Luxe hat zwanzig herausragende Persönlichkeiten (vier pro Kategorie) nominiert, deren Engagement und Erfolg uns überzeugen. Wir legten dabei Wert auf die Ausgewogenheit Deutschschweiz-Romandie, da «Luxe» in beiden Landesteilen erscheint (die französischsprachige Ausgabe mit dem Wirtschaftsmagazin «Bilan»).

Die Jury aus Vertretern von Medien, Kunst, Kultur und Wirtschaft hat schliesslich fünf Gewinner gewählt, die mit ihrer Brillanz und ihren hohen Leistungen das Jahr 2015 geprägt haben. Wir haben diese «Männer des Jahres» zu einem exklusiven Gespräch getroffen. Herzliche Gratulation!

Sieger im Bereich…
» Wirtschaft: François Dussart
» Kultur: Michael Haefliger
» Sport: Stan Wawrinka
» Kunst/Design/Architektur: Bernard Tschumi
» Technologie und Innovation: Olivier Bernhard und David Allemann

 

Bereich Wirtschaft: François Dussart

Herr Dussart, Sie stehen jetzt an der Spitze von fünf Hotels. Was sind die möglichen Strategien?

Im Moment arbeiten wir an der Annäherung der fünf Häuser und an der Schaffung übergreifender Funktionen, vor allem im kommerziellen und im finanziellen Bereich. Es geht auch darum zu definieren, wie wir die Hotels verkaufen und positionieren und wie wir sie besser verankern. Was wir nicht wollen, ist eine Kopie des Beau-Rivage.

Welches sind Ihre ersten Erkenntnisse?
Das Palace hat eine DNA, die Jean-Jacques Gauer, der übrigens immer noch auf dem Posten ist, sehr stark geprägt hat. Als Erstes haben wir beschlossen, mit einem externen Berater zusammenzuarbeiten, der schon für das Beau-Rivage aktiv war. Das Ziel ist, diese DNA klar zu definieren. Der Berater sprach mit allen Kadermitarbeitern und hörte, wie sie vom Palace sprachen. Wir müssen Herz und Wirbelsäule des Palace verstehen.

Sind schon Investitionen geplant?
In der Vergangenheit hat das Palace stets aufgrund der Bedürfnisse investiert. Noch sind nicht alle Zimmer renoviert, aber wir werden im gleichen Rhythmus weiterfahren. Im Château d’Ouchy wurde alles schon gemacht. Dieses Haus und das Hôtel d’Angleterre sind klare Konkurrenten, denn Gäste, Preise und Belegungsgrad von über 75% sind identisch. Es wird also schneller möglich sein, Synergien herzustellen. Beau-Rivage und Palace haben eine Auslastung von 60 respektive 57%. Mein Ziel sind 70%, eine Grösse, die wir schon hatten und die wir wieder erreichen werden. Dass sich die Hotels in der gleichen Region befinden, vereinfacht die Kommerzialisierung auf internationaler Ebene. Es sind der gleiche Gästetypus, dieselben Märkte und Reisebüros.

Werden Sie die Zimmerpreise neu positionieren?
Die Positionierung der Preise von Beau-Rivage und Palace ist bereits eine Tatsache. In Bezug auf Privat- und Geschäftstourismus ist Lausanne eine sekundäre Adresse. Dieselben Hotels könnten in Genf und Zürich ihre durchschnittlichen Zimmerpreise locker um 300 Fr. erhöhen. Aber wir sind auch mit dem starken Franken konfrontiert. Organisatoren von Konferenzen üben einen massiven Druck aus, denn vor allem für europäische Unternehmen ist Lausanne eine teure Destination geworden.

Ergeben die Synergien komfortablere Manöveriermöglichkeiten?
Wir wollen das Produkt nicht verfälschen. Indem wir für die Hotels gemeinsame Grundlagen kreieren, erzielen wir sich Skaleneffekte und gewinnen eine grössere Elastizität bei der Preisgestaltung, ohne Unternehmensergebnis und Performance zu beeinträchtigen. Dank dieser Skaleneffekte können wir die Eröffnung des neuen Lausanner Fünfsternehotels Royal Savoy abfedern, denn das Zimmerangebot erhöht sich um 60%, während die Destination nicht den gleichen Wachstumsgrad generiert.

Ihre Meinung zu Online-Reservations- und Bewertungssystemen?
TripAdvisor ist wichtig, weil die Zufriedenheit des Gastes wichtig ist. Wir beobachten diese Systeme sehr genau. Für mich das schlimmste Szenario ist der unzufriedene Gast, der kommentarlos abreist. Dann kann man nichts mehr reparieren. Die Hotellerie ist ähnlich wie die Uhrenbranche, mit dem Unterschied, dass bei uns der Mensch das Uhrwerk ist.

