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Erst wurde sie verunglimpft, später nannte man sie die Meisterin der Performance. Lange benutzte Abramović Geist und Körper, um ihre Ängste bei der Erforschung des Menschlichen zu bekämpfen.

Marina Abramović hat das Aussehen einer Frau ohne Alter, das Gesicht glatt ohne künstliche Hilfe, die langen Haare verschwinden im schmucklosen schwarzen Kleid aus mattem, robustem Stoff. Sie wirkt in den Gängen des Genfer Luxushotels fast ein wenig gebrechlich.

Im Frühstückssaal sitzt sie zufälligerweise in der Nähe von drei Burka tragenden Frauen, deren Blick ähnlich seltsam melancholisch ist. Die Künstlerin lotet die Grenzen von Körper und Geist aus, die sie als Gefängnis empfindet.

Ihre Performances gelten heute als wegweisend. 1974 forderte sie in «Rhythm 0» Mut, Boshaftigkeit und Ängste des Publikums heraus, indem sie ihnen ihren Körper auslieferte und sogar zum Töten einlud. 2010 die Performance «The Artist Is Present» im MoMA, als sie still auf einem Stuhl sitzend dem Besucher in die Augen schaute und ihn so animierte, in sich selbst einzutauchen.

Sie bezeichnet sich lieber als «Warrior» denn als spirituelle Meisterin einer Kunstrichtung. 1946 in Belgrad unter der kommunistischen Diktatur geboren, versuchte die Künstlerin lange Zeit, die Repressionen zu verstehen, die ihr Land prägten.

Ihre 1997 an der Biennale von Venedig aufgeführte Videoperformance «Balkan Baroque» wurde mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Heute setzt Marina Abramović viel Vertrauen in die neue Generation.

Anlässlich der Scopus Gala in Genf erklärt sie, weshalb die neurowissenschaftliche Forschung ebenfalls Teil ihrer Kunst ist und wie sie das Publikum in ihre Experimente einbezieht, um dem Wahrheitsideal zum Durchbruch zu verhelfen.

Marina Abramović, weshalb diese Suche nach dem Wahrheitsideal durch die Performance? Was löst diese aus?
Ich habe soeben meine Memoiren zu Ende geschrieben, in denen ich von meinen Erfahrungen spreche (Walk Through Walls, Verlag Crown Archetype). Ich habe dieses Buch geschrieben, in der Hoffnung, künftige Generationen zu inspirieren. Alles begann mit einer ersten, prägenden Erinnerung, als ich als Vierjährige mit meiner Grossmutter im Wald spazierte. Sie ist eine zentrale Person, denn sie hat mich aufgezogen. Ich entdeckte eine Schlange, meine Grossmutter schrie, ich aber blieb ruhig, denn ich hatte noch nie so etwas gesehen und somit auch keine Vorbehalte. Die Angst meiner Grossmutter und die Wucht ihrer Gefühle faszinierten mich. Seit damals glaube ich, dass es wichtig ist, sich mit dem Unbekannten auseinanderzusetzen, auf das Angstauslösende zuzugehen.

Wie alt waren Sie, als Sie sich für Kunst zu interessieren begannen?
Ich habe immer gewusst, dass ich Künstlerin werden wollte. Ich war sehr jung, als ich zu malen begann. Ich malte meine Träume. Als Vierzehnjährige stellte ich meine ersten Bilder aus, im Alter von 21 Jahren begann ich meine Klang-Performances, denn ich wollte neue Medien erforschen. Dies war der Moment, als ich mit meinem Körper zu arbeiten begann. Mein Körper ist das Instrument.

Sie sagen, dass Sie dieser Kunst Ihr Leben geopfert haben?
Wissen Sie, wenn man sich selbst ist, gibt es eigentlich keine Opfer. Es stimmt, ich habe beispielsweise nicht erlebt, Mutter zu sein. Ein Kind zu haben, bedeutet Verantwortung und Präsenz. Ich konnte diese Erfahrung nie machen, denn ich bin es, die meine Kunst verkörpert. Ich bin Teil meines Werks, ich bin meine Kunst. Im Gegensatz zum Gemälde, das man auf Reisen schicken kann, ist es mein Ich, das reisen und sich mit anderen Menschen konfrontieren muss. Ich bin immer in Bewegung, mein Atelier ist die Welt.

