Meinungen

Mainstream belastet das Klima

In der Klimadebatte sind die Offenheit und die Vielfalt verloren gegangen. Das gefährdet die demokratische Auseinandersetzung. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Peter Morf.

«Das Verabsolutieren einer Lehrmeinung beruht auf Anmassung von Wissen.»

Das Weltwirtschaftsforum Wef in Davos stand im Zeichen des Klimas bzw. des Klimawandels: Aktivisten marschierten publikumswirksam von Landquart nach Davos. Greta Thunberg und andere Aktivistinnen traten auf, vor allem die elektronischen Medien berichteten fast über nichts anderes mehr. Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga begann ihre Eröffnungsrede mit dem Satz: «The world is on fire.» Die Aussage besteht, zurückhaltend formuliert, den Faktencheck nicht. Sie war der Bundespräsidentin aber gerade recht, um Stimmung zu machen.

Am Schweizer Stromkongress, der nur wenige Tage zuvor stattgefunden hatte, war die Bundespräsidentin ebenfalls aufgetreten; die Tonalität war nicht wesentlich anders. Diese beiden so grundverschiedenen Anlässe hatten eine wesentliche und zugleich bedenkliche Gemeinsamkeit: Das Klima war zwar das zentrale Thema, eine effektive, offene  Debatte mit Pro und Kontra fand jedoch kaum statt. Die Aussage war klar: Die Welt steuert auf den menschgemachten Klimakollaps zu, was verhindert werden muss, koste es, was es wolle – die Instrumente dazu sind Subventionen, Gebote, Verbote und Ähnliches mehr.

Der Mainstream hat anscheinend gesiegt, abweichende Meinungen sind zu diesem Thema kaum mehr zu vernehmen, obwohl es sie gibt, und zwar in grosser Zahl. Längst nicht alle Kritiker sind tumbe und simple «Leugner», sehr viele sind sehr seriöse Wissenschaftler. Wohlverstanden: Die Klimaerwärmung sei nicht in Abrede gestellt, sie ist eine Tatsache. Um angemessene Massnahmen zu eruieren und umzusetzen, braucht es jedoch eine offene Debatte, nicht vorgefasste Meinungen.

Falsifizieren muss möglich sein

Der Klima-Mainstream schöpft seine Legitimation aus den Unterlagen des IPCC, des Intergovernmental Panel on Climate Change, des Weltklimarats. Dieser hat fundierte Arbeit geliefert, versteigt sich jedoch dazu, sich im Besitz der absoluten Wahrheit zu wähnen. Abweichende Meinungen werden nicht toleriert, sondern eher marginalisiert und ausgegrenzt. Die Erkenntnisse des IPCC werden als alternativlos dargestellt und so der kritischen Überprüfung entzogen. Die allerdings wäre dringend nötig: Den Klimawandel implizit auf eine einzige Ursache zurückzuführen – den Anstieg der CO2-Konzentration in der Atmosphäre –, wirkt in einem derart komplexen System wie dem Klima geradezu absurd. Monokausale Erklärungen werden der Wirklichkeit selten gerecht.

Die Verabsolutierung der Kernaussagen widerspricht den grundlegenden Einsichten des Philosophen und Erkenntnistheoretikers Karl R. Popper in seinem kritischen Rationalismus. Kurz zusammengefasst kommt er zum Schluss, dass eine Erkenntnis nur dann wissenschaftlich sein kann, wenn sie jederzeit falsifiziert, also widerlegt werden kann. Erkenntnisse, die dieser Überprüfung entzogen werden, verdienen das Prädikat wissenschaftlich gemäss Popper nicht.

Aussagen über einen derart langen Zeithorizont wie bis 2050 – bis dann solle und müsse  die Welt netto CO2-frei sein – entziehen sich naturgemäss einer wissenschaftlichen Überprüfung. Sie sind im besseren Fall ein Versuch ernsthafter Prognosen, im schlechteren aber simple Extrapolationen der Vergangenheit.

Der Mainstream nimmt abweichende Ansichten und Fakten nicht zur Kenntnis. Ein Beispiel sind die verbreiteten Forderungen nach Flugticketabgaben, denn der Flugverkehr sei ein wesentlicher Produzent von Treibhausgasen und müsse eingeschränkt werden. Entsprechend macht das Stichwort Flugscham die Runde – frei nach dem Motto, wer in ein Flugzeug einsteigt ist ein schlechter Mensch. Mit Ausnahme derer natürlich, die etwa an Klimakongresse rund um die Welt fliegen.

