Meinungen English Version English Version »

Machiavelli in den Trümmern von Greensill

Die Lehren aus der Verflechtung von Finanzen und Politik haben ihre Wirkung auf Machiavelli, Shakespeare und Smith nicht verfehlt. Werden wir sie weiter ignorieren? Ein Kommentar von Harold James.

Harold James
«Greensill, ebenso SoftBank und Credit Suisse, hätten gut daran getan, sich mit einigen mittelalterlichen Banken auseinanderzusetzen.»

Der Zusammenbruch des in London ansässigen Finanzdienstleistungsunternehmens Greensill Capital ist eine rechtzeitige, aber kostspielige Warnung vor einer Reihe aktueller Trends. Eindeutig in Acht nehmen sollten wir uns vor dem Hype um Finanzinnovationen. Aber auch die zwielichtige Welt des Unternehmenslobbyismus, der Risikoregulierung und anderer Bereiche an der Schnittstelle zwischen Kapitalismus und Staat sollte näher beleuchtet werden.

Greensill soll Berichten zufolge versucht haben, den ehemaligen britischen Premierminister David Cameron zu benutzen, um die saudi-arabische Regierung zu ködern, damit sie Anleger dazu drängt, mehr Mittel zu SoftBank zu transferieren. Dieses Geld hätte es SoftBank wiederum ermöglichen sollen, ihre Unterstützung für Greensill auszuweiten. Dann, nach Beginn der Pandemie, setzte sich Cameron angeblich für Greensill ein, um dem Unternehmen Zugang zu einem Notfallkreditprogramm zu sichern, und er drängte den staatlichen britischen Gesundheitsdienst National Health Service, eine Gehaltsauszahlungs-App von Greensill einzuführen, mit der das NHS-Personal statt monatlich täglich bezahlt werden sollte.

Doch der Umstand, dass Greensill mit einer Gehalts-App hausieren ging, bedeutet nicht, dass das Unternehmen ein echter Finanzinnovator war. In Wirklichkeit beschränkten sich die Finanzierungsaktivitäten nämlich weitgehend auf die eng ausgerichteten Geschäfte eines Stahlunternehmens: die GFG Alliance des indischen Geschäftsmanns Sanjeev Gupta.

Keine echten Neuerungen

Warum sollten Regierungsvertreter von Saudi-Arabien bis zum Vereinigten Königreich einer derartigen Firma ihr Vertrauen schenken?

Vordergründig lautet die Antwort: weil Greensill schillernde neue Finanzierungsmodelle verkaufte, die in Aussicht stellten, den Saudis bei der Modernisierung der Abwicklung der jährlichen Mekka-Pilgerfahrt zu helfen und die Gehaltsabrechnung des NHS zu optimieren.

Und doch handelte es sich bei diesen Angeboten um keine Neuerungen. Der grosse, im späten 20. Jahrhundert einsetzende Schub der Finanzialisierung wurde lange Zeit von der Verbriefung vorangetrieben, die es den Unternehmen erlaubt, eine endlose Reihe «neuer» Produkte zu entwickeln. Bei diesem Verfahren werden unterschiedliche Vermögenswerte gebündelt, um ein scheinbar sichereres oder transparenteres Set zusammenzustellen, das dann nach verschiedenen Kriterien zerlegt und neu vermarktet werden kann. Letztlich können so Arten und Stufen des Risikos aufgeteilt und an diejenigen verkauft werden, die bereit sind, es einzugehen.

Lieferkettenfinanzierung hat Tradition

Nach der Finanzkrise des Jahres 2008 gab man dieser Verbriefung die Schuld, das Risiko zu verstärken, statt es zu reduzieren, und so verflüchtigte sich die Euphorie um diese Praxis  zusehends. Doch aufgehört hat man damit nicht. Im Fall der gleichnamigen Firma des Finanziers Lex Greensill wurde sie eingesetzt, um Kredite zu bündeln und an grosse Finanzinstitutionen wie Credit Suisse zu verkaufen.

Greensill war ein wichtiger Akteur auf dem Nischenmarkt der Lieferkettenfinanzierung, in deren Rahmen ein Kreditgeber den Lieferanten eines Grossabnehmers gegen Gebühr Zahlungen vorstreckt. Mit dem Begriff Lieferkettenfinanzierung werden die meisten Leser nichts anfangen können, aber es handelt sich um kein neues Phänomen. Tatsächlich sehen Historiker darin die älteste Anwendung von Finanzierungen, entstanden in einer Zeit, als den Händlern in der Regel das Geld fehlte, um ihre Warenlieferungen zu bezahlen, bis ihre Bestände verteilt oder verkauft worden waren. Die Finanzierung einer Transaktion, in deren Rahmen ein Händler auf Grundlage einer Rechnung oder eines Zahlungsversprechens einen Kredit erhält, bildete somit ein Bedürfnis, das es zu befriedigen galt. Es bestehen Hinweise darauf, dass diese Methode schon den alten Mesopotamiern bekannt war.

