Unternehmen / Konsum

Lindt & Sprüngli gibt sich mutig

Analyse | Nach einem historischen Umsatzrückgang erwartet der Schokoladekonzern Aufholeffekte. Die Titel machen Pause.

Weihnachten statt Ostern: Für Lindt & Sprüngli verschiebt sich die Hoffnung auf Ende Jahr. Denn das wichtige Geschäft mit Osterhasen und Schokoladeeiern im Frühling wurde besonders stark von den Einschränkungen im Detailhandel und den Schliessungen der eigenen rund 500 Lindt-Shops getroffen. Schätzungen zufolge macht das Ostergeschäft zwischen 10 und 15% des Gesamtumsatzes aus.

Im ersten Halbjahr ging der Umsatz scharf zurück, auf organischer Basis betrug das Minus 8,1% nach plus 6,2% im Vorjahr. Es ist für Lindt seit mehr als 25 Jahren das erste Mal, dass der Semester-umsatz zurückging, wie Finanzchef Martin Hug die Aussergewöhnlichkeit der letzten Monate an einer Telefonkonferenz unterstrich. Lindt erwirtschaftet fast jeden fünften Franken in Verkaufskanälen, die teilweise oder ganz geschlossen waren.

Gleichzeitig veränderten sich im Lockdown die Konsumgewohnheiten, weil die Kunden zuhause blieben. Die Excellence-Produktlinie erlebte prozentual zweistelliges Wachstum, allgemein waren Schokoladetafeln sehr beliebt.

Fokus auf E-Commerce

Zudem konnte Lindt sein Online-Geschäft ausbauen. So gewannen etwa die Plattformen von Dritten wie Alibaba oder Amazon an Bedeutung, aber auch das eigene E-Commerce-Netzwerk wuchs.

Insgesamt verdoppelte sich der Absatz über das Internet in den letzten sechs Monaten, trotzdem macht er erst 4% des Umsatzes aus, wie Hug sagte. «Wir konnten damit den Rückgang bei den eigenen Shops nicht kompensieren.»

Mittlerweile sind etwa 90% der eigenen Lindt-Shops wieder geöffnet, allerdings ändert sich das je nach Lockdown-Situation in den verschiedenen Ländern. In einigen Staaten der USA nehmen die Einschränkungen derzeit wieder zu.

Schmerzhaftes US-Minus

Das eigene Ladennetz und das Geschäft mit Gastronomieprodukten ist dort besonders exponiert. Insgesamt ist die wichtigste Region Nordamerika für 36% der Verkäufe verantwortlich, nun schrumpfte der Umsatz organisch um 8,2%. Besser halten konnte sich Europa (-4,9%), während im Rest der Welt (-18,4%) der Reisedetailhandel im zweiten Quartal praktisch zum Erliegen kam.

Nordamerika fand eben erst zurück in die Erfolgsspur – auch dank einer Reihe von Massnahmen. Diese Restrukturierungen werden laut Finanzchef unverändert fortgeführt, teilweise sogar beschleunigt: Die Russell-Stover-Fabrik wird sieben Monate früher als geplant geschlossen. Gleichzeitig sollen die gruppenweiten Ausgaben für Werbung nicht reduziert werden.

Lindt ist in der komfortablen Lage, trotz deutlichen Bremsspuren weiter zu investieren. Die Gesamtinvestitionen von Januar bis Juni beliefen sich auf 117 Mio. Fr. und waren somit höher als im Zeitraum des Vorjahres (100 Mio. Fr.).

Das ist ein Grund, weshalb der Betriebsgewinn (Ebit) deutlich stärker zurückkam als der Umsatz, die entsprechende Marge sank um 6,1 Prozentpunkte auf 1,1%. Der Gewinn profitierte von einer Steuergutschrift und lag wie der Umsatz über den Analystenerwartungen.

Der Ausblick auf das zweite Halbjahr muss hingegen negativer beurteilt werden. Das Lindt-Management rechnet für 2020 mit einem organischen Umsatzrückgang von 5 bis 7% im Vergleich zu 2019 und einer Ebit-Marge von 10%, nach 13,2% Ende 2019. Für 2021 wird jedoch ein Aufholeffekt erwartet, auch die mittel- und langfristigen Ziele werden bestätigt.

Mutige Annahmen

Die Finanzziele gelten allerdings unter der Annahme, dass keine zweite grosse Infektionswelle eintritt und ein Weihnachtsgeschäft auf Vorjahresniveau realisiert werden kann. Für die sonst eher konservativ vorausschauende Lindt sind das mutige Annahmen – insbesondere, was die Festtage betrifft. Viel eher muss damit gerechnet werden, dass Zusammenkünfte und damit einhergehende Geschenkkäufe sowie Impulskäufe die Folgen der Coronapandemie noch spüren werden. Darüber hinaus ist Lindt finanziell solid aufgestellt und in einer guten Position, um weiter Marktanteile zu gewinnen.

Die Titel sind für einen Nahrungsmittelhersteller bisher eher glimpflich durch die Krise gekommen. Wohl zu glimpflich. In einem positiven Markt am Dienstag verloren die Partizipationsscheine (PS) knapp 5%. Aufgrund der neuen FuW-Gewinnschätzung für 2020 von 155 Fr. pro PS ergibt sich ein hohes KGV von 47, was die Fantasie zusätzlich begrenzt.

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