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Leverage Ratio ist alles andere als simpel

Ab 2018 wird Banken weltweit eine Obergrenze für die Verschuldung vorgeschrieben. Die Folgen für die Bankbilanzen sind nicht zu unterschätzen.

Ruedi Keller und Clifford Padevit

«Ein Grund für die globale Finanzkrise war der exzessive Einsatz von Fremdkapital im Banksystem.» Mit diesem Satz beginnt das Dokument, das die Einzelheiten der Verschuldungsquote (Leverage Ratio) unter dem Basler Bankkapitalstandard definiert.

Es wurde am Sonntag vom Gremium der weltweiten Aufsichtsbehörden verabschiedet. Banken müssen neu mindestens 3% der Bilanzsumme in Form von Eigenkapital halten. Zum ersten Mal in der Geschichte des Basler Kapitalstandards werden ab 2018 gleichzeitig risikogewichtete und absolute Kapitalanforderungen gelten. Niemand durfte erwarten, dass diese Anpassung ohne Misstöne vor sich gehen würde.

Im letzten Juni hatte der Basler Ausschuss für Bankaufsicht die Berechnungsmethode in die Vernehmlassung geschickt und einen Aufschrei unter den Banken provoziert.

Was am Sonntag nun verabschiedet wurde, ist eine Version, bei der der Nenner der Quote – die Forderungen oder das Gesamtengagement der Bank – verkleinert wurde. Damit ist es einfacher, die Verschuldungsquote zu erfüllen. Bankaktien in Europa reagierten entsprechend positiv, vor allem Deutsche Bank und UBS. In den USA gaben Banktitel nach.

US-Sichtweise gewinnt

Die Änderungen betreffen die Berechnungsmethode, was schon darauf hindeutet, dass die Leverage Ratio anders als ­erhofft keine «simple» Kennzahl ist. Neu dürfen die Sicherheiten, die dem Derivatgeschäft mit einer Gegenpartei sowohl auf der Guthaben- als auch auf der Verpflichtungsseite unterliegen, verrechnet werden. Dieses Netting wird im Rechnungs­legungsstandard US-GAAP erlaubt, im IFRS-Standard, der unter Europas Banken vorherrscht, hingegen nicht. Wie gross der Unterschied ist, verdeutlichen Zahlen der Deutschen Bank. Unter IFRS wurde Ende September eine Bilanzsumme von 1788 Mrd. € ausgewiesen, das Netting im Derivatgeschäft hätte eine Reduktion von 649 Mrd. € (rund 36%) zur Folge gehabt.

Im Detail sind Änderungen kompliziert. Was für Investoren letztlich zählt, ist aber Vergleichbarkeit. Die ist mit dieser neuen internationalen Kennzahl gegeben. Das ursprüngliche Ziel, der Bemessung der Kapitalstärke anhand von bankinternen Modellen und abgestuft nach Risikoeinschätzung der einzelnen Bilanzpositionen eine einfache Kennzahl gegenüberzustellen, wurde jedoch verfehlt. Die bislang dominante, risikobasierte Kapitalbemessung hatte an Glaubwürdigkeit eingebüsst, als klar wurde, dass die Modelle der Banken unterschiedlichen Kapitalbedarf signalisierten und die berechneten Kapitalquoten somit erheblichen Spielraum aufweisen. Zwar sollten die Vorgaben zur Berechnung der Leverage Ratio verlässlichere Resultate liefern. Doch Investoren werden sie kaum nachvollziehen können, zu kompliziert ist die Berechnung ausgefallen. Hinzu kommt, dass die neue Basel-III-Kennzahl kaum relevant sein wird. Denn auf nationaler Ebene gelten andere Anforderungen an die maximal erlaubte Verschuldung, etwa in der Schweiz oder den USA. Die US-Bankenaufsicht wird im Februar neue Bestimmungen erlassen. Gemäss Entwurf wird von Bankholdings eine Leve­rage Ratio von 5% verlangt, für solche, die von der Einlageversicherung versichert werden, eine von 6%. Vor der Krise galt in USA eine Quote von 4%.

Höhere Risikodichte

Die Herausforderung für Banken besteht nun darin, die Bilanz punkto Risikogewichtung, Verschuldungsquote und Gewinn zu optimieren. Banken, die bislang in erster Linie Risikogewichtungen optimierten, werden neu durch die Verschuldungsquote eingeschränkt. Das gilt vor allem für europäische Banken, wie Analysten von Barclays festhalten, darunter die Schweizer Grossbanken und Deutsche Bank. Diesen Instituten ist gemeinsam, dass sie eine tiefe Risikogewichtung der Aktivposten im Verhältnis zur Bilanzsumme ausweisen. Mathematisch errechnen sich 30% als die relevante Schwelle – sie ergibt sich aus einer risikogewichteten Mindestkapitalquote von 10% und der maximalen Verschuldungsquote von 3%. Betragen die risikogewichteten Aktiva weniger als 30% der Bilanzsumme, wird die Leverage Ratio zur beschränkenden Grösse. Aktivposten mit niedrigeren Risiken werden zu einer Belastung, wie es UBS-CEO Sergio Ermotti am Montag in einem Interview mit Bloomberg angedeutet hat: «Das am meisten von einer höheren Leverage Ratio betroffene Geschäft sind unser Hypothekenportfolio und unser Firmenkunden-Kreditportfolio.» Besonders der Liquiditätspuffer, aber auch gewisse Aktiva der Investmentbank weisen niedrige Risikogewichte auf. Es entsteht ein Anreiz, mehr Risiko in die Bilanz zu nehmen.

Die vom Basler Ausschuss beschlossenen Änderungen zur Berechnung der Leverage Ratio wurden zwar aufgeweicht. In der Anpassung und der Ausrichtung des Geschäftsmodells auf die neue doppelte Kapitalanforderung sind die Banken aber dennoch kaum weniger gefordert.

Leser-Kommentare

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Adrian Gnehm 14.01.2014 - 18:55
Aus der Graphik, basierend auf einer Analyse von Barclays, geht nicht hervor, welcher Rechnungsstandard verwendet wurde. Wenn die Differenz bei der Deutschen Bank 649 Milliarden ausmacht, ist anzunehmen, dass bei der UBS (die nicht nach US-GAAP bilanziert), sich vermutlich ein gleich hoher Differenzbetrag ergibt). Eine Vorstellung, welche Auswirkungen bei der UBS zu erwarten sind, gibt die Aufstellung der Bilanzstruktur gemäss… Weiterlesen »