Meinungen

Lob des flexiblen Arbeitsmarktes

Schweiz mit international rekordhohen Erwerbsquoten. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Peter Morf.

«Verschärfungen der flankierenden Massnahmen oder Einschränkungen der Personenfreizügigkeit können nur Schaden anrichten.»

Die Schweizer Wirtschaft war, ist und bleibt äusserst robust. Daran ändert auch nichts, dass die Prognosen für das laufende Jahr eine leichte Wachstumsabschwächung sehen. Diese dürfte allerdings nicht zu einer Rezession auswachsen. Schon im kommenden Jahr darf wieder mit einer Beschleunigung gerechnet werden.

Diese Entwicklung spiegelt sich auch im Arbeitsmarkt. Er erweist sich, einmal mehr, als äusserst widerstandsfähig. Die Arbeitslosigkeit ist im März auf 2,5% gesunken, die Zahl der Arbeitslosen verringerte sich um gut 18 000 Personen. Zudem lag die Zahl der Erwerbstätigen auch im vierten Quartal 2018 (neuere Zahlen liegen noch nicht vor) über fünf Millionen – ein Rekordniveau.

Das vorteilhafte Bild wird komplettiert durch die am Dienstag im Rahmen der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (Sake) veröffentlichten Zahlen zur Erwerbsbeteiligung bzw. den Erwerbsquoten. Demnach waren im vergangenen Jahr 84,2% der Bevölkerung zwischen 15 und 64 Jahren erwerbstätig. Im Vergleich zum Vorjahr ergab das eine Steigerung um 0,2 Prozentpunkte. Noch 2010 lag dieser Wert 2,9 Prozentpunkte niedriger auf 81,3%.

Mit diesem Wert liegt die Schweiz im internationalen Vergleich auf einem Spitzenplatz. In Europa weist nur gerade ­Island mit 88,7% (Jahr 2017) einen höheren Wert auf. Der EU-Durchschnitt lag mit 73,3% deutlich unter den Spitzenwerten, die höchste Erwerbsquote erreichte Schweden mit 82,8%.

Die Schweiz weist auch einen hohen Anteil an Teilzeitarbeit aus. Obwohl dieser Umstand oft eher negativ gewichtet wird, kann er durchaus auch positiv interpretiert werden. Die Arbeitsbereitschaft ist hoch, und die Arbeitgeber bieten unterschiedliche Arbeitszeitmodelle an. Das ist auch ein Zeichen der Flexibilität des Arbeitsmarktes. Diese Interpretation wird gestützt durch einen weiteren Befund der Sake: Väter und Mütter mit mindestens einem Kind unter 15 Jahren können ihre Arbeitszeit mehrheitlich einfach ihren Bedürfnissen anpassen.

Diese Flexibilität des Arbeitsmarktes trägt entscheidend zu seiner Widerstandsfähigkeit bei. Sie hat es möglich gemacht, dass in den vergangenen Jahren die hohe Zuwanderung in die Schweiz problemlos vom Arbeitsmarkt absorbiert werden konnte. Es fand keine nennenswerte Zuwanderung in die Sozialversicherungen statt. Belege dafür sind die niedrige Arbeitslosenquote sowie die hohe Erwerbstätigkeit.

Diese Flexibilität darf auf keinen Fall ohne Not eingeschränkt werden. Das heisst konkret, dass weder der Kündigungsschutz auszubauen noch die Allgemeinverbindlicherklärung von Gesamtarbeitsverträgen zu erleichtern ist, wie das die Gewerkschaften stets fordern. Verschärfungen der flankierenden Massnahmen oder Einschränkungen der Personenfreizügigkeit mit der EU können da nur Schaden anrichten. Diese sehr wichtigen Faktoren gilt es in den Debatten um das Institutionelle Abkommen mit der EU im Auge zu behalten.

Leser-Kommentare

Willy Huber 24.04.2019 - 13:07
Kann schon so sein. Aber das ist natürlich noch kein Grund, ein Rahmenabkommen mit dem undemokratischen (Einkammersystem, etc.), sich autoritär (Deutschland, Frankreich) gebärdenden Gebilde EU zu unterwerfen. Wie sich das weiterentwickelt, in der EU und in der Schweiz, ist sehr fraglich. Der Bildungsnotstand in Deutschland, wo kaum mehr ein Schüler deutsch muttersprachig ist, und die oft gebärfreudigen Traditionen oder Religionsgebote… Weiterlesen »
Markus Saurer 24.04.2019 - 20:12

Sehr schön. Das Bild wird aber, soviel mir bekannt ist, eingetrübt durch eine vergleichsweise niedrige Produktivität.