Meinungen

Londons russisches Problem

Grossbritannien empfing die reichen Oligarchen mit offenen Händen. Nun bekommt es dafür die Quittung. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Pascal Meisser.

«Etwas spät merkt London, welche Risiken eine solch enge Liaison mit den reichen Russen mit sich bringt. »

Über Jahre waren neureiche Russen in der Londoner City gern gesehen – als Käufer von Luxusimmobilien, als Investoren in Fussballklubs oder als Unternehmer, die den Zugang zum russischen Markt eröffneten. Doch nun hat sich die Stimmungslage binnen weniger Wochen deutlich verändert.

Angefangen hat die Zeitenwende Anfang März, als in der südenglischen Stadt Salisbury eine bislang unbekannte Täterschaft eine Nervengasattacke auf den Ex-Spion Sergej Skripal verübte. Für die britische Regierung stand der mutmassliche Auftraggeber schnell fest – der russische Staat. Für eine grössere Schockwelle sorgte die Sanktionsliste von US-Präsident Donald Trump gegen russische Oligarchen und dem Kreml nahestehende Unternehmen. Denn die Reihe der Betroffenen liest sich wie ein Who’s who russischer Geldmagnaten, die in London von der politischen und wirtschaftlichen Elite einst quasi mit Handkuss empfangen wurden.

Seinerzeit, in den frühen 2000er-Jahren, suchten reiche Russen nach Möglichkeiten, ihre während den Privatisierungen in den Neunzigerjahren erlangten Vermögen zu investieren. Der bevorzugte Ort dafür war London: Eine äusserst internationale Stadt, ein wichtiger Finanzplatz, gute Privatschulen.

2003 startete die grosse Rubelinvasion in London, als Roman Abramowitsch für 210 Mio. £ den FC Chelsea kaufte. Es war gleichzeitig der Anfang einer beispiellosen Geldschwemme im bezahlten Fussball, die bis heute anhält.

Gleichzeitig rissen sich Abramowitschs Landsleute zahlreiche Immobilien an exklusiven Lagen in und um London unter den Nagel und zahlten dafür teils Fantasiepreise. Bei Kunstauktionen von Sotheby’s und Christie’s waren die Käufer immer häufiger russischer Herkunft. Auch die Londoner Börse profitierte vom Russenboom. 2013 waren nicht weniger als hundertfünfzehn Unternehmen aus der früheren Sowjetunion an der London Stock Exchange zweitkotiert. Heute sind es noch halb so viele.

Auch Politiker erlagen dem Rubelcharme. In der britischen Wochenendpresse wurde daran erinnert, wie sich 2008 das damalige Schattenkabinettsmitglied und spätere Schatzkanzler George Osborne auf einer Jacht in Korfu sonnte. Diese gehörte Oleg Deripaska, der in den amerikanischen Sanktionen prominent genannt wird.

Etwas spät merkt die Londoner City, dass eine derart enge Liaison mit Russland nicht nur Geldsegen, sondern auch Reputationsrisiken mit sich bringt. Zwar hält sich die britische Regierung noch zurück, sich zu den US-Sanktionen zu äussern, doch spürt Londons russische Community, dass das einstige Wohlwollen nun in Argwohn umgeschlagen ist. Das merken vor allem jene, deren Kinder in englischen Privatschulen unterrichtet werden. Deshalb drohen die ersten russischen Familien damit, ihr Hab und Gut zu packen und nach Paris umzuziehen – «dorthin, wo das Essen besser ist».

Die britische Hauptstadt könnte diesen Verlust verkraften.

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