Meinungen

Lohnt sich Private Banking noch?

Um die Private-Banking-Branche in der Schweiz könnte es gegenwärtig gar nicht schlechter stehen. Doch es gibt Instrumente, um die Profitabilität auf Dauer wieder herzustellen. Ein Kommentar von Teodoro Cocca.

Teodoro D. Cocca
«Das Senken der operativen Kosten – unter Wahrung der Dienstleistungsqualität – ist die grosse Herausforderung für die aktuelle Managergeneration.»

Was mit der Finanzkrise 2007 begonnen hat und inzwischen im Steuerkonflikt mit den USA den bislang letzten Höhepunkt findet, kommt der biblischen siebenjährigen Dürrephase erschreckend nahe. Eine Trendumkehr zu sieben ertragreichen Jahren erwarten auch die grössten Zweckoptimisten nicht. Dieses Elend geht der Privatbankbranche an die Substanz – finanziell und emotional. Ein differenzierter Blick auf ­betriebswirtschaftliche Zusammenhänge hilft, die Untergangsstimmung zu relativieren.

Der Ausweis des Nettoneugelds ist eine der gegenwärtig irreführendsten Kennzahlen der Branche. Positive Nettoneugeldzahlen, wie stets von Aktionären und Analysten gefordert, sind im aktuellen Umfeld nicht ein zwingender Beweis für eine nachhaltige Bankführung. Die Überführung von Kunden in die Steuerkonformität löst zwangsläufig einen Abfluss von Geldern aus, der in diesem Fall aber als befreiende Bereinigung von Altlasten zu sehen ist. Ermutigende Erfahrungen (vor allem mit Deutschland) zeigen, dass besonders grössere Kunden nach vollzogener Regularisierung ihre Gelder (abzüglich Steuernachzahlung) in der Schweiz belassen. Diese Kundenbindungsrate ist für die Branche derzeit einer der zentralsten Werttreiber.

Zudem ist die jeweils nicht publizierte Bruttobetrachtung des Neugeldflusses zur korrekten Einschätzung der operativen Leistung unerlässlich. Diese Zahlen zeigen, dass regulatorisch bedingtem Abfluss eine nicht zu vernachlässigende Akquisitionsleistung der Fronteinheiten gegenübersteht. Ein operativ fundamentales Lebenszeichen! In der Summe gilt es festzuhalten, dass der Schweizer Finanzplatz bis dato nicht in dem Ausmass Gelder verloren hat, wie die düsteren Schlagzeilen rund um das Bankgeheimnis würden erwarten lassen. Der dramatische Exodus hat – zumindest noch – nicht stattgefunden.

Ertrag im Zyklustief

Häufig wird die hohe Zahl der Private-Banking-Anbieter, die operativ Verlust schreiben, in Verbindung mit den regulatorischen Herausforderungen und den damit verbundenen steigenden Kosten gebracht. Dieser Ursache-Wirkungs-Zusammenhang muss hinterfragt werden. Ein genauer Blick auf die Ertrags- und Kostenstruktur der Banken zeigt, dass die zunehmende Regulierung keinen so gravierenden Einfluss haben kann, um einen ordentlichen Jahresgewinn einer Bank zu eliminieren. Auch wenn die Regulierungskosten steigen, sind die echten Treiber der operativen Verluste zyklischer Natur: gesunkener ­Ertrag wegen des Zinsumfelds und der Flaute am Kapi­talmarkt, in Verbindung mit einem notorisch starren ­Kostenblock im Private Banking. Es ist primär nicht die Zunahme der Kostenseite, sondern der Rückgang auf der Ertragsseite, der zu den operativen Verlusten führt.

Die Aufmerksamkeit geniesst momentan der Konflikt mit den USA, der in der Tat martialische Züge annimmt und auch existenzielle Fragen für die eine oder andere Bank aufwirft. Die entscheidende Schlacht für die Schweiz wird aber nächstes Jahr geschlagen, wenn eine Lösung mit der EU (bzw. innerhalb der OECD) zu finden sein wird. Ertragsseitig sind die europäischen Kernländer die wichtigsten Märkte für das schweizerische Private Banking (Grossbanken ausgenommen).

Kooperatives Verhalten der Schweiz vorausgesetzt, wird die internationale Gemeinschaft keines der dra­konischen Elemente androhen, die im Steuerstreit mit den USA in diesen Wochen so viel Sorgen bereiten: keine Bussen (schon gar nicht in absurden Prozentsätzen der Kundenvermögen), vergleichsweise kleiner administrativer Aufwand einer Implementierung des automatischen Informationsaustauschs (AIA) und beschränkteres Erpressungspotenzial aufgrund von Klagedrohungen. Wenn man etwas Gutes am aktuellen US-Steuerstreit erkennen will, dann die Wirkung auf die Akzeptanz des AIA: Die Private-Banking-Branche wird nach der albtraumhaften US-Erfahrung den AIA nicht mehr als das Schlimmste ­aller Übel betrachten.