Gibt es eine Philosophie Lausanne Palace, die Sie umsetzen möchten?
Jean-Jacques Gauer ist in einer berühmten Hoteliersfamilie aufgewachsen. Er besass den Schweizerhof in Bern und hat das Modell auch im Palace umgesetzt. Er hat eine andere Hotelkultur als ich. Ich habe das Metier in einer grossen Hotelkette gelernt und arbeitete während vierzehn Jahren für Hyatt International. Wir müssen nun die beiden Kulturen zum Wohl des Ganzen zusammenbringen.

Wie werden Sie Ihre Zeit aufteilen?
Ich teile meine Zeit zwischen den drei Einheiten auf, als Supervisor der Direktoren Nathalie Seiler-Hayez (Beau-Rivage), Jean-Jacques Gauer (Palace) und Yves Chavaillat (Hôtel d’Angleterre, Château d’Ouchy und Palafitte. Das Ziel ist, zwischen den Verkaufs-, Finanz- und Personalteams Querverbindungen zu kreieren.

Bedeutet dies, dass Sie Personal abbauen oder aufstocken werden?
Da wir die diversen Aktivitätspole zusammenlegen werden, wird es bestimmt zu Überschneidungen kommen. Die fünf Häuser repräsentieren etwa 500 Zimmer und 700 Mitarbeitende.

Haben die Iran-US-Verhandlungen, die im Beau-Rivage stattfanden, günstige Konsequenzen?
Die weltweite mediale Abdeckung war unglaublich. Wir hätten nie die Mittel für eine solche Medienpräsenz gehabt. Ob wir dadurch einen Kunden gewonnen haben, weiss ich nicht. Mit 12 bis 15% sind die USA für uns ein wichtiger Markt. Wir stellen fest, dass wieder amerikanische Incentive-Gäste bei uns absteigen, das war lange nicht mehr der Fall.

Andere wichtige Märkte?
Für die Fünfsternehotellerie ist es der Mittlere Osten, für die Viersternehäuser China. Die Chinesen lieben den greifbaren Luxus, eine Uhr, eine Tasche. Bei ihnen ist es noch weniger üblich, zumindest bei Gruppen, in Fünfsternehotels zu logieren.

Wie definieren Sie die Luxushotelphilosophie von Katara Hospitality, etwa am Beispiel des Royal Savoy? Angriffiger?
Katara Hospitality ist kein Neuling der Hotellerie. Der Schweizerhof ist sehr gut, ich kann dort auch nichts Provokatives oder Pompöses beobachten. Es stimmt, die Hotelgruppe rückt wie eine Dampfwalze vor, umgibt sich aber dabei mit kompetenten Hoteliers.

Auf welche Karte setzt die Familienstiftung Sandoz an einem Standort, wo mächtige Gruppen aus China und dem Mittleren Osten agieren?
Die Stiftung ist in der Schweiz fest verankert und wird darauf achten, dass diese Identität in ihren Häusern respektiert wird. Als ich vor zwölf Jahren ins Beau-Rivage kam, war es meine Aufgabe, das 150 Jahre alte Erbe zu verstärken. Trotz der vielen Millionen wird das Royal Savoy lange brauchen, seine Seele zu finden.

Wie viel Zeit braucht ein Haus, um seine Seele zu finden?
Es dauert lange. Denken Sie an das Dolder in Zürich oder das Richemont in Genf. Es ist ein Drama, wenn man die ganze Vergangenheit auslöscht. Hotelfachschulen sollten daraus Lehrbeispiele entwickeln, um zu zeigen, welche Irrtümer man nie begehen darf.

 

Bereich Kultur: Michael Haefliger

Herr Haefliger, Sie sind gerade in Japan. Was führt Sie dorthin?
Wir eröffnen morgen zum dritten Mal das Projekt Ark Nova: eine mobile Konzerthalle, die wir in der Region Thōhoku aufstellten, um der von der Erdbebenkatastrophe vom März 2011 betroffenen Bevölkerung während des Wiederaufbaus Mut und Zuversicht durch Kunst zu bringen. Die Halle konnten wir mit dem Architekten Arata Isozaki und dem Künstler Anis Kapoor realisieren, und es ist geplant, sie später auch in andere Regionen der Welt zu bringen. Es ist ein soziales Community-Projekt mit Konzerten westlicher Stars, mit lokalen Künstlern, mit traditioneller Musik und auch Jazz. Und die Tickets kosten um die 10 Fr.

