Zum Thema: Russische Öl- und Gasaktien erholen sich

«Man hat dann einfach aufs falsche Pferd gesetzt»

Jeronim Perović, Geschichtsprofessor an der Universität Zürich, im Interview mit der FuW über Russlands machtvollen Umgang mit Öl und Gas sowie über Vorteile und Nachteile von guten Beziehungen zu den wichtigen politischen Figuren.

Martin Gollmer und Pamela Tschirky

Herr Perović, ein Grossteil des russischen Öl- und Gassektors ist staatlich kontrolliert. Warum ist dem so?
In der Sowjetunion gehörte alles dem Staat. Russland setzte in den Neunzigerjahren auf Schocktherapie und Privatisierung, um die marode Wirtschaft zu reformieren. Dabei wurde auch der Erdölsektor, die Milchkuh des Landes, veräussert. Der Staat hat unter Putin in den Nullerjahren begonnen, diesen als strategisch wichtig erachteten Wirtschaftszweig zurückzuerobern. Immerhin generiert der Export von Erdöl und Erdgas den grössten Teil des Staatsbudgets.

Zudem ist er auch politisch wichtig. Die Versorgung mit preisgünstiger Energie trägt zum sozialen Frieden bei. Nach aussen stellen Energielieferungen ein wichtiges Mittel der internationalen Beziehungen dar.

Russland setzte Rohstoffe in der Geschichte immer auch ein, um Druck auszuüben und um Allianzen zu schmieden. Wie geschieht dies heute?
Öl und Gas sind strategisch wichtige Güter, und Russland hat schon immer verstanden, dass ihnen auch eine grosse politische Bedeutung zukommt. So war bereits die Sowjetunion bestrebt, den damaligen Ostblock über ein weit verzweigtes Pipelinenetz zu integrieren. Unsicher war man sich in Moskau in den Siebzigerjahren jedoch bei der Frage, wie stark man bei den Rohstofflieferungen in Abhängigkeit vom Westen, vom ideologischen Feind, treten möchte. Trotz Bedenken ging man die Kooperation ein und hat Pipelines gebaut. Der wichtigste Partner auf europäischer Seite war damals die Bundesrepublik Deutschland, wichtig waren aber auch Italien und Frankreich.

Wie sieht das heute aus?
Energetische Verbindungen über Pipelines sind Segen und Fluch zugleich. Die Probleme, die man heute wieder in den russisch-ukrainischen Beziehungen sieht, sind Nachwehen des Zerfalls der Sowjetunion. In westlichen Medien wird meist nur darüber geschrieben, dass Russland Gas als politisches Druckmittel gegenüber der Ukraine einsetzt. Dabei geht vergessen, dass sich Russland von der Ukraine in Geiselhaft genommen sieht, denn Russlands wichtigste Transportroute für Gas führt noch immer durch die Ukraine, und damit ist Russland eben auch stark von diesem Land abhängig. Schauen wir uns die letzten Jahre an, dann stellen wir fest, dass Russland alles darangesetzt hat, den Problemfall Ukraine in der Zukunft zu umgehen. Bereits hat es eine Pipeline durch die Baltische See nach Deutschland gebaut, im Süden steht der Bau einer Route durchs Schwarze Meer an.

