In Barreira steht ein namenloser, riesiger Hangar verloren inmitten einer Industriezone. Hier, 45 Fahrminuten vom Stadtzentrum entfernt, hat Alexandre Farto, bekannt unter dem Künstlernamen Vhils, das portugiesische Genie der Street Art, sein Atelier eingerichtet. «Das ist der Arbeitervorort von Lissabon, in dem ich aufgewachsen bin», verrät der Protegé von Banksy, dessen Werke an Auktionen rund um den Globus sämtliche Rekorde schlagen.

Um ihn herum zehn Mitarbeiter, alle unter dreissig und auch aus Vororten Lissabons stammend. Einer Stadt, in der sie mit der Bearbeitung der sich überlagernden politischen und kommerziellen Plakate an den Wänden ihr Geld verdienen.

Mit Graffiti, Skulpturen, Schablonen erwecken sie auf den Mauern ihrer Stadt Formen und Gesichter aus der Vergangenheit zu neuem Leben. Das ist die Handschrift von Vhils, dem Lieblingskind des Landes, von dem man bei einem Stadtrundgang nicht weniger als ein Dutzend Werke auf öffentlichem Grund entdecken kann. Und alle lohnen einen Umweg.

Willkommen in Lissabon

Es wird gemunkelt, dass seit dem Börsenkrach von 2008 mehr als 100’000 Expats hier investiert haben. Darunter zählt die frankophone Gemeinschaft 50’000 Mitglieder. «Sie haben das Territorium der Stadt neu gestaltet und ihrer Seele zu einem neuen Arty-Gesicht verholfen, das bei den Millennials sehr im Trend liegt», erklärt Olivia, eine eingewanderte Französin.

Die «Weisse Stadt» war lange Zeit für ihr Licht, ihre steilen alten Strassen, ihre Kirchen, Paläste und pittoresken Trams berühmt. In weniger als zehn Jahren wurden die Karten neu gemischt: Musikfestivals, kurzlebige Galerien… Die Kunst, die sich bislang auf das Stadtzentrum und die grossen Hotels beschränkte, schwärmte nun in neue Quartiere aus. Und sie taucht jetzt überall auf den Mauern auf.

Die bekanntesten Graffitikünstler wie Shepard Fairey oder Os Gêmeos kamen, um mit ihren Farbspraydosen überall zu spielen, hauptsächlich in den Barrios von Alfama und Alto. Dank dieser wilden und poetischen Kunstform wurde die Stadt von der britischen Tageszeitung «The Guardian» zum «weltweit besten Spot der Street Art» auserkoren. Vhils selbst wird in Lissabon von der Galerie von Vera Cortês vertreten, er hat jedoch mehrere Plattformen geschaffen, um seine Strassenkünstlerfreunde auszustellen.

Ein Beispiel ist die Underdogs Gallery im etwas ausserhalb gelegenen Quartier Braço de Prata, die von der Französin Pauline Foessel geleitet wird und auf deren Initiative ein Street-Art-Parcours mit Werken der regionalen Künstler zu entdecken ist: Vhils, AkaCorleone, PixelPancho, How & Nosm, MaisMenos, Finok, Okuda San Miguel, Nunca, Bicicleta Sem Freio, Clemens Behr… Diese ungefähr drei Stunden dauernde, geführte «Public Art Tour», die man in einem Minibus oder einem Sidecar absolviert, ist ein Must.

Unlängst hat sogar die Marke Cognac Hennessy in Lissabon den Startschuss für eine internationale Zusammenarbeit mit Vhils gegeben. Parallel zu den Ausstellungen bei Underdogs kann man jeden Monat eine oder mehrere von den Künstlern bearbeitete Mauern besichtigen. Selbstverständlich werden die an öffentlichen Bauten geplanten Werke im Einverständnis mit der überaus kooperativen Stadtverwaltung realisiert. «Wir arbeiten Hand in Hand mit den Ämtern», versichert Pauline Foessel.

«Das Bauamt verfügt über eine Fachkraft, die sich in diesem Bereich auskennt, sowie über Mittel, die für die Street Art bestimmt sind. Wenn ein Künstler bei uns ausstellt, gehört dies zur Show, das bringt eine öffentliche Dimension, die sich auf der Strasse abspielt.» Wer mehr darüber erfahren will, wendet sich an den Art Store Underdogs im TimeOut Mercado da Ribeira, wo man zum Verkauf angebotene Original-Serigrafien der Künstler sowie eine Auswahl Bücher findet und in den Cafés den Blick auf den Tejo geniesst.