Sie sind an der Juliard School New York ausgebildeter Violinist, haben aber auch Management-Ausbildungen in St. Gallen und Harvard absolviert – welche Seite überwiegt in Ihnen?
Letztendlich schon sehr stark der Musiker. Das, was ich in der betriebswirtschaftlichen Weiterbildung gelernt habe, nutze ich, um meine künstlerischen Projekte professionell umsetzen und meine inhaltlichen Überzeugungen einem Publikum vermitteln zu können, gerade bei anspruchsvolleren Inhalten. Es geht ja nicht nur darum, Künstler wie Lang Lang zu verkaufen. Wir haben viele Projekte mit jungen Musikern, wir haben Uraufführungen neuer Musik und so weiter. Auch solches müssen wir vernünftig planen und budgetieren.

Sie haben zahlreiche neue Ideen erfolgreich realisiert. Was braucht es dazu?
Es braucht einen gewissen Fanatismus, man muss selbst emotional begeistert sein. Aber man muss es auch sehr gut bei sich selbst überprüfen: Steht man wirklich dahinter? Passt es zur DNA des Festivals? Ist es organisierbar und finanzierbar? Es ist Teil unserer Strategie, immer an neuen Ideen zu sein. Da kommt vieles auf den Tisch, das man auch wieder verwirft. Und dann hat man mal eine Idee, von der man sagt: Das ist es! Dann muss man andere davon überzeugen, Begeisterung kreieren im Stiftungsrat, bei Sponsoren, bei Künstlern, die man einbinden will. Ihr erfolgsverwöhntes Festival könnte sich ja auch zurücklehnen und sagen: So machen wir es nun einige Jahre. Dann wären wir nicht das Lucerne Festival!

Hat die Pflege der klassischen Musik noch eine Aufgabe in der heutigen Zeit?
Natürlich. Sie wird oft verbunden mit einer konservativen Haltung, aber das ist sie überhaupt nicht. Sie ist lebendig, immer wieder neu entdeckbar, sie ist hoch emotional und passt schon deshalb in unsere Zeit.

Und das ist nur möglich mit höchstem Niveau, mit den besten und teuersten Orchestern und Stars?
Dies wirkt sich doch auch auf recht elitäre Ticketpreise. Das stimmt. Aber man muss sehen, dass es sich um sehr aufwendige Projekte handelt. Die wichtigen Orchester sind sehr teuer. Dazu kommen weitere Gagen, Saalmieten, Hotel- und Flugkosten, die Organisation etc. Aber es ist ja nicht so, dass nur klassische Konzerte teuer sein können. Wenn Sie zu einer berühmten Rockband oder einem Pop-Superstar gehen, bezahlen Sie für einen guten Platz oft noch mehr als bei einem sehr guten klassischen Konzert. Wir bieten übrigens bei allen Konzerten rund hundert Plätze für 30 bis 50 Fr. Neben all den Veranstaltungen, die gratis sind.

Ist der traditionelle Markt für klassische Musik nicht langsam gesättigt? Suchen Sie auch neue Publikumsmärkte?
Für uns ist der Kernmarkt immer noch die Schweiz und das nahe und fernere Ausland. Für die Zukunft wird sicher der asiatische Markt noch wichtiger sein, denn dort gibt es eine hohe Affinität zu klassischer Musik. Es gibt schon jetzt Besucher aus Japan, die kommen während des Festivals 25 Mal ins Konzert. Und es sind gar nicht nur die Reichsten, sondern auch solche, die wirklich ein Jahr lang sparen, um nach Luzern ans Festival zu kommen.

Zu den Schwerpunkten des Lucerne Festival gehört auch die zeitgenössische Musik – ein persönliches Anliegen?
Ja, schon immer. Es ist enorm spannend, heutige Komponisten ins Festival einzubinden, diese Szene findet heute nicht mehr nur in engen Zirkeln statt. Und wir haben ja 2004, zusammen mit Pierre Boulez, auch die Lucerne Festival Academy ins Leben gerufen, wo junge Musiker lernen, sich mit neuer Musik zu befassen.

Eine besondere Herausforderung, dafür Sponsoren zu gewinnen?
Absolut, ja. Wir aber haben glücklicherweise Sponsoren wie Roche, Zurich, Credit Suisse, Nestlé oder Swiss Re, die ganz bewusst solche moderne Musik und Jugendförderungsprojekte unterstützen.

In Ihrer Ära konnten Sie das Festivalbudget auf rund 25 Mio. Fr. verdoppeln. Bedeutet mehr Geld mehr Qualität?
Auch. Aber vor allem ermöglicht es uns, sehr aufwendige Ideen zu verwirklichen, zum Beispiel die erwähnte Academy und, zusammen mit Claudio Abbado, das Lucerne Festival Orchestra, beide mit internationaler Ausstrahlung. So etwas geht nur mit privaten Donationen und mit Partnern aus der Wirtschaft.

