Im Februar war Italien als erstes europäisches Land in den Strudel des Coronavirus geraten. Inzwischen hat die Regierung die Pandemie besser in den Griff gekriegt. Doch die einschneidenden Eindämmungsmassnahmen haben tiefe Spuren hinterlassen. Das zeigt sich am Bruttoinlandprodukt und den monatlichen Zahlen zur Industrieproduktion. Zu den Leidtragenden der Krise gehört auch die in der norditalienischen Stadt Modena ansässige Maserati. Kein einziges Fahrzeug wurde während des Lockdown veräussert. Die Verkäufe sind im Frühling 99,9% zurückgegangen. Dass der Rückgang nicht mit 100% angegeben wird, hat einzig und allein mit statistischen Vorgaben zu tun.

Eine schwierige Zeit also für Maserati. Eigentlich wollte sie in dieser Zeit ein neues Werk einrichten, sich selbst neu aufbauen, ein ganz neues Modell lancieren, ihre Palette ausbauen und intensiv die Elektrifizierung der Marke vorantreiben. Doch es ist alles nach hinten geschoben worden. So kommt alles auf einmal. Und es bahnt sich vieles an, worauf sich die Autoliebhaber freuen können.

Der MC20, den wir hier vorstellen, wird auch noch rein elektrisch werden und die Nachfolger von Gran Turismo/Gran Cabrio ebenfalls. Das alles wird aber erst 2021 kommen, wenn das leidvolle Coronajahr 2020 von dannen gezogen ist. Maserati ist sich nicht erst seit diesem Jahr Leid gewohnt. Wohl keine andere Marke kam so oft wie Phoenix aus der Asche – und dies schon vor dem Tag ihrer Gründung am 1. Dezember 1914. Denn die treibende Kraft hinter den Gebrüdern Maserati, Carlo, war schon 1910 verstorben. Die anderen Brüder, Bindo, Alfieri, Mario, Ettore und Ernesto verwalteten in erster Linie das Erbe ihres ältesten Bruders.

Unübersichtliche Geschichte

Vielleicht mag Ferrari berühmter sein und heute heller strahlen. Doch Maserati ist eigentlich zusammen mit Alfa Romeo der wahre Kern der italienischen Sportwagen – so quasi das Herz und das Blut. Enzo Ferrari war ein Emporkömmling, auch ein Blender, er bediente im Vergleich zu Maserati und Alfa die Neureichen. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Die Maserati-Geschichte ist dagegen deutlich unübersichtlicher. Die Marke wurde schon etliche Male aufgekauft. Einmal war sie im Besitz von Citroën (1968), dann von de Tomaso (1975), ehe sie Fiat 1993 zum ersten Mal übernahm. Jahre später veräusserten die Turiner den Sportwagen an Ferrari (1997), um ihn 2005 wieder zu übernehmen. Egal, wem Maserati gehörte, die Marke überzeugte immer. Davon zeugen einige der grossartigsten Rennwagen überhaupt. Dem Kenner bedeutet 250F mehr als 250 GTO, Birdcage viel mehr als BB, und all die A6 sind überhaupt ein bisschen die Quintessenz von wunderschönen und schnellen Automobilen.

Eines der grossartigsten Rennen in der Formel-1-Geschichte ist jenes auf dem Nürburgring im Jahr 1957. Der spätere Weltmeister Juan Manuel Fangio fuhr damals aus völlig aussichtsloser Position unerwartet doch noch zum Sieg. Und man vergisst heute oft, dass die 5000 GT und Mistral und Ghibli und Co. den Ferrari und Lamborghini jener Jahre in Sachen Stil und Verkaufszahlen deutlich überlegen waren.

Ein deutliches Statement

Lange, viel zu lange musste Maserati warten. Doch jetzt, genau jetzt macht es den Eindruck, als ob man zu einstiger Grösse zurückkehren kann. Die Sportwagenbauer von Maserati haben mit dem Nettuno aus dem Nichts den spannendsten und fortschrittlichsten Motor der vergangenen Jahre konstruiert. Er überzeugt durch seine sehr fortschrittliche Vorkammerzündung und darf jetzt auch ein Fahrzeug antreiben: den MC20. Das ist in ziemlich jeder Hinsicht die einzig mögliche Antwort der italienischen Sportwagenproduzenten auf McLaren. Eine Antwort, zu der die italienischen Ferrari und Lamborghini sowie die deutsche Porsche nicht fähig zu sein scheinen.

In unseren Träumen eines neuen Supersportwagens von Maserati haben wir ihn uns den MC20 wilder, animalischer, heftiger vorgestellt. Gleichzeitig müssen wir erkennen, dass solches Treiben eben gar nicht zur Marke gepasst hätte. Klar, das Design eines Mittelmotorfahrzeugs ist einigermassen definiert. Das war schon beim Bora so und ist jetzt nicht anders. Der MC20 kann dafür ohne jegliche aerodynamischen Anbauten auskommen. Er ist in der Schlichtheit seines Designs auch ein deutliches Statement.

Grosse Vorfreude

Auf den MC20 darf man sich freuen. Einerseits dank dem «Nettuno», aber auch wegen dem Drei-Liter-Hubraum, Doppelturbo, Vorkammerzündung, 630 Pferdestärke (PS) bei 7500/min, ein maximales Drehmoment von 730 Newtonmetern (Nm) zwischen 3000 und 5500/min und dem Achtgangdoppelkupplungsgetriebe. In drei Sekunden beschleunigt das Fahrzeug auf 100 Kilometer pro Stunde (km/h). Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei etwa 325 km/h. Verbrauchsangaben gibt es noch keine. Von Preisen gibt es auch keine Spur. Doch dafür gibt es Angaben zur Grösse: Der Wagen ist 4,6 Meter lang, zwei Meter breit, nur 1,22 Meter hoch, dies bei einem Radstand von 2,7 Metern. Wenig begeistert sind wir vom Leergewicht, das mit 1470 Kilogramm doch ziemlich einiges auf die Waage mitbringt. Zumal der Maserati über ein vollkommen neues Karbon-Monocoque verfügt.