Meinungen

Libras politische Sprengkraft

Facebooks Projekt einer Kryptowährung schafft neue Herausforderungen. Regulatoren werden versuchen, die staatliche Souveränität zu verteidigen. Ein Kommentar von Teodoro D. Cocca.

Teodoro D. Cocca
«Libra wäre die perfekte Flucht- und die allseits einsetzbare Parallelwährung.»

Eine babylonische Verwirrung ist in der Welt der Zahlungsmittel auszumachen. In Zeiten unkonventioneller Notenbankpolitik und ihrer befürchteten längerfristigen Folgen für Fiat-Währungen einerseits und intensiver technologischer Innovation andererseits erstaunt die losgetretene Dynamik allerdings nicht. Neben neuen Bezahlsystemen wie Apple (AAPL 234.37 -0.4%) Pay oder Twint, diversester Kryptowährungen wie Bitcoin (Bitcoin 8042.27 0.47%) oder Ethereum stellen die Pläne eines Konsortiums rund um Facebook (FB 189.55 0.35%), eine voll gedeckte Kryptowährung namens Libra zu emittieren, den bisherigen Höhepunkt dieser inzwischen kaum mehr überblickbaren Vielfalt an Innovationen in der Payment-Landschaft dar.

Noch ist vieles ein Plan, und die Umsetzung befindet sich in den Anfängen. Dennoch, das kürzlich von Facebook präsentierte White Paper zum Libra-Projekt hat es in sich. Es wirft, im Unterschied zu den vielen übrigen Payment-Innovationen, einige knifflige Systemfragen auf, die in einem grösseren Kontext auch äusserst politische Implikationen haben könnten. Es sind vor allem zwei Merkmale, die Libra aus finanztechnischer Sicht von bisherigen Innovationen unterscheiden: die Ausgestaltung als Stable Coin und die zu erwartende weltweite User Community, die der neuen Währung zu einer schnellen Verbreitung verhelfen kann.

Derivat, Token, ETF

Libra soll eine Kryptowährung sein, deren gesamte Geldmenge jederzeit durch finanzielle Vermögenswerte gedeckt ist. Erwirbt ein Facebook-User 100 Libra, wird der Gegenwert durch einen Partner des Libra-Konsortiums in kurzfristigen Staatsanleihen und Bankguthaben investiert. Die Vermögenswerte werden dabei auf verschiedene Hauptwährungen aufgeteilt, sodass zum Beispiel der Umtauschkurs zum Franken ähnlich dem Kurs gegenüber den Sonderziehungsrechten des Internationalen Währungsfonds (IWF) fluktuiert. Die Sonderziehungsrechte des IWF entsprechen einem gemäss Exportanteil gewichteten Währungskorb aus Dollar, Yen, Euro, Pfund und Renminbi. Damit ähnelt Libra aus geldpolitischer Sicht einem Currency Board, wie es in Hongkong erfolgreich praktiziert wird. Aus finanztechnischer Sicht kann Libra als Kryptoderivat bezeichnet werden, also als Abbild eines Basiswerts (in diesem Fall Wertekorb oder Basket). Manche würden wohl von einem Anleihen-ETF mit physischer Replikation sprechen, der tokenisiert wird und friktionslos in kleinsten Fraktalen übertragen werden kann.

Der Ertrag auf den investierten Anleihen und Bankguthaben wird dem Konsortium gutgeschrieben – Libra werden selbst nicht verzinst. Nutzern aus Ländern mit relativ hohen Zinsen wie etwa US-Konsumenten würden damit aktuell rund 2% Zinsen pro Jahr entgehen – eine in diesem Falle durchaus teure Angelegenheit. Für Schweizer Kunden wäre der Zinsentgang zumindest derzeit freilich kein Thema. Ein Schutz vor allfälligen Negativzinsen ist nicht grundsätzlich gegeben, da Anlagen mit negativer Verzinsung im Währungskorb auf die Wertentwicklung des gesamten Währungskorbs durchschlagen. Über die Diversifikation des Währungskorbs kann allerdings eine partielle Negativverzinsung kompensiert werden, freilich unter Inkaufnahme eines Währungsrisikos.

Weil die Vermögenswerte im Korb alle auf Fiat-Währungen lauten, hat Libra einen inneren Wert, solange diese Fiat-Währungen ihren Status als vertrauenswürdiges gesetzliches Zahlungsmittel bewahren können; Bitcoin-Anhänger würden wohl anmerken, dass auch Libra deshalb ultimativ keinen inneren Wert haben. Die für den Libra-Korb erworbenen Wertpapiere sind auch für die Geldpolitik und für die Liquiditätssteuerung von Banken von erheblicher Bedeutung. Sollte Libra einen gewissen Erfolg erreichen, könnte der Basket mehrere hundert Milliarden wert sein. Damit wäre eine systemrelevante Grösse erreicht, und das Finanzsystem wäre dem Too-big-to-fail-Risiko einer allenfalls nicht wie andere systemrelevante Markteilnehmer regulierten Gegenpartei ausgesetzt.

