Dossier-Bild Ein Artikel aus dem Dossier Nonvaleur
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Mad Dogs and Englishmen

Nun fliegen sie wieder aus dem Shuttlecock Corner: die wagemutigen Männer, die sich kopfvoran auf einem flachen Schlitten in den Cresta Run stürzen – und von der Ideallinie abkommen. Ist aber auch schwierig: Der Cresta-Toboggan hat keinen Steuer- oder Bremsmechanismus, die Fahrer können hierfür nur die Kratzeisen an den Füssen einsetzen. Ein Toboggan ist ursprünglich ein kufenloser Ladeschlitten der nordkanadischen Ureinwohner. Die britischen Kolonialherren müssen wohl das Runtersausen auf solchen Untersätzen ergötzlich gefunden haben. In den 1880er Jahren, als die Briten die Alpen als den «Playground of Europe» entdeckten, flitzten sie in Davos und Klosters auf Toboggans zu Tal oder in St. Moritz schlicht auf den vereisten, ideal steilen und kurvigen Gassen durchs Dorf, zum allgemeinen Ärger.

1884 schliesslich baute ein Major Bulpett, unterstützt vom Hotelier Badrutt, erstmals die Naturbahn, die von St. Moritz nach Celerina hinunterführt. Die Bahn gehört dem exklusiven St. Moritz Tobogganing Club SMTC, der 1887 von britischen Offizieren gegründet wurde. Der St. Moritz (Est. 1884) Skeleton Club, von dem das abgebildete Papier stammt, hat anscheinend zur Mittelbeschaffung für den Cresta Run gedient.

Die Bahn wird von Winter zu Winter neu erstellt und, je nach Schneegunst und Kälte, vor Weihnachten eröffnet und bis Anfang März betrieben. Seit den 1890er Jahren hat sich das Prinzip kopfvoran durchgesetzt. Damals kam auch ein neues Schlittenmodell aus Stahl in Mode, das offenbar «knochig» wirkte, daher «Skeleton».

Bis ins Ziel sind es 1212 Meter, der Höhenunterschied beträgt 157 Meter, es geht um zehn Kurven. Anfänger, die bis Celerina durchkommen, haben gewöhnlich eine Fahrt von 65 bis 75 Sekunden hinter sich. Der Einzige, der es bisher unter 50 Sekunden geschafft hat, ist Clifton Hugh Lancelot de Verdon Wrottesley, 14. Baronet und 6. Baron Wrottesley: am 1. Februar 2015 in 49,92 Sekunden. Der Baron erreichte die Rekordgeschwindigkeit von 133,4 Stundenkilometern.

Ursprünglich rasten ab und zu auch Frauen talwärts, doch 1929 verbannte die Hauptversammlung des Clubs die Amazonen von der Bahn. Dabei wird’s wohl bleiben: «The Membership has not sought to change this policy», heisst es.

Skeleton war 1928 und 1948 olympisch, beide Male in St. Moritz. 1928 gewann der Amerikaner Jennison Heaton, vor seinem Bruder John. 1948 siegte der einheimische Gemüsehändler Nino Bibbia (der ursprünglich aus der Lombardei stammte), vor – John Heaton. Bob und Rodeln wurden jedoch rasch populärer, Skeleton geriet in Vergessenheit (selbstredend nicht in der Waldschneise zwischen St. Moritz und Celerina, wo an Wintertagen alle paar Minuten die Startglocke klingelt). Seit 2002 jedoch werden an Olympischen Winterspielen wieder Skeletonrennen durchgeführt.

Wer übrigens, sanft wie ein Federball, in den Schnee- und Strohhaufen des Shuttlecock Corner landet, wird automatisch Mitglied des Shuttlecock Club und erhält somit das Recht, eine Shuttlecock-Krawatte zu tragen.