Meinungen

Machtverschiebung im Ölmarkt

Die Geopolitik und das Schieferöl prägen die Ölpreise. Ein Kommentar von Cornelia Meyer.

Cornelia Meyer
«Die neuen relativen Machtverhältnisse unter den grossen Produzenten werden zu Veränderungen der Handelsrouten führen.»

Der Pakt zwischen der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) und zehn Nicht-Opec-Ländern hat die globale Erdölproduktion seit Januar 2017 um 1,8 Mio. Fass pro Tag reduziert. Dies hat dazu beigetragen, dass sich der Erdölmarkt dem Gleichgewicht nähert und dass der Ölpreis gestiegen ist.

Die Volatilität des Preises je nach Nachrichtenfluss ist eine Funktion davon, dass der Spielraum zwischen Angebot und Nachfrage enger geworden ist. Die geopolitische Prämie ist in die Märkte zurückgekehrt, was sich in der Ernennung John Boltons zum nationalen Sicherheitsberater der USA manifestiert: Der Ölpreis stieg auf über 70 $, weil nun der neue Aussenminister Mike Pompeo wie auch Bolton das Nuklearabkommen mit dem Iran sehr skeptisch beurteilen. Sollte Washington seine Teilnahme daran aufkündigen, könnte das womöglich zu einer Reduktion von bis zu 1 Mio. Fass pro Tag aus dem Iran führen.

Nur eine halbe Woche zuvor ging es talwärts mit dem Preis, als Moskaus Energieminister Alexander Novak feststellte, Russland sei nicht bereit, die Produktion weiter einzuschränken, sobald der Markt sich im Gleichgewicht befinde.

So interessant die Preisfluktuationen auch sein mögen, gibt es doch auch weitere wichtige Entwicklungen. Zum Beispiel fragt sich, welche Auswirkungen neue Machtkonstellationen im Ölmarkt auf die Handelsrouten haben werden.

Der höhere Ölpreis hat die Schieferölproduktion in den USA belebt; die Internationale Energieagentur spricht von einem «explosiven» Wachstum. In der Phase der niedrigen Ölpreise 2015/16 litt dieser Sektor stark. Die Amerikaner nutzten die Krise jedoch, um die Produktivität zu steigern. Schieferöl ist nun bei einem Fasspreis von 40 $ sehr profitabel.

Die Zunahme der Produktion wird die USA gegen Ende des Jahres zum grössten Erdölproduzenten avancieren lassen, vor Russland und Saudi-Arabien. Hinzu kommt, dass die neue Gesetzgebung wieder den Export amerikanischen Öls in die internationalen Märkte zulässt.

Es stellt sich die Frage, wohin dieses  Volumen ausgeführt werden soll und was das für den internationalen Handel bedeutet. Die erste Schieferölrevolution hat Importe in die USA durch inländische Produktion ersetzt.

Vor allem westafrikanisches Öl wurde nach Asien umgeleitet. Die Produktionsdrosselung unter dem Opec-Non-Opec-Deal hat die Verhältnisse weiter verändert. So hat zum Beispiel Saudi-Arabien seinen ersten Platz in Chinas Import an Russland verloren und denjenigen in Indien an den Irak.

US-Schieferöl wird eine geringere Konkurrenz für traditionelle Produzenten bedeuten, als angenommen werden könnte. Schieferöl ist von leichterer Qualität als konventionelle Ölsorten, was die Verarbeitung erschwert.

Dennoch werden die neuen relativen Machtverhältnisse unter den grossen Produzenten zu Veränderungen der Handelsrouten führen. Die asiatischen Märkte werden heiss umkämpft sein, da in den nächsten Jahren die Hälfte des Nachfragewachstums in China und Indien erwartet wird.

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