Es heisst, Sie hätten ein besonderes Händchen, Sponsoren zu finden und sie zu pflegen – heute eine Voraussetzung für einen Festivalchef?
Man muss einen Sponsor für eine Sache begeistern, um dann mit ihm gemeinsam Inhalte zu kreieren, die für beide Seiten Mehrwert schaffen. Es geht nicht darum, einfach jemandem Geld aus der Tasche zu ziehen, sondern ganz konkret einen Partner zu finden, um gemeinsam einen künstlerischen Weg zu verfolgen, etwas Nachhaltiges aufzubauen.

Sie leiten das Festival seit sechzehn Jahren, Ihr Vertrag wurde bis zum Jahr 2020 verlängert. Dass die Luzerner das wollten, scheint klar – warum wollten Sie es?
Weil ich daran glaube, dass wir noch viel bewegen können. Und weil noch grosse Herausforderungen anstehen, die ich gerne begleiten will, wie die Weiterentwicklung des Festivalorchesters oder der Academy. Ich wäre sehr unglücklich gewesen, aufzuhö- ren, ohne dass dies geregelt ist. Zudem bin ich in Luzern sehr glücklich und habe noch viele Ideen.

Man sieht Sie oft im Publikum sitzen. Sind Sie da eher der Zuhörer, der sich von der Musik berühren lässt, oder denken Sie dabei schon an die Sitzung von morgen oder an den Empfang danach mit dem Sponsor?
Ich glaube schon, dass ich der Musikliebhaber geblieben bin. Es sind für mich Momente der Regeneration, und ich geniesse das, woran wir lange gearbeitet haben.

 

Bereich Sport: Stan Wawrinka

2012 haben Sie Ihren aktuellen Coach Magnus Norman verpflichtet. Seither sind Sie auf Erfolgskurs. Was bringt er Ihnen, was vorher gefehlt hat?
Ich war bereit für den nächsten Schritt. Er hat an meinem Spiel zwei, drei Dinge geändert, mir Selbstvertrauen gegeben und dafür gesorgt, dass ich auch bei den besten Spielern ruhig bleibe. Mit einem Coach verbringt man nicht nur sehr viel Zeit auf dem Tennisplatz, sondern auch ausserhalb. Wir diskutieren viel und essen gemeinsam zu Abend. Es ist ein ständiger Austausch. Ich bin mit meiner Karriere an einem Punkt angelangt, an dem sich alle Puzzlestücke zusammenfügen. Magnus Norman war der Auslöser. Um bis hierhin zu gelangen, habe ich während zehn Jahren mit meinem Konditionstrainer Pierre Paganini gearbeitet, einem sehr wichtigen Mann für meine ganze sportliche Laufbahn. Pierre ist mein Mentor, er hat mir sowohl körperlich als auch mental geholfen und ist das Fundament meiner Karriere.

Was hat sich in diesem Jahr nach Ihren vier ATP-Titeln grundlegend verändert?
Wenn man einen Grand-Slam-Titel gewinnt, schreibt man Tennisgeschichte. Mein Sieg am Australian Open hat mein Leben ver- ändert, denn ich bin in eine andere Kategorie aufgestiegen. Mit dem zweiten Titel hat sich nicht nur mein Bekanntheitsgrad, sondern auch die Anerkennung im internationalen Tenniszirkus gesteigert.

Die Bekanntheit ist das eine, die Sympathie bei den Zuschauern etwas anderes. Das eine bedingt nicht unbedingt das andere. Wie schaffen Sie es, ein Sympathieträger zu bleiben?
Die Sympathie beim Publikum ist tatsächlich schnell verspielt. Ich habe sowohl auf dem Tennisplatz als auch ausserhalb immer versucht, natürlich zu bleiben, nicht vorzugeben, jemand zu sein, der ich nicht bin. Das Publikum spürt, wenn man nicht aufrichtig ist. Natürlich habe ich nicht nur Fans, auch dieses Jahr gab es Momente, in denen das Publikum nicht hinter mir stand. Ich will aber echt und ehrlich bleiben, auch mit dem Risiko, vielleicht mal Dinge zu sagen, die andere verletzen können.

