Märkte / Aktien

«Lieber Deutsche Post statt Amazon»

Christoph Bruns, Fondsmanager der Frankfurter Aktienfondsboutique Loys, sieht in der aktuellen Schwäche der europäischen Börsen eine Kaufgelegenheit.

Herr Bruns, mit Ausnahme der USA notieren dieses Jahr praktisch alle grossen Aktienindizes im Minus. Warum ist die amerikanische Börse so stark?
Für das gute Abschneiden gibt es mehrere Gründe: Durch die US-Steuerreform ist der Steuersatz für binnenmarktorientierte Unternehmen im Mittel von rund 40 auf 24% gesunken. Damit hat Donald Trump den Unternehmen enorm geholfen. Die Nettogewinne steigen dieses Jahr um 20%. Das allein erklärt schon ein gutes Stück der Kursentwicklung.

Multinationale Konzerne wie Google (GOOGL 1120.59 -0.53%) und Apple (AAPL 172.03 0.64%) haben aber schon zuvor effektiv viel weniger Steuern bezahlt.
Die Steuerreform enthielt auch eine Steueramnestie für die Gewinne, die im Ausland geparkt wurden. Diese Amnestie war für die internationalen Konzerne viel wichtiger als die Senkung der Unternehmensgewinnsteuern.

Was ausser der Steuerreform gibt dem US-Markt sonst noch Schub?
Wegen des Zinsvorteils ist viel Geld aus Europa in den Dollarraum geflossen. Ein Teil davon landet am Aktienmarkt. Nicht zu unterschätzen ist auch der Einfluss von passiven Anlageinstrumenten wie ETF. Da sie den grossen Märkten und Titeln automatisch das höchste Gewicht geben, treiben sie deren Preise nach oben. So entsteht eine Eigendynamik aus steigenden Kursen und noch grösserem Gewicht im Index. Immer wenn Geld in die Anlageklasse Aktien fliesst, fliesst besonders viel an die US-Börsen und dort vor allem in die grosskapitalisierten Tech-Unternehmen.

Es klingt, als stünden Sie den FAANG-Aktien – also Facebook (FB 162.56 0.17%), Amazon (AMZN 1622.1 -0.34%), Apple, Netflix (NFLX 359.91 -0.56%) und Google – eher kritisch gegenüber.
Bei diesen hochgejubelten und zum Teil teuren Tech-Werten fehlt die Sicherheitsmarge. Sie ist das Wichtigste bei einer Anlage, das hat schon Value-Legende Benjamin Graham gesagt. Die FAANG-Aktien sind etwas für Trendfolger und andere Spekulanten. Doch mit unserer Anlagephilosophie sind sie nicht kompatibel.

Wie lautet denn Ihre Anlagephilosophie?
Wir kaufen nicht einfach diejenigen Titel, die gerade einen guten Lauf haben und kräftig gestiegen sind, wie das heutzutage die Mehrheit tut. Wir sind vom anderen Camp: Wir schauen uns die Unternehmen an und prüfen, ob sie günstiger handeln, als sie wirklich wert sind. Man kann den Ansatz als Value bezeichnen, obwohl wir auch Wachstumsunternehmen mögen, wenn sie günstig bewertet sind. Das Wichtigste ist, nie zu viel zu bezahlen.

Wie sieht das in der Praxis aus? Können Sie ein konkretes Beispiel geben?
Die erste Frage ist immer, ob es das Produkt oder das Geschäft in zehn Jahren noch geben wird. Die zweite, ob der Preis stimmt. Deshalb investieren wir lieber in Logistiker als in E-Commerce-Plattformen. Wir haben in den Fonds keine Amazon, dafür Aktien der Deutschen Post. Ihr Geschäft ist zwar kapitalintensiv, dafür nicht so einfach zu kopieren. Die Markteintrittsbarrieren sind sehr hoch. Wenn dann solche Aktien wegen eines vorübergehenden Problems auch noch günstig bewertet sind, greifen wir zu.

Was halten Sie von US-Aktien im Allgemeinen? Geht der positive Trend weiter, oder ist die Rally nur ein einsames Strohfeuer?
Es sieht für mich mehr nach einem Strohfeuer aus. Denn der Schub, den die Unternehmen und die Wirtschaft durch die Steuerreform erfahren, ist vorübergehend und schon in den Preisen drin. Gleichzeitig kommen immer mehr Risikofaktoren ins Spiel, etwa durch höhere Zinsen, steigende Löhne und das riesige Haushaltsdefizit. Ausserdem sind amerikanische Aktien weltweit am höchsten bewertet, was wegen des kräftigen Wirtschaftswachstums zum Teil gerechtfertigt sein mag, aber keine gute Ausgangslage ist für langfristige Investitionen. Doch solange der Markt mit all dem kein Problem hat, kann die Party an den US-Börsen noch eine Weile weitergehen.

Sind die Aussichten für Europa so schlecht, wie es die Börsenkurse suggerieren?
Europas Börsen sind wie so viele Märkte dieses Jahr in einem Korrekturmodus. Besonders schwach sind die Bankaktien. Die Detailhändler leiden unter der Amazonisierung, der Auto- und der Zulieferindustrie macht der Handelsstreit zu schaffen. Die Korrektur eröffnet Kaufgelegenheiten, denn richtig tief fallen werden die Aktien nicht, solange die Realzinsen negativ sind. Es sei denn, es kommt zu einer US-Krise.

