Dossier-Bild Ein Artikel aus dem Dossier Nachhaltig investieren
Luftikus

Der Luftikus

Ein Herz für Kohle und Kernkraft.

Die Vorstellung, wegen Klimaschutz und so nicht mehr in Öl, Gas, Kohle (ATW 162.00 +3.85%) und Kernkraft investieren zu dürfen, erfüllt viele Anleger mit Wehmut. Der Jammer hat mittlerweile offenbar auch das Gehör der Nachhaltigkeitsbürokraten erreicht. Brüssel überlegt sich, Investitionen in Erdgas (NG 4.3320 +2.46%) in die EU-Taxonomie aufzunehmen, die Liste von Wirtschaftsaktivitäten, die für den Umweltschutz einen positiven Beitrag erzielen, ohne anderswo gemäss der «Do no significant harm»-Regel signifikanten Schaden an Mensch und Umwelt anzurichten.

Erdgas ist das Pfand, damit noch ein anderes heisses Eisen in die Taxonomie aufgenommen wird: die Kernkraft. Die Bilanz des letzten grossen Super-GAU in Fukushima habe ich gerade nicht zur Hand, aber wahrscheinlich waren die Zahl der Toten und die Grösse der für Jahrhunderte unbewohnbaren Fläche nicht signifikant.

Bei der Atomkraft ist allerdings auch die Rentabilität signifikant unterdurchschnittlich. Wenn Hinkley Point, der Reaktor, den die französische EDF in Grossbritannien seit 2011 baut, dereinst Strom produziert, gibt es vom Staat pro Megawattstunde stolze 95 £. Das Kernkraftwerk ist damit deutlich teurer als Solar- oder Windstrom. Es hat bisher 29 Mrd. Fr. verschlungen und noch keinen Pieps Strom produziert. Erneuerbare Energien steuerten 2020 immerhin 12% zum weltweiten Primärenergiebedarf bei. Investiert wurden insgesamt rund 300 Mrd. $.

Der französische Präsident Emmanuel Macron will bei der Kernkraft etwas nachhelfen mit 1 Mrd. € für die Atomforschung in den nächsten sieben Jahren. Für die erneuerbaren Energien will er in den nächsten acht Jahren 500 Mio. € springen lassen. Sie verursachen schon heute weniger signifikanten Schaden und brauchen darum nicht mehr so viel Fördergeld, ist wahrscheinlich die Überlegung.

Auch für Kohle zeigt die EU mit den neuen Vorschriften zu nachhaltigen Anlagen ein Herz. Als Ergänzung zur Taxonomie ist seit März die Sustainable Finance Disclosure Regulation (SFDR) in Kraft. Sie unterscheidet zwischen Fonds nach Artikel 6 (nicht grün), Artikel 8 (hellgrün) und Artikel 9 (dunkelgrün, ohne signifikanten Schaden).

Als ich neulich erfahren habe, dass der Energy Infrastructure Fund von Enetia mit 3,2% RWE (RWE 35.82 -0.22%) unter Artikel 9 durchgeht, war ich erstaunt. Der deutsche Energiekonzern ist als Betreiber von Kohlemeilern immerhin der grösste CO2-Emittent Europas. Eine Studie von Morningstar (MORN 293.96 -0.34%) vom Juli zeigt allerdings, dass Enetia kein Einzelfall ist. 27% aller Artikel-9-Fonds sind zu mehr als 1% in Unternehmen mit massgeblichem Kohleanteil investiert. Bei Nach-mir-die-Sintflut-Fonds nach Artikel 6 sind es nur 22%. Damit sind nicht nachhaltige Fonds signifikant weniger in Kohle investiert als sogenannt nachhaltige Fonds.

Das Ziel der neuen EU-Vorschriften ist, Greenwashing durch Fondsanbieter zu verhindern. So, wie’s jetzt ausschaut, wird das der Kommission gelingen. Das Greenwashing übernimmt Brüssel mit seiner neuen Sustainable-Finance-Regulierung nämlich gleich selbst.