Ist es schwierig, trotz der Popularität auf dem Boden zu bleiben?
Nein, denn die Popularität ist Teil meiner Entwicklung und gehört zu dem Mann, der ich heute bin. Im Unterschied zu grossen Champions wie Roger Federer oder Rafael Nadal, die mit 18 oder 19 Jahren schon grosse Turniere gewonnen haben und es gewohnt sind, mit ihrer Bekanntheit umzugehen, war ich bei meinem ersten grossen Turniersieg 29 Jahre alt und hatte die entsprechende Reife. Wenn ich den Bezug zur Realität verlieren würde, gäbe es genügend Leute in meinem engen Umfeld, die mich auf den Boden zurückholen würden. Zum Glück ist es aber noch nie so weit gekommen (lacht).

Spielt Ihr Coach auch hier eine wichtige Rolle?
Coach und Spieler verbindet eine besondere Beziehung. Der Spieler bezahlt den Coach, trotzdem muss dieser auch Unangenehmes ansprechen, das der Spieler nicht unbedingt gern hört. Ich verfolge da eine klare Strategie: Mein Coach und mein Team sollen mich kritisieren dürfen und mir alles sagen. Ich will mich schliesslich weiter steigern.

Welche Pläne haben Sie für 2016?
Ich hoffe, dass ich mein jetziges Niveau halten und Resultate bringen kann. Mental bereite ich mich immer auf das Schlimmste vor, damit ich auf Schwierigkeiten vorbereitet bin. Ich konzentriere mich auf alles, was ich kontrollieren kann: mein Programm, meine Trainings, alles, was meine Chancen auf grosse Titel erhöhen kann. Das Alter ist kein Problem. Der Tennissport hat sich stark weiterentwickelt. Dank eines immer breiteren Teams erreichen die Spieler ihr absolutes Topniveau heute später. Früher beendeten die Spieler ihre Karriere mit 30, da sie ausgelaugt waren und es satt hatten, immer von zu Hause fort zu sein. Heute kann man dank Smartphone in ständigem Kontakt mit der Familie bleiben, das ist enorm wichtig.

Sie wollen nicht, dass man Sie zu den Big Four zählt. Warum?
Weil diese vier Spieler (Anm. d. Red.: Roger Federer, Rafael Nadal, Andy Murray und Novak Djokovic) den Tennissport seit zehn Jahren prägen. Sie haben alles gewonnen. Das sollte man unangetastet lassen. Ich habe keine Minderwertigkeitsgefühle. Ich bin der viertbeste Spieler der Welt, was bedeutet, dass einer der vier in der Rangliste abgestiegen ist. Sie werden aber für das, was sie erreicht haben, Big Four genannt, es ist Teil ihrer Geschichte, und die schreibt man nicht um. Auch ich nicht. Ich bin seit zwei Jahren in den Top vier oder den Top drei und habe dieses Jahr zwei Grand-Slam-Titel gewonnen, Federer und Murray keinen, Nadal einen und Djokovic alle anderen. Ich habe meinen Platz verdient, es liegt mir aber fern, an den Legenden zu rütteln.

Gibt es weitere Hürden, die Sie nehmen müssen?
Ja, sicher. Ich habe während meiner gesamten Karriere daran gearbeitet, mich zu steigern. Wenn ich noch einen Grand-Slam-Titel gewinnen will, muss ich weitere Hürden nehmen, denn ich bin nicht der Einzige, der Fortschritte macht.

Sind die Olympischen Spiele 2016 eine solche Hürde?
Ja. Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich schon einmal Gold gewonnen habe und deshalb nicht so unter Druck stehe.

Ist es schwierig, mit dem Neid zwischen den Spielern umzugehen?
Nein, denn Tennis ist ein Einzelsport. Ich verstehe mich sehr gut mit den anderen Spielern, auch mit den besten. Ich trainiere ständig mit den Big Four, was sie selbst nie tun. Vielleicht liegt das daran, dass ich mich nie, auch jetzt nicht, als Rivale positioniert habe. Ich weiss, dass ich sie schlagen kann, bin mir aber auch bewusst, was sie alles schon erreicht haben. Das liegt an meinem Charakter. Ich habe kein Problem damit zu akzeptieren, dass ein Spieler besser ist als ich. Und sie spüren das auch.

Sie haben noch nie so viel verdient wie 2015.
Das stimmt, und die Preisgelder steigen jedes Jahr. Die Spieler und die ATP mussten hart mit den Turnieren verhandeln, um ein System zu finden, bei dem alle profitieren. Das Geld hat aber an meinem Lebenswandel nichts geändert. Was Sponsoren wie Audemars Piguet oder Yonex angeht, so streben wir eine langfristige Partnerschaft an.

In der Schweiz haben Sie noch kein Turnier gewonnen. Ist das frustrierend?
Ich würde wirklich gern einen Titel in der Schweiz holen. Mit den drei Turnieren in Gstaad, Genf und Basel habe ich jetzt auch mehr Gelegenheit dazu. Mit dem Davis-CupSieg habe ich mir aber einen Traum erfüllt. Für mich war es eine Ehre, für mein Land zu gewinnen.

