Die Eibe von Ankerwycke ist wenigstens 1400, vielleicht sogar 2500 Jahre alt. Sie steht an der Themse, in den Auen von Runnymede. Unweit des Schlosses Windsor (nach dem sich das Haus Saxe-Coburg and Gotha während des Ersten Weltkriegs umfirmierte) und in der Anflugschneise von London Heathrow. Im Schatten dieses Baums soll anno 1215 ein Gründungsdokument der britischen Verfassungsgeschichte besiegelt worden sein: die Magna Carta Libertatum. Aufbegehrende Barone nötigten damals König Johann die Beibehaltung ihrer alten Vorrechte ab. Dass von der Magna Carta ein direkter Weg zum englischen Parlamentarismus, zur Glorious Revolution und sogar zur amerikanischen Verfassung führt, ist eine moderne Überinterpretation – etwa wie wenn der legendäre Schwur auf dem Rütli zum Vorboten der Bundesverfassung von 1848 aufgeputzt wird. Immerhin, Friedrich Schiller hat die Rütliwiese in der Weltliteratur verewigt, während William Shakespeare in seinem Bühnenstück «King John» zur Runnymede-Wiese und zur Magna Carta schweigt. Heute hätte der Weise von Stratford viel zu sagen. Angesichts der bevorstehenden Unterhauswahlen vielleicht unter dem Titel «Ein Winternachtsalptraum». (Bild: Ian Berry/Magnum Photos)