Kaffee mit…

Martin Suter, Schriftsteller

Herr Suter, wie geht es Ihnen in Zeiten von Home Office und Social Distancing?  «Die momentane Situation ist für mich eigentlich nicht wirklich ungewöhnlich»,  sagt Martin Suter. Für ihn als Schriftsteller gäbe es immer wieder lange Phasen, in denen er zu Hause am Schreibtisch sitze und an neuen Texten arbeite. Auch wir verabreden uns statt zu einem Kaffee im Restaurant zu einem Gespräch per Videokonferenz. Gastrolokale sind ­wegen der Covid-19-Pandemie immer noch geschlossen.  

Dabei spielen Bars und Restaurant für die verschiedenen Protagonisten des Schweizer Autors eine wichtige Rolle. Zum Beispiel Geri Weibel: Bereits in den Neunzigerjahren machte sich dieser monatlich in einer ­Kolumne Gedanken über das richtige Leben in der Grossstadt. Gern an der Theke einer angesagten Zürcher Bar, vor sich ein Glas des aktuellen Trendgetränks. Später schickte der 72-Jährige seine Hauptfigur auf einen längeren Aufenthalt in die Karibik. Heute lässt Suter Geri Weibel jedoch erneut sinnieren. Thematisch kann er im Moment aus dem Vollen schöpfen: Es geht um Gesichtsmasken, digitales Social Distancing und die Tücken von Videokonferenzen, wenn der private Raum plötzlich für Arbeitskollegen und Freunde öffentlich wird. 

Suter blickt auf eine erfolgreiche Karriere zurück. Zuerst in der Werbung, wo er als Texter arbeitete, dann eine eigene Agentur führte, später als Schriftsteller. Seine Romane sind regelmässig ganz oben auf den Verkaufslisten zu finden. Viele davon wurden auch verfilmt, zu nennen sind etwa  «Die dunkle Seite des Mondes», «Der Teufel von Mailand» oder die Krimiserie um den Gentleman-Gauner Allmen. Während vieler Jahre lebte er mit seiner Familie abwechselnd in der Schweiz, auf Ibiza und in Guatemala. Heute liegt der Lebensmittelpunkt wieder in Zürich. Suter besitzt aber noch immer ein Haus in Marrakesch. Um diese Zeit wäre er mit der Familie normalerweise dort. Wegen der Reisebeschränkungen ist das ­momentan aber nicht möglich.

Im Gegensatz zu früher schreibt Suter seine Kolumnen nicht mehr für andere Medien, sondern er veröffentlicht sie auf seiner eigenen Homepage, martin-suter.com. Finanziert wird diese durch Abonnements. Die digitale Selbstständigkeit ist mit wirtschaftlichem Risiko verbunden. Das Projekt schreibt nach wie vor rote Zahlen, im November will Suter den Break-even schaffen. Gestartet hat er es wegen der schlechten Situation in der Buchbranche. Die Einnahmen aus den Verkäufen sind zurückgegangen. «Für einen Platz ganz oben auf der Bestsellerliste müssen heute viel weniger Exemplare verkauft werden.» Die digitalen Medien machen den Verlagen zu schaffen. Um auch auf mobilen Geräten gelesen zu werden, schien ihm eine Homepage das passende Format, und regelmässige Kolumnen liessen sich gut abonnieren. Auf diese Weise erweitert Suter aber auch sein literarisches Universum und lässt seine Romane mit seinen anderen Texten verbinden. Allmen etwa hat eine eigene Rubrik erhalten: Er löst Geheimnisse aus seinem Leben und spinnt Fälle weiter. 

Der Autor plant zudem eine Onlinefortsetzung seines 2004 erschienenen Romans «Lila, Lila». Dazu kommen Einblicke aus dem Archiv. Die Werbetexte für Swissair oder die Schweizerische Volksbank, die er vor seiner Karriere als Schriftsteller verfasst hatte, sind nicht zuletzt ein Stück Schweizer Wirtschaftsgeschichte. Neben Geri Weibel schreibt Suter auch wieder Absurdes aus der Welt des Managements für neue Folgen seiner Kolumne «Business Class». Wie stark haben sich Manager und ihre Themen denn verändert, seit er 2004 die Kolumne nach 750 erschienenen Folgen eingestellt hat? «Als ich begonnen habe, die Kolumne zu schreiben, war meine Ausgangsthese, dass der wirtschaftliche Erfolg einer Unternehmung Abfallprodukt der Karrierebestrebung der Manager ist.» Grundsätzlich geändert hätten sich die Menschen seit damals nicht, einzig ein paar neue Fachbegriffe oder Managementtheorien seien aufgetaucht. 

Trotzdem ist Suters Satire nie boshaft. Er möge eigentlich alle seiner Protagonisten, wie er sagt. Auch wenn Eitelkeiten und eine Ich-Bezogenheit bei seinen Figuren eine grosse Rolle spielen. Das hat sich auch angesichts des coronabedingten Home Office nicht verändert. Und so fragen sich die Figuren, ob ihr Wohnzimmmer auch passend eingerichtet ist und ob  vor dem Skype-Meeting das Exemplar von «50 Shades of Grey» auch aus dem Büchergestell entfernt worden ist.

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