So könnte es auf Zypern aussehen: ein allem Anschein nach türkischer Händler, der die Köstlichkeiten in seinem Lebensmittelladen auch für Kundschaft griechischer Zunge ausschreibt. Doch auf der Insel sind die Völkerschaften getrennt. Nach ihrer Invasion 1974 errichtete die türkische Armee eine streng bewachte Grenze. Hingegen leben etwa im Städtchen Komotini – und anderswo im Nordosten Griechenlands – auch Türken, ferner Bulgaren, Armenier, Roma. Die Gegend heisst Westthrakien; Nordthrakien gehört zu Bulgarien, Ostthrakien ist der europäische Teil der Türkei. Gleich auf den Ersten Weltkrieg folgte der Griechisch-Türkische Krieg; die Griechen verloren. Im Vertrag von Lausanne wurde 1923 ein gigantischer Bevölkerungsaustausch beschlossen. Etwa 1,25 Mio. Griechen mussten Kleinasien verlassen, ungefähr 500 000 Türken Nordgriechenland, abgesehen von wenigen im Abkommen geschützten Gruppen wie eben derjenigen der seit jeher ansässigen Westthrakientürken. Der alte Händler hat es also Lozan, wie die Türken umstandslos schreiben, zu verdanken, dass seine Familie nicht vertrieben wurde. Was er wohl von der Völkerwanderung hält, die sich unweit von hier am Grenzfluss Mariza/Meriç staut? (Bild: Sakis Mitolidis / AFP)