Das heisst, die USA bereiten Ihnen mehr Sorgen als die Zukunft der Eurozone oder die Probleme der Schwellenländer?
Die Krisen in der Türkei oder Argentinien sind für die Länder eine Katastrophe, aber sie sind zu klein, um an den globalen Finanzmärkten einen Crash auszulösen. Einzelne Unternehmen sind von der Schwäche der Schwellenländer betroffen, aber der breite Markt spürt davon wenig. Die einzige Krise, die wir wirklich fürchten müssen, ist eine US-Krise. Und dafür spricht mehr denn je.

Sie meinen damit das Haushaltsdefizit und den fortgeschrittenen Konjunkturzyklus?
Nein, ich meine Donald Trump. Er bedeutet einen Strukturbruch – nicht wegen seines Stils, seiner Vulgarität und Impulsivität, sondern wegen seiner Aussenpolitik. Das ist eine Zäsur. Das Land, das in der Nachkriegszeit den Freihandel gefördert hat, macht jetzt kehrt, stellt sich auf einmal als Opfer dar und schottet sich ab. Trump gefährdet die traditionell guten Beziehungen zu Europa. Den ersten Staatsbesuch seiner Amtszeit stattete er nicht London, Paris oder Berlin ab, sondern Saudi-Arabien. Und als er dann endlich nach London kam, brüskierte er die Premierministerin und den Bürgermeister.

Bisher halten sich die Schäden des Konfrontationskurses in Grenzen, zumindest die US-Wirtschaft blüht.
Der Handelskrieg mit China hinterlässt nur Verlierer. Die Zölle und die Unsicherheit würgen die Investitionen ab. Ich fürchte, das Wirtschaftswachstum wird in den kommenden Jahren deutlich nachlassen. Aber die Globalisierung lässt sich nicht mehr rückgängig machen, da ist Trump dreissig Jahre zu spät gekommen.

Sie sagen, in Europa gebe es durch die Kurskorrektur viele günstige Aktien. Finden sich darunter auch ein paar Schweizer?
Ja, natürlich. Implenia (IMPN 35.64 3.07%) sind interessant. Das Bauunternehmen ist gut aufgestellt. Nun hat ein schwacher Ausblick die Investoren aufgeschreckt und dem Kurs geschadet. An der langfristigen Erfolgsgeschichte hat sich aber nichts geändert. Deshalb sind Implenia bei Kursen um 60 Fr. für mich ein Kauf.

LafargeHolcim (LHN 48.93 1.09%) gehören dieses Jahr zu den schwächsten Werten im SMI (SMI 9315.63 0.64%). Bietet die Korrektur eine Kaufgelegenheit?
LafargeHolcim habe ich auf dem Monitor. Die Zementhersteller leiden an einem Schwellenländermalus. Sie haben sich in den letzten Jahren stark auf die Emerging Markets ausgerichtet, was langfristig sicher richtig ist, weil dort das Wachstum stattfindet. Jetzt aber wurden die Aktien dafür abgestraft, womöglich zu Unrecht. An Holcim gefällt mir, dass sich das Unternehmen auf den Cashflow konzentriert und sich nicht mehr nur damit beschäftigt, ein globales Imperium aufzubauen.

Welche Schweizer Aktien stehen sonst noch unter Ihrer Beobachtung?
Georg Fischer (FI-N 945 4.77%) zum Beispiel, ein klassischer Industriewert. Die Valoren stehen wegen des Handelsstreits und der Unsicherheit in der Automobilbranche unter Druck. Denn GF ist auch ein Zulieferer der Autoindustrie. Aber die Qualität ist hoch, und das Unternehmen hat sich breit diversifiziert. Die Titel sind sehr interessant, wenn der Kurs gegen 1000 Fr. sinkt.

Sie  sind ein Verfechter des Aktiensparens. Nach zehn Jahren Bullenmarkt fällt das Umschichten nicht leicht. Was erwidern Sie auf solche Bedenken?
Man muss gestaffelt, am besten mit einem Sparplan, Monat für Monat ein wenig investieren. Und was die Bewertung angeht:  Europäische Aktien sind nicht teuer. Gerade in Deutschland braucht es einen Gesinnungswandel. Die Deutschen sind so zinsbesessen. Das ist kein Vergleich zur Schweiz und zu anderen europäischen Ländern. Trotz Nullzinsen hängen sie am Sparbuch und an den Obligationen fest.

Was ist mit Gold (Gold 1338.43 -0.18%) oder Immobilien?
Ich rate, nur in produktive Sachwerte zu investieren, in Unternehmen, die sich den Bedingungen laufend anpassen. Gold bleibt immer gleich, es ist nicht produktiv. Gold ist keine Investition, sondern reine Spekulation, die auf der Hoffnung basiert, dass jemand anderes mehr dafür zu zahlen bereit ist. Als Eigenheim ist der Kauf einer Immobilie sinnvoll, aber nicht als Finanzanlage. Die Übertragungskosten sind gewaltig. Aktien hingegen können Sie jederzeit handeln. Ausserdem zweifle ich wegen der demografischen Entwicklung an der Nachhaltigkeit des deutschen Immobilienbooms. Vor allem in ländlichen Regionen schrumpft die Bevölkerung dramatisch, und die jungen Einwanderer können sich keine Immobilien leisten.

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