Am Anfang war es schwierig, oft hatten Sie kein Geld.
Das war so. Performance ist keine Kunst, mit der man Geld verdient. Das ist der Unterschied zu andern Kunstformen. In den meisten Fällen wird Kunst zur Ware, die so und so viele Millionen teuer ist. In meinem Fall ist dies nicht möglich, eine Performance muss immateriell sein. Ich bin auch nie wegen des Marktes irgendwelche Kompromisse eingegangen. Hingegen wird meine Kunst ständig durch ein neues Publikum bereichert. Ich weiss, dass ich auf dem richtigen Weg bin, denn meine Besucher sind sehr jung, in den meisten Fällen unter dreissig.

Was hat sich geändert, seit der Erfolg da ist?
Ich trage mehr Verantwortung. Aber der Erfolg ist so spät gekommen, so dass ich ihn philosophisch betrachte. Oder wie Woody Allan sagen würde: «Heute bist du ein Star, morgen ein schwarzes Loch.» Erfolg ist gefährlich, wenn er schon im jungen Alter eintritt. Man kann verrückt werden, sich als Gott empfinden. Als Künstler ist man exponiert, der Kritik ausgesetzt. Ich bin stets meinen Intuitionen gefolgt, habe mein Bestes gegeben. In den 1970er-Jahren hat mich die Szene belä- chelt, heute hat sich die Meinung geändert.

Was denken Sie über zeitgenössische Kunst und die kolossalen Summen, die dafür bezahlt werden?
Es gibt zwei Welten. Jene der langjährigen Sammler, die sich für Kunst interessieren und auf intelligente Weise Kunst zusammentragen. Und jene der Investoren, die mit der Kunst nichts am Hut haben, sondern nur ans Geld denken. Diese deprimieren mich. Die Rekordsummen, die einzelne Werke erzielen, helfen nicht der Kunst, sondern nur den Investoren. Die Sichtbarkeit des Werks geht an den Käufer über, in den meisten Fällen geht es der Kunstwelt verloren und kann nicht mehr in den Museen bewundert werden. Dies entspricht nicht der Absicht des Künstlers. Performances sind weniger teuer, leben im Rhythmus der Wirtschaftskrisen und steigen wie Phönix aus der Asche auf. Ein Perpetuum mobile.

Sie haben die Einladung an die Scopus Gala angenommen, die das ELSC (The Edmond and Lily Safra Center for Brain Sciences) der Hebräischen Universität Jerusalem unterstützt. Weshalb?
Es ist wichtig, die neurowissenschaftliche Forschung zu unterstützen, denn diese bringt uns der Wahrheit näher. An der Soiree wurde Geld für das neue Gebäude gesammelt, für welches Ehrengast Norman Foster kostenlos die Architektur konzipiert hat. Ich kreierte speziell für diesen Anlass ein interaktives Werk. Ich bewundere diesen Mann und grossen Architekten sehr. Für ihn wollte ich etwas sehr Persönliches schaffen und verlangte ein Scan seines Gehirns. Norman Forster war einverstanden. Schliesslich wurde diese 1:1-Reproduktion mit Gold überzogen. Doch ich wollte auch die englische Seite dieses Mannes ansprechen, der wie jeder echte Engländer Teeliebhaber ist. Also dachte ich an einen Teekrugwärmer und kreierte einen «Hirnwärmer» aus lichtempfindlichem und mit Licht aufladbarem Material. Die Performance war jener einzigartige Moment, als das leuchtende Genie auf der Bühne erschien. Ein Mix von Humor und Immaterialität.

Erklären Sie das Konzept der «Golden Lips», die Sie für Scopus Gala kreiert haben.
Ich liebe die humane Dimension der tibetanischen Philosophie. Es gibt da einen Brauch, bei dem eine Mischung aus Gold, Honig, Getreide und Pfefferkorn dem knapp einjährigen Kind verabreicht wird, welche die Hirnzellen nähren sollen. Heute sind Wissenschaftler dabei, die Wirkung von Gold auf das Gehirn zu erforschen. Aus diesem Grund kreierte ich für jeden Gast die Golden Lips. Es gibt zwei Formen von Wissen, das intuitive und das wissenschaftliche. Oft nimmt das intuitive die Zukunft vorweg, wobei es in der Regel sehr lange dauert, dessen Richtigkeit wissenschaftlich zu beweisen.