Obwohl die Street Art in der Stadt eine führende Rolle spielt, kommt die zeitgenössische Kunst nicht zu kurz. Zahlreiche weitere interessante Galerien sind überall zu finden: Múrias Centeno, die zu den besten Galerien Europas gehört, hat einen neuen, der modernen Kunst gewidmeten Standort eröffnet.

Nicht zu vergessen Cristina Guerra und Filomena Soares, die die Elite portugiesischer und internationaler Künstler unserer Zeit ausstellen. Die jüngste Eröffnung in Lissabon ist die Filiale der Pariser Kultgalerie Jeanne Bucher Jaeger, die ihre Frühlingsausstellung unter dem Titel «The Sound of Drawing» Hanns Schimansky widmet. Nach Auskunft der Galerie handelt es sich dabei um einen Experimentierraum, um Werke auszustellen, die in Paris oder Lissabon selten zu sehen sind.

Seit dem letzten Jahr werden die meisten dieser Werke (mehr als fünfzig sind es 2018) im Mai an der Arco gezeigt, der in Lissabon stattfindenden internationalen Messe für zeitgenössische Kunst. Sie ist mit der Arco von Madrid verbunden, einem bekannten Sammlertreffpunkt. In der Architektur ist ebenfalls viel los. Jeden Monat wird ein neues Gebäude aus dem Boden gestampft.

Ende 2016 war es das MAAT (Museum für Kunst, Architektur und Technologie) der englischen Architektin Amanda Levete, das am Ufer des Tejo neben dem imposanten Central Tejo eröffnet wurde, einem ehemaligen Kraft werk, das seit 1990 als Museum dient. Auf dem grossen, wellenförmigen Dach des MAAT kann man spazieren oder picknicken, es wird jedoch auch für Konzerte und Filmvorführungen unter freiem Himmel genutzt. «Das reichhaltige Programm lockt ein internationales Publikum von Sammlern, Kunstkritikern, Galeristen und Künstlern nach Lissabon», versprach Museumsdirektor Pedro Gadanho, der vorher beim MOMA in New York tätig war, bei der Einweihung.

«Durch die Vielfalt der Ausstellungen und der Räumlichkeiten wird es zu einer wichtigen Etappe des kulturellen Angebots der Hauptstadt.» Nicht weit davon entfernt stehen die Touristen vor der Pasticeria de Belém Schlange, um sechs Mini-Pastéis de Nata zu erobern, das berühmte Dessert dieses Vororts, eine Art Flan aus Eiern und Zimt in knusprigem Blätterteig.

Dann geht’s ins Museum Berardo mit seiner nüchternen Fassade, das eine der interessantesten Kunstsammlungen der Welt beherbergt. Angesichts der über tausend von José Berardo zusammengetragenen Meisterwerke moderner und zeitgenössischer Kunst, vom Surrealismus über die Pop Art bis zur Konzeptkunst, wird einem fast schwindlig. Die Sammlung portugiesischer Kunst dieses Multimillionärs und Bauernsohns ist ebenfalls phänomenal.

Ein Publikumsmagnet sind zudem Wechselausstellungen des Berardo-Museums. Die Hauptstadt Portugals bietet dank Olivia Allard-Chapelin de la Villeguerin, einer seit fünf Jahren in Lissabon wohnenden Französin, höchsten Komfort. Die leidenschaftliche Innendekorateurin und Immobilienspezialistin hat das Unternehmen Lisbonne Collection gegründet, das die kurzoder die längerfristige Vermietung von Unterkünften der Spitzenklasse in Lissabon betreut.

Eine einzigartige Möglichkeit, auf die üblichen Einrichtungen wie Hotel oder Airbnb zu verzichten und von aussergewöhnlichen Wohnungen und Häusern mit dem Cachet der historischen Stadt sowie von den Kunstwerken der Vermieter zu profitieren. Möchten Sie eine Privatsammlung und die Porzellanwerkstatt Vista Alegre besuchen oder gar einen Künstler treffen? Die Türen öffnen sich dank dem im Mietpreis inbegriffenen Pförtnerdienst und dem Adressbuch Olivias.

Zu den angesagten Treffpunkten für Einheimische und Touristen gehört auch die kürzlich eröffnete LX Factory. Die ehemalige Textilfabrik wird nun von Kunstgalerien, Modeboutiquen, Restaurants und Ateliers genutzt und zieht vor allem am Wochenende viel Publikum nach Bélem. London und Berlin seien gewarnt!