.-$-Industrie. Eine andere Industrie in dieser Grösse zu finden, ist gar nicht so einfach.»

Was Lenovo in der PC-Industrie geschafft hat, sollte durch den Kauf des Smartphone-Anbieters Motorola und der Sparte für Einstiegsserver von IBM, beides 2014, im Handy- beziehungsweise Server-Geschäft noch einmal gelingen. Das hat nicht geklappt. Bei Netzrechnern kommt Lenovo mit 6,9% zwar auf Platz drei. Der Smartphone-Bereich aber verschwindet bei den Marktforschern im Bereich «Rest». Motorola wirtschafte schon seit einer Dekade mit Verlust, sagt der CEO. «Der Turnaround hat oberste Priorität.» Vor zwei Jahren habe man das schon mal versucht, sei mit hohen Volumen in neue Märkte vorgedrungen. «Aber diese Strategie ist fehlgeschlagen.» Daraus habe Lenovo gelernt.

Unzufrieden mit der Schweiz

Erste Erfolge finden sich in den Zahlen. Der Umsatz von Lenovo im zweiten Fiskalquartal zu Ende September stieg 14% auf 13,4 Mrd. $, der Gewinn um das Sechsfache auf 213 Mio. $. Motorola schaffte die Gewinnschwelle. Sehr zufrieden zeigt   sich das Management mit dem Geschäft in Europa, dem Nahen Osten und Afrika, inzwischen der umsatzstärksten Region. «Wir erreichen unsere Gewinnziele», sagt Marco Andresen, COO der Region, im Gespräch mit «Finanz und Wirtschaft». Mit dem Ergebnis in der Schweiz ist er weniger glücklich. Der Marktanteil liege unter dem Schnitt. Es laufe gut mit Geschäfts-, schlechter mit Privatkunden. Lenovo werde an der Markenwahrnehmung sowie der Präsenz on- wie offline arbeiten. Anfang November hat Landeschef Patrick Roettger Lenovo Schweiz verlassen.

Für Investoren zählen die Verbesserungen, die in allen Sparten zu spüren sind. Trotz des widrigen Klimas für Tech-Titel notieren die Aktien fest, haben seit Anfang Jahr 30% gewonnen. Bei einem Kurs-Gewinn-Verhältnis 2019/20 von 7 eignen sie sich wegen der Turnaround-Situation als Beimischung zum Depot.