Die ultimative Frage ist, ob die Branche mit dem AIA-bedingten Abfluss überhaupt noch ein tragbares Geschäftsmodell hat. Betriebswirtschaftlich stellt sich die Herausforderung, vereinfacht ausgedrückt, wie folgt dar: Verliert die Bank x% der Vermögenswerte, muss sie ihre Kostenbasis ebenfalls x% reduzieren, um die Profitabilität zu halten. Unter Berücksichtigung der erwähnten ermutigenden Hinweise in Bezug auf die Bindung auslän­discher Kunden an Schweizer Institute muss eine Bank, je nach Struktur des Kundenbuchs, mit Szenarien eines durchschnittlichen Abflusses von 10 bis 30% der Kundengelder rechnen. Dieser Abfluss setzt sich aus Repatriierungen, Steuernachzahlungen und Verschiebungen in Drittländer zusammen. Wobei Letzteres den kleinsten Teil ausmachen wird, da im Fall eines mehr oder weniger globalen AIA-Standards die realistischen Ausweichmöglichkeiten schwindend klein sein werden.

Das Senken der operativen Kosten im dargelegten Ausmass – unter Wahrung einer angemessenen Dienstleistungsqualität – stellt die grosse Herausforderung für die aktuelle Managergeneration dar. Dafür müssen «heilige Kühe» geschlachtet werden: in den Personalkosten und den weiterhin sehr teuren Produktionsapparaten der Banken. Die Schweizer Banker müssen hierfür neue Tugenden entwickeln, denn eine auf Kostenreduktion basierte Strategie war noch nie ihre Stärke; sie setzten bisher immer genau auf das Gegenteil: teuer und exklusiv.

Dass viele Banken zum Verkauf stehen, untermauert den Eindruck von einer untergehenden Branche. Zu ­Unrecht. Diese zum Verkauf stehenden Einheiten stammen nämlich fast immer von einer ausländischen ­Bankgruppe, die sich aus der Schweiz zurückziehen möchte. Die Schweiz hat die weltweit höchste Dichte an Instituten, die sich ausschliesslich oder mehrheitlich auf das Private Banking fokussieren. Für die ausländischen Institute macht das Private-Banking-Geschäft in der Schweiz aber nur einige Prozentpunkte des Gruppen­gewinns aus. Die Verkaufsentscheidung kann aus dieser Sicht schneller gefasst werden, genauso wie vielleicht später einmal der Wiedereinstieg.

Wertschöpfungsketten industrialisieren

Durch die Finanzkrise angeschlagene Bankgruppen veräussern derzeit vor allem nicht strategische Gruppeneinheiten, um das dringend benötigte Eigenkapital auf­zubauen. Auch macht der Heimmarktregulator zunehmend klar, dass es geschäftspolitisch nicht mehr opportun ist, eine auf Private Banking spezialisierte Tochtergesellschaft in der Schweiz zu besitzen. Auffallend ist ­ferner, dass keine klassische Branchenkonsolidierung stattfindet. Die betriebswirtschaftlichen Herausforderungen würden erwarten lassen, dass die Konsolidierungswelle zu grösseren Zusammenschlüssen führt, um kritische Volumen und damit Skalenvorteile zu erreichen. Dies ist aber nicht der Fall. Die Schmerzgrenze scheint einerseits noch nicht erreicht, andererseits fehlt im Private Banking schlichtweg das Potenzial für Skalenvorteile. Erst die Bereitschaft, Wertschöpfungsketten grundlegend zu industrialisieren, wird Skaleneffekte in signifikantem Ausmass ermöglichen. Konsolidierungswellen haben industriepolitisch auf jeden Fall auch eine positive Wirkung: Diejenigen Anbieter, die übrig bleiben, kommen gestärkt aus der schöpferischen Zerstörung hervor.

Das Private Banking ist nicht dem Untergang geweiht. Es wäre ein Trugschluss zu glauben, dass die Dienstleistungskomplexität in einer steuerkonformen Welt ­abnimmt und komplexe Vermögensverwaltungsdienstleistungen durch Retailbanken oder reine Online-Broker abdeckbar sind. An Hebeln, um die Profitabilität nach­haltig wieder zu erreichen, fehlt es, wie dargelegt, nicht. Das muss der leidgeplagten Branche Hoffnung machen. Vor diesem Hintergrund spricht für die Interessenvertreter der Gesamtbranche wie für die einzelnen Institute ­alles dafür, den Veränderungsprozess endlich proaktiv und mutig anzugehen. Es lohnt sich.

Leser-Kommentare