Vor allem aber bildete die Lieferkettenfinanzierung das Herzstück des spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Bank- und Finanzwesens. Die entscheidende Neuerung war hier der Wechsel, ein Dokument, das die Zahlung eines bestimmten Betrags zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft forderte. Die Kaufleute kauften einen Wechsel und schickten ihn in das Land, aus dem sie importieren wollten. Dort konnte dieser Wechsel verwendet werden, um das Eigentum an einem Produkt – zum Beispiel an einem Wollballen – durch einen anderen Kaufmann zu sichern, der den Wechsel dann dem Agenten des ursprünglichen Ausstellers vorlegte.

Aufstieg und Fall der Medici

Entscheidend ist, dass durch diese Vorgehensweise der Transport grosser Mengen an Bargeld entfällt. Der Wechsel diente aber auch als frühes Kreditinstrument: Da die Aussteller vielfach mit hohen Summen an Kundeneinlagen arbeiteten, konnten sie gleichzeitig andere Bankgeschäfte betreiben.

Greensill – aber vor allem ihre leichtgläubigen Gläubiger (in erster Linie SoftBank und Credit Suisse) – hätten gut daran getan, sich mit einigen dieser mittelalterlichen Banken auseinanderzusetzen, wobei die Banken in Florenz am besten dokumentiert sind. Die berühmteste florentinische Bank ist die Bank der Medici (einer Familie, die auch Kunstmäzene, Politiker und sogar Päpste hervorgebracht hatte).

In seinem Buch «The Rise and Decline of the Medici Bank: 1397–1494» erklärt der belgische Historiker Raymond de Roover – der im 20. Jahrhundert lebte – unter anderem, wie es dieser Bank gelang, nicht nur in Rom, Venedig, Neapel und Mailand Niederlassungen zu unterhalten, sondern, aufgrund von Partnerschaftsverträgen, auch Aussenstellen in Avignon, Genf, Brügge und London zu betreiben.

Verhalten wie Fürsten

Die Aussenstellen in Brügge und London erwiesen sich als die problematischsten, einerseits wegen der geografischen Entfernung, andererseits aber auch, weil man es dort ständig mit starken und unberechenbaren Staaten zu tun hatte. Infolgedessen mussten die lokalen Agenten der Medici-Bank intensive Lobbyarbeit leisten und den Herrschern Zugeständnisse anbieten, für die sie im Gegenzug Gefälligkeiten erhielten – wie etwa die Erlaubnis, die Waren (Wolle) zu exportieren, deren Handel sie finanzierten. Dies führte dazu, dass sie immer mehr Kredite an Staaten vergaben, die das Geld dann für ihre eigenen Zwecke verwendeten.

Doch die Finanzierung der englischen Rosenkriege durch die Medici-Bank zeigte eine entscheidende Schwachstelle auf. Weil die Londoner Niederlassung an König Edward IV. immer höhere Summen für Kriege und Mitgiftzahlungen zur Sicherung politischer Allianzen verleihen musste, warf der erste Leiter dieser Niederlassung entnervt das Handtuch. Ersetzt wurde er durch Gherardo Canigiani, der – auf Kosten der Bankinteressen – zu einem ergebenen Anhänger des Königs wurde. Am Ende musste der Partnerschaftsvertrag wegen Bankrotts aufgelöst werden.

Die Medici-Bank – die wenige Jahre später vollständig zusammenbrach – diente Niccolò Machiavelli als exemplarisches Lehrstück. In seiner «Geschichte von Florenz» führte er den Niedergang der Bank auf die Tatsache zurück, dass die Leiter der Niederlassungen begonnen hatten, sich selbst wie Fürsten aufzuführen. Diese Geschichte wurde dann von Adam Smith umfunktioniert, um zu zeigen, in welchem Ausmass staatliche Unternehmungen (wie die Medici-Bank eines geworden war) korrupt und verschwenderisch agierten und es Lorenzo de’ Medici (Il Magnifico) ermöglichten, «die ihm zur Verfügung stehenden Staatseinnahmen» zu verwenden.

Vorsicht ist das Gebot

Auch Shakespeare mahnte zur Vorsicht. In seinem Stück «Der Kaufmann von Venedig» brüstet sich Kaufmann Antonio zu Beginn mit dem Ausmass der Diversifizierung seines Portfolios. «Nicht einem Schiff vertraut’ ich meine Güter, / Noch einem Ort; auch ruht mein ganzes Gut / Nicht auf dem Glück des gegenwärt’gen Jahres: / Daher stimmt trübe mich mein Handel nicht.» Doch schon bald gehen seine Schiffe und ihre Ladung auf See verloren, sodass er nichts mehr hat, um seine Schulden zurückzuzahlen.

Die Lehren aus der Verflechtung von Finanzen und Politik haben ihre Wirkung auf Machiavelli, Shakespeare und Smith nicht verfehlt. Werden wir sie weiterhin ignorieren?

Copyright: Project Syndicate.