Wie ist der eben abgeschlossene Gasvertrag mit China einzustufen?
In den Zeitungen war in diesem Zusammenhang oft zu lesen, dass damit die Umorientierung Russlands nach Asien und eine strategische Allianz zwischen Russland und China eingeleitet worden seien. Das ist meiner Meinung nach übertrieben. Europa bleibt für Russland auch in Zukunft der wichtigste Markt. Dann sollten wir nicht vergessen, dass China im Kalten Krieg den Feind Nummer eins für die Sowjetunion darstellte, nicht die USA. Wie stark auch heute das Misstrauen Russlands ist, lässt sich daran erkennen, dass über den Gasvertrag rund fünfzehn Jahre lang verhandelt wurde. Es brauchte erst die massive Krise in den Beziehungen mit dem Westen, dass Moskau sich entschied, die Verhandlungen endlich zum Abschluss zu bringen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Erdöl zum Teil der innenpolitischen Mobilisierungskampagne. Wird Öl und Gas von Putin nach wie vor für Propagandazwecke instrumentalisiert?
Die Neunzigerjahre waren eine Zeit des «State Capture», das heisst, es fand ein Ausverkauf staatlichen Eigentums statt. Der Staat verlor seine vormalige Kontrollfunktion, er verabschiedete sich zum Teil auch aus dem öffentlichen Leben. Jetzt aber ist der Staat wieder omnipräsent, er kontrolliert Medien, strategisch wichtige Unternehmen und steuert zunehmend auch das gesellschaftliche Leben. Diese staatliche «Rückeroberung» fing im Energiesektor an. Neben den Rohstoffen sind aber auch Verteidigung, Medien und natürliche Monopole wie Eisenbahn oder Telekommunikation strategische Sektoren, die der Staat kontrollieren will. Die Definition, was strategisch ist und was nicht, ist jedoch dehnbar, und unter diesem Vorwand kann der Staat, wenn er will, in viele Segmente der Wirtschaft eingreifen.

Das Geschäft mit dem Westen war in der Vergangenheit stets das gleiche: russische Öl- und Gaslieferungen gegen westliche Technologien und Devisen. Gilt dieser  Zusammenhang heute noch, oder wird Russland den Westen mit China «substituieren»?
Man muss vorausschicken, dass diese Abhängigkeit im gesamten 20. Jahrhundert bestanden hatte. Russland lieferte zunächst vor allem Weizen, dann immer mehr Öl und ab den Siebzigerjahren zunehmend auch Gas in den Westen. Dafür kaufte es Technologie und Konsumgüter, in der späten Sowjetzeit aber auch Getreide, um eigene Ernteausfälle zu kompensieren. Im Grunde genommen will Russland dieses Muster schon lange überwinden. Es will nicht aussehen wie ein Drittweltland, das nur Rohstoffe exportiert, selbst aber nicht imstande ist, hochwertige Konsumgüter und Technologie herzustellen und auch zu verkaufen. Solange aber die Rohstoffpreise hoch sind, fehlen die Anreize für ernsthafte wirtschaftliche Reformen. Und die Einnahmen aus dem Rohstoffgeschäft sind ja auch für Putin komfortabel. Er kann damit Pensionen zahlen, die Armee aufrüsten oder jetzt auch die Wirtschaft der Krim finanzieren. Mit China wird eigentlich nur die Fortsetzung der Geschichte geschrieben. Russland exportiert auch hier Rohstoffe und kauft dafür Fertigprodukte ein.

Russland hat ein ambivalentes Verhältnis zu ausländischen Investoren. Ein Mal braucht es sie, ein anderes Mal drängt es sie aus dem Land. Was steckt dahinter?
Geschichtlich gesehen lassen sich bestimmte Zyklen feststellen. Im Zarenreich waren es westliche Firmen, die die lukrative Erdölindustrie im Kaukasus aufgebaut haben. Nach der Revolution wurde zunächst alles verstaatlicht. Dann hat Lenin aber schnell erkannt, dass die Sowjetunion auf Hilfe von aussen angewiesen ist, um seine Industrie zu modernisieren. Er erlaubte erneut die Vergabe von Konzessionen an ausländische Unternehmen. Als sich die Erdölwirtschaft bis Ende der Zwanzigerjahre stabilisiert hatte, wurden die Ausländer erneut aus dem Land gedrängt. In den Sechzigern und Siebzigern rückte Moskau dann immer mehr vom Autarkieprinzip ab und strebte eine intensive Kooperation mit westlichen Unternehmen an. Die Neunzigerjahre ähneln den Zwanzigerjahren: Die Ausländer wurden aus dem Energiesektor zu dem Zeitpunkt hinausgedrängt, als er wieder lukrativ wurde. Grundsätzlich können ausländische Unternehmen heute im Energiesektor arbeiten, aber strikte zu russischen Bedingungen. Es ist nicht erlaubt, dass Ausländer Unternehmen in strategischen Sektoren kontrollieren.

