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Lohnzuschuss statt Grundeinkommen

Eine Lohnsubvention würde sicherstellen, dass diejenigen erfasst werden, die besonders Gefahr laufen, durch Maschinen verdrängt zu werden. Ein Kommentar von Barry Eichengreen.

Barry Eichengreen
«Seit jeher ist Arbeit ein unverzichtbares Element menschlicher Gesellschaften.»

Als die Schweizer Stimmbürger im Juni 2016 mit grosser Mehrheit die Initiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen ablehnten, hätte man meinen können, die Idee sei ein für alle Mal beerdigt worden. Doch weit gefehlt. Im Silicon Valley lässt sich heute kaum ernsthaft über die Zukunft der Wirtschaft diskutieren, ohne dass dieses Konzept wohlwollend zur Sprache gebracht wird. Unter den prominenten Befürwortern finden sich Facebook-Mitgründer Chris Hughes, der Venture Capitalist Marc Andreesen, Web-Maestro Tim O’Reilly und Sam Altman, Chef des Tech-Inkubators Y Combinator. Angesichts des Einflusses dieses illustren Zirkels im Bereich digitale Medien dürfte die Idee Grundeinkommen ein Dauerthema bleiben.

Dass das Konzept gerade jetzt und gerade hier aufkommt, ist nichts als plausibel. Der rasant voranschreitende technologische Wandel – wer wüsste das besser als diese Tech-Titanen – wirft je länger, je mehr die Frage auf, ob es letztlich für Menschen überhaupt noch Stellen geben wird. Denn falls nein, falls Menschen nicht mehr in der Lage sein werden, ihren Lebensunterhalt mit einem Arbeitseinkommen zu bestreiten, dann drängt sich das Konzept eines universellen Grundeinkommens geradezu auf.

Die jüngsten Fortschritte im Bereich Robotik und künstliche Intelligenz lassen es fraglich erscheinen, ob die letzten Bastionen menschlicher Arbeitskraft tatsächlich sicher sind vor der Mechanisierung. Seit jeher wiesen Experten darauf hin, wie schwierig es sei, einen Roboter zu bauen, der Servietten falten kann, wenn sie die Grenzen der Mechanisierung aufzeigen und belegen wollten, dass der Mensch mit seiner Fingerfertigkeit und seiner Hand-Auge-Koordination der Maschine immer noch überlegen ist. Nun hat das deutsche Unternehmen Denso einen Roboter entwickelt, der Servietten, Wäsche usw. zusammenlegt. Servietten falten mag ja nun nicht die anspruchsvollste Aufgabe aller Zeiten sein, doch Densos Entwicklungserfolg belegt, dass ein Job, der Handfertigkeit voraussetzt, nicht mehr per se sicher ist.

Pflege-Roboter in Japan

Wenn schon nicht die Tätigkeiten sicher sind, die die Hand-Auge-Koordination voraussetzen, dann aber doch wohl diejenigen, die Empathie, Mitgefühl und zwischenmenschliche Kompetenzen erfordern? Der Kindergärtner, die Eheberaterin, der Rabbi, die Pflegerin zu Hause, deren Produktivität auf ihren Sozialkompetenzen in der direkten Begegnung mit dem Gegenüber basiert, werden nicht so bald durch Alexa oder Siri ersetzt.

Oder doch? In Japan, wo die demografischen Verhältnisse die Kosten der Pflege zu Hause stetig steigen lassen, haben die Ingenieure von Riken und Sumitomo Riko Labs einen lebensgrossen Roboter in Teddybärgestalt namens Dinsow entwickelt, der nicht nur grundlegende Dienste im Gesundheitsbereich erbringt, sondern auch Konversation betreibt, Gruppenaktivitäten leitet und leidenden Patienten Beistand und Gesten der Zuneigung gewährt.

Denkt man diese Beispiele weiter, gelangt man zur Einsicht, dass Arbeitsplätze für Menschen bald der Vergangenheit angehören werden. Ein gutes Argument für ein universelles Grundeinkommen.

Welt ohne Arbeit – eine falsche Prämisse

Allerdings stösst diese Idee auf beachtliche Probleme in der praktischen Umsetzung. Würde jeder Erwachsene in den USA ein Grundeinkommen von 10’000 $ pro Jahr erhalten, würden die Kosten dafür das gesamte gegenwärtige Staatsbudget übersteigen. Selbst wenn es nur Haushalten unterhalb der Armutsgrenze – auf Bundesebene liegt diese Schwelle bei 50’000 $ – gewährt würde, betrügen die Kosten immer noch 400 Mrd. $ bzw. ein Zehntel der gegenwärtigen Staatsausgaben. Würden die Zahlungen eingestellt, sobald das Einkommen eines Haushalts über 50’000 $ steigt, wäre das ein starker Anreiz, auf die Arbeit zu verzichten, je näher die Schwelle rückt, denn der Grenzsteuersatz für einen Haushalt in einer solchen Lage wäre astronomisch. Die Zahlungen könnten auch schrittweise auslaufen statt abrupt bei Erreichen der Schwelle. Doch das würde die Kosten nur noch mehr in die Höhe treiben. Ganz zu schweigen von den ethischen Fragen, die sich dann stellen. Soll die stufenweise Reduktion schon beginnen, wenn der Haushalt sich noch unterhalb der Armutsgrenze befindet, oder erst darüber? Und wie rasch soll er vonstattengehen?

