Dossier-Bild Ein Artikel aus dem Dossier Nachhaltig investieren
Luftikus

Der Luftikus

Von Kampfjets und einem Öl-IPO, das in der Pipeline steckenzubleiben droht.

Zehn Tage ist es her, dass die Schweizer Klimapolitik an der Urne gestrandet ist. Aber davon redet inzwischen niemand mehr. Stattdessen steigt in Bundesbern die Furcht vor der nächsten Abstimmungsniederlage: die Beschaffung neuer Kampfjets. Ausgerechnet der ehemalige Armeechef André Blattmann hat Zweifel geäussert, ob man dem Normalbürger überhaupt erklären könne, wofür die Schweiz die Flugzeuge braucht. Sozusagen Stranded Assets des Militärs.

Die Energiebranche hatte ihren André-Blattmann-Moment vor einigen Wochen: Die Rolle des Armeechefs spielte die Internationale Energieagentur, einst der Lobbyverein für fossile Energien. Sie ist zum Schluss gekommen, dass keine weiteren Öl- und Gasfelder mehr erschlossen werden müssen, um die Energieversorgung sicherzustellen.

Noch schlimmer für die Energiekonzerne: Es mehren sich die Stimmen, die sagen, selbst von den erschlossenen Vorkommen dürfte nur ein Bruchteil ausgebeutet werden, wenn die Pariser Klimaziele erreicht werden sollen.

«Das Pariser Abkommen ist ein globaler, verbindlicher Vertrag», sagt Peter Zollinger, Leiter Impact Research beim Vermögensverwalter Globalance. «In den Bilanzen der fossilen Energieunternehmen wird es zu Wertabschreibern kommen.» Sie besässen zu viele verlorene Investitionen, Stranded Assets, die sich finanziell einfach nicht mehr lohnen – egal, wie viel Geld bereits in die Exploration geflossen ist. Im Jahr 2020 mit rekordtiefen Ölpreisen begannen mehrere Unternehmen, den Wert laufender Projekte abzuschreiben.

Gegen den Trend stellt sich Wintershall Dea. Die Spezialistin für die Exploration von Öl- und Gasvorkommen gehört dem deutschen Chemieriesen BASF (BAS 57.91 -6.01%) und der vom russischen Oligarchen Mikhail Fridman kontrollierten LetterOne. Wintershall Dea teilte vor wenigen Wochen mit, ein neues Ölfeld vor der norwegischen Küste entdeckt zu haben. Eine ähnliche Meldung gab es schon vor einem Jahr. Investoren mochten nicht so recht in den Jubel einstimmen. Denn schon seit 2019 ist bekannt, dass Wintershall Dea an die Börse soll. Das Interesse hält sich aber in Grenzen. Erst vor wenigen Tagen hat BASF wieder einmal bekanntgegeben, den Börsengang zu verschieben: «Während sich die Öl- und Gaspreise auf dem Spotmarkt sowie am kürzeren Ende der Terminpreiskurve deutlich erholt haben, wird diese Verbesserung in den langfristigen Analysteneinschätzungen bisher noch nicht vollständig reflektiert.»

Eine weitere Belastung für Wintershall Dea ist, dass sie an der russischen Gaspipeline Nord Stream 2 beteiligt ist – jener Pipeline, die immer wieder mit Sanktionsdrohungen aus den USA konfrontiert ist. Und hier schliesst sich nun der Kreis: Wenn die Schweiz genügend viele US-Kampfjets kauft, kommt vielleicht auch Wintershall Dea zum Fliegen, denn der «Ferrari (RACE 262.71 -2.09%) der Lüfte» verbraucht reichlich Kerosin, das in der Schweiz nach dem Nein zum CO2-Gesetz weiter munter verbrannt werden darf.