Ihre Tochter sieht ihren Vater gewinnen. Macht das Ihre Siege noch emotionaler?
Ja, ihre Freude ist sehr motivierend für mich. Jetzt fragt sie mich immer, ob ich den Pokal mitgebracht habe. Aus Tokio konnte ich ihr diesen Wunsch erfüllen.

 

Bereich Kunst/Design/Architektur: Bernard Tschumi

Wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken, welches Projekt bedeutet Ihnen am meisten?
Da gibt es viele, zwei aber liegen mir besonders am Herzen. Das erste ist der Parc de la Villette in Paris, der heute in allen Geschichtsbüchern beschrieben wird. Das andere das Akropolismuseum in Athen. Ein unglaubliches Abenteuer mit vielen komplizierten Auflagen und grossen historischen und diplomatischen Herausforderungen, die unter anderem mit der Rückgabe der Elgin Marbles an das Museum zusammenhingen. Bei beiden Projekten konnte ich architektonische Ideen einfliessen lassen. Dazwischen habe ich mehrere Gebäude zwischen Genf und Lausanne realisiert. Der Firmensitz von Vacheron Constantin gehörte dazu, aber auch die Schule Rosey mit Konzertsaal und der Umbau der ECAL in Renens. Ich wäre gerne häufiger in der Schweiz tätig, denn sie zeichnet sich durch eine besondere Sensibilität und Denkart und unglaublich schönes Licht aus. Bei Schweizer Projekten tauche ich nicht in Nostalgie, sondern in eine moderne Welt ein.

Sie haben in Zusammenhang mit dem Hauptsitz von Vacheron Constantin von einer urbanistischen Dimension gesprochen. Können Sie uns das genauer erklären?
Ohne Kritik üben zu wollen, aber die Gebäude in Plan-les-Ouates sind doch ziemlich bunt zusammengewürfelt. Wir haben versucht, eine kohärente, elegante Einheit zu bauen, die Vacheron Constantin eine städtische Kultur verleiht, eine Art Zeitlosigkeit schafft, die der Firma hilft, in die Zukunft zu blicken.

Sie sind häufiger im Ausland tätig als in der Schweiz. Sehen Sie die Retrospektive, die gerade in Basel zu Ende gegangen ist, als gerechte Würdigung Ihres Werkes?
Ja, denn die Ausstellung im Centre Pompidou in Paris war ein grosser Rückblick auf meine Arbeit der letzten vierzig Jahre. Sie nahm riesige 1000 Quadratmeter ein und war ein Erlebnis. Als das mit 400 Quadratmetern vergleichsweise kleine Basler Museum angefragt hat, ob es die Retrospektive zeigen dürfe, war ich sofort einverstanden. Wir haben das Konzept überarbeitet und auf Deutsch übersetzt. Die Ausstellung sollte aussagekräftig und originell zugleich sein. Mittlerweile wurde alles wieder eingepackt und zur nächsten Ausstellung nach Schanghai verfrachtet. Dort zeigen wir unter anderem in der Schweiz umgesetzte Projekte.

Wenn Sie heute zwischen zwei Projekten wählen müssten, einem in Schanghai und einem anderen in der Schweiz, für welches würden Sie sich entscheiden?
Wenn es etwas Prägendes sein sollte, würde ich es, ohne lang zu überlegen, in der Schweiz bauen wollen, da mir die Kultur vertraut ist, obwohl ich seither viel gereist bin. Ich habe in China schon viele Projekte verwirklicht, darunter ein riesiges Industriemuseum mit 40’000 Quadratmetern in Tianjin. In China zu arbeiten, ist vollkommen anders und ziemlich distanziert. Die Vorhaben sind auf eine gewisse Weise grössenwahnsinnig. Umgekehrt haben mir die Erfahrungen auf Schweizer Baustellen gefallen, denn ich arbeite gerne mit Leuten zusammen, die ich kenne und mit denen ich mich jeden Tag aufs Neue unterhalten kann.

Haben Sie eine Traumvorstellung von Genf oder Lausanne?
Ich denke schon, dass ich mir die beiden Städte vorstellen könnte, dabei aber darauf achten müsste, dass ich mein Idealbild nicht an die Einbettung eines neuen Gebäudes knüpfen würde. Ich habe immer wieder festgestellt, dass ein neues Gebäude in einem hässlichen Umfeld dieses auf fast wunderbare Weise in etwas Schönes verwandeln kann. Normalerweise suche ich mir das Umfeld nicht aus. Natürlich gibt es in der Schweiz aussergewöhnliche Regionen wie die Ufer des Genfersees. Sie sind so wunderschön, dass sie einschüchtern. Vielleicht ist das mit ein Grund, warum ich mich in Paris, New York, London oder Tokio eher zu Hause fühle als in den Weinbergen des Lavaux. Diese Welten sind so gegensätzlich, dass sie beide eine besondere Faszination auf mich ausüben.