Aber hängt nicht alles an Putin?
Putin erscheint als Garant für Stabilität – gleichzeitig ist er aber auch der grösste Unsicherheitsfaktor. Das zeigt die Ukrainekrise. Hier hat Putin aus westlicher Sicht «nicht rational» gehandelt, weil er dem Land wirtschaftlich schadet. Dann besteht in einem derart personalisierten System aber noch ein anderes Problem: In einem solchen System sind Beziehungen zu den wichtigen Figuren alles. Wenn das System aber zusammenbricht, werden auch die oft informell vereinbarten Regeln obsolet. Man hat dann einfach aufs falsche Pferd gesetzt. Sehen Sie sich den Fall Janukowitsch in der Ukraine an. All diejenigen, die mit ihm verbandelt waren, sind nun ebenfalls diskreditiert. Das System Putin scheint heute zwar stabil, Russland funktioniert, aber es ist immer schwierig, vorherzusagen, wie lange solche Systeme überleben können.

Welche Lehren gilt es für westliche Firmen zu ziehen?
Was viele im Westen mit Blick auf die Ukrainekrise überrascht hat, ist, dass Putin für geopolitische Ambitionen mindestens kurzfristig die Beziehungen zum Westen aufs Spiel zu setzen gewillt ist. Längerfristig ist ihm aber an guten Beziehungen zum Westen gelegen, er will ja Investitionen und sucht die Zusammenarbeit. Gleichzeitig jedoch unterstreicht er, dass Russland im postsowjetischen Raum Vorrechte habe, die es zu respektieren gelte. Das heisst: Die Ukraine soll kein Nato- oder EU-Staat werden.

Russische Unternehmen im Energiesektor sind vom Staat dominiert oder ihm mindestens hörig. Würden Sie europäischen Anlegern empfehlen, in russische Firmen zu investieren?
Die gegenwärtige Krise ist natürlich abschreckend und alarmierend. Jeder langfristig denkende Unternehmer sollte aber das grosse Ganze nicht aus den Augen verlieren: Russland ist ein Land mit enormem Potenzial. Und Russland will ja, dass investiert wird. Es will sich nicht von der Weltwirtschaft abschotten. Klar gibt es Risiken, und ich würde keinem Unternehmen empfehlen, nur auf die Karte Russland zu setzen. Immerhin gibt es genügend Negativbeispiele wie den Fall des Öl-Joint-Venture TNK-BP. Unternehmenschef Bob Dudley musste das Land fluchtartig verlassen. 2013 wurde die Firma von Rosneft übernommen. Auf der anderen Seite beweisen die verschiedenen Energieprojekte auf Sachalin, dass die Kooperation zwischen russischen und westlichen Unternehmen durchaus funktionieren kann, auch wenn es hier ebenfalls wiederholt zu Reibereien gekommen war.

Also investieren, auch wenn Russland gegenwärtig nicht gerade einen besonders guten Ruf hat?
Man darf Russland nicht einfach verteufeln. Ich verstehe, dass viele Russland mit Putin gleichsetzen. Weil er so viel Macht hat, führt kein Weg an ihm vorbei. Gerade aussenpolitisch fokussiert sich alles auf diese Figur. Es ist unangenehm, dass wir nie genau wissen können, wie er entscheiden wird. Aber Russland ist viel mehr als Putin. Es gibt positive Entwicklungen in diesem Land, die man kaum wahrnimmt, weil Putin so dominant ist.