Weshalb interessieren Sie sich für Neuroforschung? Weshalb diese Verbindung mit Ihrer Kunst?
Russische und amerikanische Wissenschaftler sind sehr an meinen Performances interessiert, vor allem an jenen, wo man sich während über acht Stunden nicht bewegt, wo man monatelang in einem Raum eingeschlossen ist, wo man Menschen ansieht, die einem gegenübersitzen. Man legte mir Sensoren um meinen Kopf, welche die Vibrationswellen meines Gehirns und jene der mir gegen- übersitzenden Person massen. Dank Informatik wurden diese Wellen oder Verknüpfungen visualisiert, wie unterbewusste Kommunikation. Das war sehr erstaunlich und viel weitergehend als Telepathie. Die Forscher waren an diesem Experiment interessiert, weil ihr Wissen über das Unterbewusste unendlich klein ist. Der Körper, das Gehirn faszinieren mich als Experimentierinstrumente. Das Verstehen vollzielt sich ausschliesslich durch die Erfahrung des Individuums. Deswegen habe ich die «Abramović-Methode» entwickelt. Instrumente also, damit das Publikum mit sich selbst in Kontakt treten kann

Erklären Sie uns bitte diese Methode.
Alle diese Dinge, die uns umgeben, Elektronik und Internet, hindern uns, in unser Inneres einzutauchen. Die Technologie macht uns zu Invaliden. Deshalb bitte ich Menschen, die einer Performance beiwohnen möchten, alle diese Geräte abzugeben. Davon befreit, versinken sie nach und nach in sich selbst und sind bereit für diese Erfahrung. Dies ist auch der Grund, weshalb mein Publikum sehr jung, oft nicht mal fünfzehn Jahre alt ist. Diese jungen Leute sind unsere Zukunft. Je älter wir werden, desto misstrauischer und ängstlicher begegnen wir Änderungen. Die Jugend sucht das Experimentieren, die Konfrontation, das Verständnis neuer Universen.

Loten Sie immer noch täglich Ihre Grenzen aus? Empfinden Sie noch Angst? Selbstverständlich. Ich könnte jeden Tag zusammenbrechen. Der Körper hat seine Grenzen, ich fürchte mich immer noch vor allem. Es geht nicht darum, ein Superheld zu werden, sondern Schmerz, Angst, Zeitlichkeit zu verstehen. Das Ego ist das schlimmste Gift überhaupt. Ich habe mein eigenes getötet, als ich meine künstlerischen Instrumente den Jüngeren überliess.

Wie stehen Sie zum Geld? Bis vor kurzem hatte ich nie Geld. Heute kann ich endlich meine Rechnungen bezahlen und komfortabel leben. Es gab eine lange Zeit, wo ich im Auto lebte und alle Tankstellen mit Dusche kannte. (lacht) Aber ich fühlte mich nie arm. Geld ist so virtuell, stört unser Bewusstsein. Ich kann die Welt nicht ändern, ich kann nur mich selbst ändern. Der Schlüssel liegt in der Arbeit mit der jungen Generation.

Ihre Beziehung zur Schönheit?
Ich liebe Schönheit, denn sie entsteht aus der Einfachheit. Kunst ist jedoch nicht Schönheit. Sie ist nur ein Teil davon, weil Kunst auch stören und von der Zukunft reden muss, Kunst muss politisch, sozial sein.

Ist der Tod Ihre letzte Performance?
Es gibt das Theaterstück «The Life and Death of Marina Abramović» von Bob Wilson mit drei Särgen. In Wirklichkeit wird es sicher mehrere geben. Ich denke darüber nach. Ich werde sie mit Tausenden Dingen füllen, mit Eitelkeiten, Kritiken, mit allem, was mich betrifft, und natürlich auch mit meinem Körper. Anschliessend wird alles verbrannt. Und ich werde frei sein. (lacht)

Sollen Künstler mit der Wirtschaft zusammenarbeiten?
Ich habe für meine diesbezügliche Meinung viel Kritik eingesteckt. Doch – wer finanziert Kunst? In der Vergangenheit waren es Könige, Päpste, die Aristokratie, heute sind es Banker und Industrielle. Wenn wir als Künstler Interessantes schaffen können, dann sollen wir dieses Geld nutzen.