Vor einiger Zeit hat die Lausanner Bevölkerung den Bau eines grossen Turms abgelehnt. Für Sie eine Fehlentscheidung, warum?
Man muss solch wichtige Entscheidungen in ein globales Konzept mit regionaler Tragweite einbinden. Hätte man eine Strategie ausgearbeitet, um der Bevölkerung die beiden einander gegenüberliegenden und dadurch höchst wirkungsvollen Türme schmackhaft zu machen, hätte man von einer gradlinigen Politik sprechen können. Den Turm nach dem Eigensinn eines Politikers und eines Baulöwen durchzuboxen, scheint mir aber gefährlich. Ich habe nichts gegen Türme, aber sie müssen genau überlegt sein.

Als Sie den Wettbewerb für La Villette in Paris gewonnen haben, standen Sie noch ganz am Anfang Ihrer Karriere. Sie glauben nicht, dass es heute noch möglich wäre, einem so unerfahrenen Architekten ein solches Projekt anzuvertrauen. Warum?
So pessimistisch bin ich dann doch nicht. Es gibt immer wieder mal utopische Wettbewerbe wie den Parc de la Villette, bei dem alle ein Projekt einreichen können und die anonymen Einsendungen von einer Jury aus den weltbesten Architekten beurteilt werden. La Villette war mein erster Wettbewerb. Ich habe ihn gewonnen und sogar umgesetzt. Kürzlich wurde für das Guggenheim-Museum in Helsinki ein Wettbewerb ausgeschrieben. Über tausend Architekten, alle noch sehr jung, haben anonym daran teilgenommen. Ich habe einige der preisgekrönten Projekte gesehen, darunter waren sehr gute Arbeiten. Ich persönlich meide solche Wettbewerbe heute, ich ziehe das Selektionsverfahren vor. In der Schweiz sind sie aber eine gängige Methode, und sie haben durchaus ihre Berechtigung.

Welche Vorteile und welche Nachteile hat die Schweiz für Architekten?
Eine schwierige Frage. Vieles ist traditionell bedingt. Die Schweizer Architekturtradition reicht mehrere Jahrhunderte zurück, entstand aber teilweise auch im 20. Jahrhundert. Auf dieser Grundlage hat sich eine absolut bemerkenswerte Denk- und Bauweise entwickelt – so bemerkenswert, dass sie bestimmte Erfindungen und andere Denkweisen blockiert hat. Sie hat verhindert, dass Vorhaben in Frage gestellt wurden, dass etwas völlig Neues versucht wurde, statt sich einem vorgegebenen Regelwerk zu unterwerfen. Die Schweiz ist eines der wenigen Länder, in denen ein echter Dialog herrscht, über Schulen und Fraktionen hinaus. In denen die Leute nicht die Strassenseite wechseln, um ihrem anders denkenden Kollegen nicht die Hand schütteln zu müssen. Dieser schon fast obsessive Wunsch herauszufinden, was echte Architektur ist, ist in der Schweiz noch immer sehr lebendig– auf Gedeih und Verderb.

 

Bereich Technologie und Innovation: Olivier Bernhard und David Allemann

On klingt ziemlich geheimnisvoll. Wie haben Sie den Namen gefunden?
Olivier Bernhard: Wir wollten weder eine technologische Bezeichnung, etwa xyz-tec, noch einen Fantasienamen. Wir haben sehr lange darü- ber nachgedacht (lacht).
David Allemann: Unsere Philosophie basiert auf Feeling, auf Laufgefühl. Als Olivier uns den ersten Prototyp zeigte, waren Caspar und ich auf Anhieb überzeugt. Auch die Athleten bestätigen es. Dank den Schuhen finden sie schneller den Rhythmus, sind schneller «wach», schneller aktiv, sofort auf «on» und weg von «off». Dies ist die Grundlage unseres Namens.

Design spielt eine grosse Rolle. Wie hat es sich entwickelt?
D.A. Design ist in der Tat wichtig. Der Schuh ist leicht und funktionell. Für uns ist Design ein Element im ganzen Prozess, das eine Frage beantwortet oder ein Problem löst. Daher ist bei uns Design schon in der Konzept- und Entwicklungsphase ein Thema, aber definitiv keine Dekoration. Im Übrigen war der Designer Thilo Alex Brunner schon am Anfang mit an Bord (heute auch als Professor an der Ecole cantonale d’art de Lausanne tätig, Anmerkung der Red.).