Eine Studie des französischen Think Tank The Shift Project kommt zu folgendem Schluss: Die digitalen Technologien (ohne die die Welt schon heute nicht mehr funktionieren würde und deren Bedeutung in den kommenden Jahren und Jahrzehnten noch rasant weiter zunehmen wird) sind schon heute verantwortlich für rund 4% der weltweit ausgestossenen Treibhausgase. Der Flugverkehr bringt es auf 2,5%. Der Energieverbrauch der digitalen Technologien steigt pro Jahr rund 9%. Warum ist nichts zu hören von Computerscham? Warum wird keine Computerabgabe verlangt?

Der Mainstream tritt gemeinhin  moralisch überlegen, ja quasireligiös überhöht auf. Das aber hat verheerende Konsequenzen. Das Verabsolutieren einer bestimmten Lehrmeinung beruht auf unerhörter Anmassung von Wissen; so hat ein Mainstream immer recht. Eine sachliche Debatte ist damit nicht mehr möglich.

Es wird in der Regel auch ausgeblendet, dass Technologieverbote auf direktem Weg zu Denkverboten führen. Die Schweiz hat da einen unrühmlichen Schritt getan: Der Bau neuer Kernkraftwerke ist untersagt. Faktisch bedeutet das ein Technologieverbot. Eine Technologie, deren Anwendung verboten ist, wird eher früher als später verschwinden.

Konsequent zu Ende gedacht, führen derartige faktische Denkverbote auch zu Redeverboten. Das ist zutiefst unliberal und schränkt die Freiheit des Individuums massiv ein. Überflüssig festzuhalten, dass in diesem Fall auch die Demokratie beschädigt wird. Sie ist auf Gedeih und Verderb auf eine offene Gesprächs- und Diskussionskultur angewiesen. Kritische Stimmen dürfen nicht ausgegrenzt werden.

Vollends problematisch wird es, wenn sich auch die Justiz dem Mainstream unterwirft. So geschehen am Lausanner Bezirksgericht, das ein Dutzend Klimaaktivisten, die in der Eingangshalle der Credit Suisse (CSGN 12.285 -3.34%) Tennis spielten, freigesprochen hat: Es habe sich nicht um Hausfriedensbruch gehandelt, die Aktivisten hätten sich in einer echten, ihre Tat rechtfertigenden Notsituation befunden. Die Aussage ist nicht nachvollziehbar. Das öffnet der Beliebigkeit der Rechtsprechung Tür und Tor.

Dieses Urteil hat weitherum Kopfschütteln ausgelöst, kaum ein Jurist, der öffentlich Verständnis dafür aufgebracht hat. Derartige offensichtlich politische Urteile stellen letztlich den Rechtsstaat in Frage – eine tragende Säule der Demokratie und einer offenen Gesellschaft. Immerhin: Der Staatsanwalt zieht das Urteil weiter.

Gegen Denkverbote und Drohungen

Wird ein Mainstream derart überhöht, wie in der Klimafrage, wohnt ihm letztlich ein totalitärer Kern inne. Zurück zum jüngsten Wef: Die junge Aktivistin Natasha Mwansa aus Sambia formulierte an einem Panel in Davos folgenden denkwürdigen Satz: «Entweder ihr tut euch mit uns zusammen, oder wir müssen es allein machen. Wir haben genug Macht.» Das ist nicht nur Nötigung, das spiegelt auch den Allgemeingültigkeitsanspruch und die Intoleranz gar nicht weniger Klimaaktivisten. Da müssen bei jedem Menschen demokratischer und liberaler Gesinnung alle Alarmglocken läuten.

Im Umgang mit dem Klimawandel, der in der Tat eine enorme Herausforderung darstellt, helfen Denkverbote und Drohungen nicht weiter. Moralisieren, religiöse Überhöhung, Unduldsamkeit gegen Widerspruch – all das verbaut die Sicht auf Lösungen. Wer glaubt, das Klima lasse sich nach Belieben steuern, sitzt einem Irrtum auf. Dabei gilt es auch, ökonomische Gesichtspunkte zu berücksichtigen. Wenn die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen glaubt, sie könne Billionen von Euro investieren, um die EU klimaneutral zu gestalten, ohne damit ernsthafte gesellschaftliche und wirtschaftliche Folgen zu bewirken, täuscht sie sich gewaltig. Auch sie hat anscheinend den Mainstream verinnerlicht und ist dem Machbarkeitswahn verfallen.

Es braucht eine offene Diskussionskultur. Ideologische Scheuklappen und Denkverbote helfen nicht weiter, sondern sie verbauen die Wege zu wirklichen Lösungen und gefährden letztlich die Demokratie, eine der wichtigsten Errungenschaften überhaupt.

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