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Martin Gilbert: Mister Dealmaker setzt nun auf Revolut

Martin Gilbert ist ein Urgestein in der Vermögensverwaltung. Nun startet der Brite ein neues Kapitel als VR-Präsident der Challenger-Bank Revolut.  

«Stabilität ist die lebensnotwendige Voraussetzung in der Finanzbranche, Kunden mögen keine ständigen Veränderungen.» Martin Gilbert hat klare Vorstellungen zu seiner Industrie, die er selbst auch über Jahrzehnte hinweg vorgelebt hat. Der fünfundsechzigjährige Gründer von Aberdeen Asset Management fungierte über dreissig Jahre lang als CEO, viele seiner Weggefährten blieben ebenfalls zwanzig Jahre und mehr dem Unternehmen treu.

Es mutet deshalb auf den ersten Blick etwas ungewohnt an, dass er auf den Jahresanfang in einen der volatilsten Bereiche der Finanzindustrie wechselt. Beim Fintech-Unternehmen Revolut fungiert Gilbert als Präsident des Verwaltungsrats. Die Challenger-Bank gilt als eines der am schnellsten wachsenden Start-ups in der Welt der Finanztechnologie. Ihr Angebot – eine kostenlose, weltweit einsetzbare Kontolösung – nutzen bereits über 9 Mio. Kunden.

Der Auftrag an Gilbert ist klar formuliert.  Das Urgestein aus der Vermögensverwaltungsbranche soll das ambitionierte Unternehmen auf die nächste Stufe hieven. Denn in den vergangenen Monaten machten sich bei Revolut einige Defizite bemerkbar. Von einer toxisch werdenden Kultur war die Rede, unter Beschuss kam das von Ex-Credit-Suisse-Banker Nikolay Storonsky gegründete Unternehmen auch wegen angeblich mangelhafter Massnahmen gegen Betrug und Geldwäsche. Revolut dementierte die Vorwürfe umgehend, Restverdachtsmomente blieben dennoch zurück.

Für Gilbert kam das Angebot der Challenger-Bank wiederum zur richtigen Zeit. Sein «Baby» Aberdeen Asset Management hatte er vor zwei Jahren mit dem britischen Konkurrenten Standard Life (SL. 323.1 -0.62%) zum neuen Unternehmen Aberdeen Standard Investments fusioniert. Zwar startete Gilbert zusammen mit Ex-Standard-Life-Chef Keith Skeoch als Co-CEO. Im vergangenen März verdrängte dieser aber Gilbert aus der Chefetage. Der im Machtkampf unterlegene Gilbert musste sich mit einem Trostpreis, dem Amt des stellvertretenden VR-Präsidenten, begnügen. Ausgerechnet sein grösster Deal wurde dem als Mister Dealmaker bekannten Gilbert zum Verhängnis.

Zuvor war es stets der autoritär wirkende Schotte, der den Transaktionen seinen Stempel aufdrückte. So bereitete er für Aberdeen den Eintritt in den Schweizer Markt vor, als er 2009 den europäischen Fondsarm der Credit Suisse (CSGN 13.39 -1.29%) aufkaufte – und dabei Konkurrent Schroders in die Schranken wies. Später lancierte er in der Schweiz eine grössere Werbekampagne: Zuerst stattete er sämtliche Gepäcktrolleys am Flughafen Zürich (FHZN 170.2 -1.45%) mit dem Aberdeen-Logo aus, später sponserte er die Schweizer Skischulen. Nicht nur, weil er seit Jahren regelmässig in Zermatt Skiferien macht, wie er vor einigen Jahren im Gespräch sagte. Es sei auch ein Seitenhieb gegen M&G Investments, einen weiteren britischen Konkurrenten, gewesen. «Ich wollte lieber unser Logo als das des Konkurrenten sehen, wenn ich auf der Piste bin», gestand Gilbert damals ein.

Auch heute ist sein Antrieb ungebremst, etwas in der Welt zu bewegen. Was wiederum stark mit seiner Herkunft zusammenhängt. Gilbert stammt nicht aus der schottischen Finanzmetropole Edinburgh, sondern aus der von der Ölindustrie dominierten Hafenstadt Aberdeen. Wer nicht auf einer der Ölplattformen in der Nordsee sein Geld verdienen wollte, musste das Schicksal in die eigenen Hände nehmen. Wie Gilbert, der sich einen Namen im Asset Management aufbaute und den Stadtnamen ausserhalb der Ölbranche salonfähig machte.

Seine Familie wird es ihm wohl nachsehen, dass er auf absehbare Zeit nicht kürzertritt. Seine drei Kinder Jamie (34), Mhairi (31) und Kirstin (27) sind längst dem Elternhaus entflogen, Gilberts Frau Fiona ist als Leiterin der Radiologieabteilung der Universität Cambridge beruflich noch äusserst stark engagiert. Findet Gilbert mal freie Zeit, ist er am ehesten auf dem Golfplatz (Handicap 10) anzutreffen, oder aber mit seiner Familie auf dem Segelboot. Auch hier würde Gilbert nicht freiwillig das Steuer in andere Hände geben.

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