Unternehmen / Schweiz

Markteintrittsbarrieren sinken – Finanzportale werden zu Erfolgsfaktoren

Jörg Stindt

Von Jörg Stindt

«Net Society», die Netzwerkgesellschaft, steht für die durch das Internet veränderte Bevölkerung. Ihre Entstehung hat erst begonnen, doch zeichnen sich ihre Ausprägungen bereits ab. Neben vielen anderen Branchen wird vor allem das Retail Banking, das Geschäft mit Privatkunden und kleineren Firmen, durch diese Entwicklung unter grossen Veränderungsdruck geraten. Da die Produkte der Banken in erster Linie aus Daten bestehen und keine physische Komponente aufweisen, sind sie für die elektronische Revolution geradezu prädestiniert.

Informationsgefälle ist weg

Eine offensichtliche Entwicklung, die das Internet ausgelöst hat, ist die breite und oft kostenlose Verbreitung von Informationen – insbesondere im Finanzbereich. Neben reiner Datenübermittlung, wie im Falle von Börsenkursen, liefern immer mehr Anbieter auch interpretierende und vergleichende Informationen. Noch nie konnte ein Konsument so einfach den Überblick über das Angebot einer ganzen Branche erlangen wie zu Zeiten des World Wide Web. Für die Banken geht damit eine ihrer zentralen Aufgaben verloren: die Ausgleichung des Informationsgefälles zwischen den Kapitalmärkten und den Kunden.
Durch die technologische Entwicklung verändern sich auch die Transaktionssysteme im Retail Banking. Zahlungsverkehr, Börsenaufträge und die Administration werden zunehmend elektronisiert. Da die technologische Entwicklung aber unabhängig von den Banken vonstatten geht, können auch andere Anbieter die Errungenschaften nutzen. Die vielen selbständigen Discountbroker sind hierfür nur ein Beispiel. Im Zusammenhang mit E-Commerce werden immer mehr Zahlungs- und Finanzierungsfunktionen von Drittanbietern erledigt. Zahlungsströme werden über Kreditkarten, Smart Cards (Karten mit eingebautem Computer oder Speicher) und über die Telefon- oder Provider-Rechnung abgewickelt.
Die Grenzen des Banking werden unscharf. Die technologische Entwicklung hat die Eintrittsbarrieren für branchenfremde Konkurrenz oder andere Neuanbieter von Nischenprodukten erheblich gesenkt. Die Retail-Banken geraten immer mehr unter Druck. Und der ist nicht mehr nur über Kostensenkungen oder Fusionen abfangbar. Es müssen neue Unternehmenskonzepte entwickelt werden, die den heutigen Herausforderungen gerecht werden. Beat Bernet, Professor am Schweizerischen Institut für Banken und Finanzen der Hochschule St. Gallen, erklärte dazu an einem Seminar über Entwicklungstendenzen im Consumer Banking, dass das herkömmliche Modell der Universalbank nicht mehr funktioniere.
Es reicht nicht, im Internet präsent zu sein. Schon in der relativ kurzen Zeit seiner Relevanz für breite Bevölkerungsschichten, führte die rasante Entwicklung von einem erwünschten Mehr an Information zu einem Zuviel. Für die Nachfrager nach Finanzdienstleistungen entsteht in einem derartigen Umfeld ein erhöhter Bedarf nach einer, wie sich Bernet ausdrückt «Lotsen- oder Navigationsfunktion». Institutionen, die sich dieser Funktion annehmen wollen, müssen sich durch Unabhängigkeit und Objektivität auszeichnen. Nur so haben sie eine Chance, die begehrte Funktion eines Portals einzunehmen. Darunter versteht man Eingangspforten ins Internet, an denen ein Besucher einen umfassenden Überblick zu einem bestimmten Thema erhält. Für die Banken sind die Finanzportale die relevanten Web-Seiten, die es möglichst zu besetzen gilt. Denn obwohl diese Portale oft von Drittanbietern aufgebaut werden, ist es durchaus möglich, dass auch Banken mit ihrer Internet-Strategie derartige Positionen im Netz anstreben können. Ein gutes Schweizer Beispiel hierfür ist die Credit Suisse, die auf ihren Internet-Seiten für viele Finanzprodukte, sowie für Fonds und neuerdings für Lebensversicherungen einen unabhängigen Marktüberblick bietet. Diese Unabhängigkeit wird dadurch gewährleistet, dass die Anbieter der vorgestellten Produkte mit der Credit Suisse für diese Dienstleistung zusammenarbeiten und die entsprechenden Informationen liefern – auch wenn sie mit der Grossbank in einem Konkurrenzverhältnis stehen.
Es ist nahe liegend, dass für Nachfrager, die sich im Internet über Finanzprodukte informieren oder diese auch gerade elektronisch beziehen wollen, ein derartiges Finanzportal zu einem attraktiven Anlaufpunkt wird. Der Besitzer eines solchen Portals ist sich der Aufmerksamkeit der Nutzer gewiss und kann gegenüber den reinen Produkteanbietern eine Gatekeeper-Funktion einnehmen: Er schiebt sich zwischen Anbieter und Kunde. Somit entwickeln sich diese Portale zu strategischen Erfolgsfaktoren für das Retail Banking der Zukunft.

Zurückhaltung schwindet

Skeptiker weisen immer wieder auf die mangelnde Akzeptanz der Online-Banken hin. Noch immer bevorzugen wesentliche Teile der Bevölkerung den Bank- bzw. Postschalter für die Abwicklung ihrer Geldgeschäfte. Doch dies dürfte sich bald ändern. Bernet rechnet damit, dass in drei bis fünf Jahren bis zu 80% der Kunden Electronic Banking zumindest auch benutzen. Seine Nachfrager-Typologie rechnet insbesondere mit einem starken Rückgang der «Dinosaurier». Das sind diejenigen Kunden, die ihre Konsumgewohnheiten von den technischen Entwicklung in keinerlei Art und Weise beeinflussen lassen. Die anderen Kategorien zeigen sich in abgestuften Ausmass offen gegenüber Veränderungen. Vor allem Zusatznutzen in Form von Zeitgewinn, Preisnachlässen und auch Komfortzuwachs werden den elektronischen Kanälen weiteren Auftrieb geben.

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