Wie fanden Sie die ersten Produktionszentren?
D. A. Im Februar 2010, einen Monat nach der Lancierung unseres ersten Prototyps, gewannen wir den internationalen ISPO BrandNew Award für Innovation im Sport. Man sagte uns, dass wir im Juni auf dem Markt sein müssten, ansonsten wäre es besser, zu verzichten. Dann ist die Hälfte der Saison nämlich schon gelaufen. Eine Woche später waren wir in Asien.
O. B. Wir mussten alles von Grund auf lernen. «Unmöglich» oder «so etwas wurde noch nie gemacht», lautete der allgemeine Tenor. Wir stellten fasst, dass dies eigentlich das schönste Kompliment war. Wir brauchten starke Partner. Die Gummiringe an den Sohlen hielten anfänglich nicht. Ein Problem, das wir selbstverständlich geregelt haben. Alle unsere Produzenten befinden sich in Vietnam. Nicht weil wir dies so wollen, sondern weil wir dort die angestrebte Qualität erhalten.

Im Juli 2012 waren es bereits über 400 Händler, die in 18 Ländern Ihre Produkte verkauften, im vergangenen Juni waren Ihre Schuhe in 1500 Läden in über 30 Ländern erhältlich. Wie haben Sie dies gemacht?
O. B. Man muss Prioritäten setzen. 2012 eröffneten wir in Portland in den USA ein Büro, wo heute etwa fünfzehn Personen arbeiten. Unser Ziel sind Regionen mit einem urbanen Publikum, das Innovation liebt, vorzugsweise an den Küsten ansässig, etwa an der Ostküste oder in Kalifornien. In Manhattan sind unsere Schuhe in 25 Läden zu haben. Die Reaktion der Leute ist überall die gleiche: «Was ist das für ein seltsamer Schuh!» Also müssen wir viel Überzeugungsarbeit leisten und viel Geduld haben.
D. A. Wir haben Verkaufsteams in Deutschland, Frankreich und in England. In den Schlüsselmärkten muss man vor Ort prä- sent sein. Im Mai 2014 haben wir in Japan in Yokohama ein Büro eröffnet. Wir profitieren auch von einem hervorragenden Distributionsnetz zum Beispiel in Mexiko oder Brasilien. Wir schätzen, dass heute etwa weltweit 700‘000 Läufer On tragen. In der Schweiz beträgt unser Anteil am Premiummarkt etwa 20%, in Deutschland 5%.

Ihre Athleten transportieren Ihr Image in die ganze Welt. Wie wählen Sie Ihre Botschafter aus?
O. B.
Es ist vielmehr so, dass die Läufer zu uns kommen. Das war schon am Anfang der Fall. Nachdem ich meinen allerersten Prototyp getestet hatte, verschwanden die Rückenschmerzen. Meine Marathonfreundin Tecla Loroupe aus Kenia, die eine unserer Botschafterinnen wurde, machte 2009 die gleiche Erfahrung, und zwar noch bevor das Label kreiert wurde. Die Athleten wählen uns wegen unserer Technologie, nicht wegen des Geldes. Ich erhalte täglich Mails von Läuferinnen und Läufern, die dank unseren Schuhen keine Schmerzen mehr haben.
D. A. Die Athleten verhelfen uns zu Glaubwürdigkeit. Unsere Strategie basiert weniger auf Werbung, sondern wir wollen die Leute motivieren, unsere Schuhe zu testen und das Laufgefühl selbst zu erfahren.

Arbeiten Sie mit der Forschung?
O. B. Wir haben Studien in Auftrag gegeben, um die Richtigkeit unserer Technologie zu verifizieren. Die im Mai 2012 von der ETH Zürich publizierte Studie zeigt, dass Läufer mit On einen tieferen Pulsschlag und niedrigere Blutlaktatwerte aufweisen. Auch einer der weltweit angesehensten Spezialisten für Biomechanik, der Kanada-Schweizer Benno Nigg, stimmt unserer Technologie zu.

Unter Ihren Botschaftern gibt es nicht nur Läufer, sondern auch etwa ein afrikanisches Fahrradteam oder die Schweizer Snowboard-Mannschaft. Weshalb?
O. B. Nichtprofessionelle Läufer sind die kritischsten. Sie laufen, um physisch fit zu sein, und nicht unbedingt zu ihrem Vergnügen. Viele sagen uns, dass sie erstmals Freude am Ausdauertraining haben. Dies ist die Basis unserer Philosophie: Freude haben und ein grosses «Oh» – für On oder für Optimismus.