Aber auch die Prämisse einer Welt ohne Arbeit selbst kann hinterfragt werden. Schon die Ludditen, die zornigen englischen Textilarbeiter, warnten vor über zwei Jahrhunderten vor diesem Schreckgespenst. 1930 beschrieb John Maynard Keynes in seinem Essay «Wirtschaftliche Möglichkeiten für unsere Enkelkinder» eine Welt, in der Menschen dank der Hilfe raffinierter Maschinen nicht mehr als fünfzehn Stunden pro Woche arbeiten. Doch es kam anders. Rasanter technologischer Wandel hin oder her: Die Geschichte zeigt, dass für jeden Arbeitsplatz, der von der Mechanisierung verdrängt wurde, mehrere neue in anderen Bereichen entstanden. Dass die Ludditen – an der Schwelle zur Industriellen Revolution – nicht erkannten, was kommen würde, überrascht nicht. Erstaunlicher ist, dass auch die klügsten Köpfe des Silicon Valley es nicht sehen – nach über 200 Jahren technologischen Fortschritts und Beschäftigungswachstum.

Die Geschichte hat gezeigt, dass die Menschen mehr als gewillt sind, diese neuen Jobs auszuführen. Sie sind nach wie vor bereit, mehr als fünfzehn Stunden pro Woche zu arbeiten – eine angemessene Entlohnung natürlich vorausgesetzt. Dies ist der Knackpunkt: Die Menschen werden arbeiten wollen, wenn der Lohn hoch genug ist, um die Aufgabe attraktiv zu machen. Die Unternehmen jedoch werden sie nur dann einstellen, wenn der Lohn niedrig genug ist, dass der Mensch die Leistungen zu einem besseren Preis erbringen kann als der Roboter Dinsow.

5 bis 10. Fr. pro Stunde

Je produktiver die Roboter also werden, desto unwahrscheinlicher ist es, dass ein Marktlohn zustande kommt, der beide Seiten zufriedenstellt. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute ist: Diese Betrachtungsweise legt nahe, dass es eine überlegene Alternative zum universellen Grundeinkommen gibt, nämlich den universellen Lohnzuschuss. Eine einheitliche Subvention von, sagen wir, 5 oder 10 Fr. pro Arbeitsstunde, vonseiten des Staates für jeden einzelnen Angestellten würde bewirken, dass für jeden Einzelnen Arbeit attraktiver ist als Untätigkeit, da einträglicher. Auch die Unternehmen würden die Entscheidung zwischen einem Arbeitnehmer und einem Roboter, der ihn ersetzt, anders kalkulieren: Der Arbeitnehmer wird subventioniert, die Maschine nicht.

Eine einheitlich ausgestaltete Lohnsubvention würde sicherstellen, dass diejenigen erfasst werden, die besonders Gefahr laufen, durch Maschinen verdrängt zu werden, namentlich die weniger qualifizierten Arbeitnehmer, deren relativ niedrige Löhne man gar nicht mehr weiter senken kann, um sie über den Preis in der Beschäftigung zu halten. Gleichzeitig hätte ein Zuschuss von 5 oder 10 Fr. nur geringe Auswirkungen auf die Kosten und die Beschäftigung von Besserqualifizierten mit höheren Löhnen.

Sinnhaftigkeit und Gebrauchtwerden

Doch das gewichtigste Argument für diesen Ansatz ist die Tatsache, dass Arbeit dem Menschen Befriedigung verschafft und neue Fähigkeiten vermittelt. Arbeit stiftet ein Gefühl von Sinnhaftigkeit und Gebrauchtwerden, das sich nicht einstellt – zumindest nicht für die meisten von uns –, wenn man den ganzen Tag im Pyjama auf dem Sofa herumlungert und Videospiele spielt. Arbeit erlaubt, nicht nur ökonomisch wertvolle Erfahrungen zu sammeln, sondern auch zwischenmenschliche Fähigkeiten zu erwerben, die uns zu produktiveren Mitgliedern der Gesellschaft machen. Das fängt bei grundlegenden Dingen an: Ein geregelter Arbeitsalltag lehrt, pünktlich zu erscheinen. Oft arbeitet man als Teil einer Gruppe, eines Teams, was die Entwicklung von Kompetenzen in verbaler und nichtverbaler Kommunikation, Zuhören und Zusammenarbeit bedingt. Die Fähigkeit zuzuhören, zu kommunizieren, zusammenzuarbeiten und sich in andere hineinzuversetzen, beeinflusst nicht nur den Umgang miteinander am Arbeitsplatz, sondern erstreckt sich weit darüber hinaus: Sie sorgt für ein harmonischeres Zusammenleben in der Gesellschaft und fördert konstruktiveres Politisieren.

Seit jeher ist Arbeit ein unverzichtbares Element menschlicher Gesellschaften. Der Fokus auf allgemeine Lohnsubventionen statt auf ein universelles Grundeinkommen trägt dieser fundamentalen Tatsache Rechnung.

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