Ein Gedankenexperiment kann aufzeigen, welche toxischen Wirkungsketten während einer Staatskrise auftreten könnten. Man stelle sich vor, Italiens Schuldenkrise verschärfe sich, und ein «Italexit» (wie er im Fall des «Grexit» fast eingetreten wäre) sei ein reales Szenario. Es sei Freitag, und die Italiener stünden vor einem Wochenende, an dem sich die Gremien der EU, des IWF und der Europäischen Zentralbank EZB treffen, um über den weiteren Verbleib Italiens im Euro zu beraten. Es würde Ungewissheit darüber herrschen, ob am darauffolgenden Montag die heimischen Banken überhaupt wieder öffnen und Eurogeldscheine von Bankomaten bezogen werden können. Italiener würden in einer derlei unsichereren Gesamtlage höchstwahrscheinlich wesentliche Teile ihres Eurovermögens in Libra wechseln. Was auch immer übers Wochenende passieren würde, sie wären damit am Montag (bzw. schon am Wochenende) in der Lage, alltägliche Geldzahlungen in Italien durchzuführen oder auch ins Ausland zu überweisen.

Eine enorme Nachfrage nach Libra wäre gewiss. Wenn der Libra-Handel über Börsenplätze laufen wird (hier ist das Konzeptpapier widersprüchlich), könnte der Wert einer Libra in einem solchen Fall wohl auch über dem inneren Wert handeln. Die Verwalter des Libra-Korbes würden umgekehrt einem gewaltigen kurzfristigen Anlagebedarf ausgesetzt sein. Hohe Kaufvolumen hätten Preiseffekte am Kapitalmarkt zur Folge. Schliesslich würde daraus ein Tausch von in Euro denominierten Bankeinlagen bei italienischen Banken in US-Staatsanleihen (ca. 40% des Korbes) und Eurostaatsanleihen (ca. 30%) im Libra-Korb resultieren.

Dies würde einem Bank Run auf italienische Kreditinstitute gleichkommen und die Krise verschärfen. Sobald die Euro in Libra getauscht wären, wäre zudem die Kapitalflucht ins Ausland mithilfe der Peer-to-Peer-Zahlung über WhatsApp abseits des heutigen Swift-Zahlungssystems möglich. Ein schrankenloses Libra-System würde ein mächtiges Instrument darstellen, um Währungsräume schnell zu verlassen. Libra wäre daher gleichzeitig sowohl die perfekte Flucht- als auch die allseits einsetzbare Parallelwährung.

Private globale Währungsunion

Kapitalverkehrskontrollen nach heutigem Muster könnten nur beim Wechsel von Bankguthaben in Libra effektiv funktionieren. Inwieweit eine mit Libra gefüllte Wallet von Kapitalverkehrsbeschränkungen betroffen wäre, ist eine regulatorisch offene Frage. Da Libra in einer digitalen Wallet (bspw. auf dem Handy) verwahrt werden und direkte Zahlungen Peer to Peer möglich sind, ist die Beschränkung von Zahlungen über Staatsgrenzen hinweg nicht ohne weiteres umsetzbar. Bürger aus Ländern mit sehr hoher Inflationsrate werden zudem eine Präferenz für Libra gegenüber der nationalen Währung entwickeln. Warum sollten Bürger in der Türkei oder Venezuela bei Inflationsraten von 20% bis mehreren hundert Prozent weiterhin ihre nationale Währung halten?

Damit hat Libra das Potenzial, als eine Art private globale Währungsunion die Souveränität einzelner Staaten oder Währungsräume zu untergraben. Wenn Libra Kapitalflucht aus einem kriselnden Staat erleichtert, Bank Runs zumindest verstärken kann und potenziell ein TBTF-Risiko darstellt, ist nicht nur technologisch, sondern auch politisch ein unübersehbares disruptives Potenzial gegeben. Die Macht von Staaten und die Durchsetzungsfähigkeit einer souveränen Währungs- und Geldpolitik würden zumindest geschwächt werden. Das mag für Individuen vordergründig einen Freiheitsgewinn darstellen. Es wäre freilich eine Utopie zu glauben, dass Regulatoren all dem tatenlos zusehen werden.

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