Europa war früher auch deshalb eine Reise wert, weil man mit etwas Glück einzigartiges regionales Know-how aufspüren konnte. Dank über Jahrhunderte verfeinerter Fertigkeiten wurden die individuellen Bedürfnisse mit unübertroffenem Mass an Qualität erfüllt.

«Massgeschneidert» stand damals noch für solide Handarbeit. Mittlerweile wurde der Begriff von den Marketingabteilungen der Luxusmarken arg überstrapaziert.

Zudem verschwanden viele kleine, spezialisierte Handwerker von der Bildfläche oder wurden von grossen Gruppen geschluckt. Ein paar haben aber glücklicherweise überlebt. Wir haben uns in Europa umgesehen.

» Frankreich – T.T.Trunk: Wenn einer eine Reise tut
» Italien – Effeffe: Autofahren mit Retro-Flair
» Vereinigtes Königreich – James Smith & Sons, Regenschirme der alten Schule
» Schweiz – ess.tee.tisch. Praktisch tafeln

 

Frankreich – T.T.Trunk: Wenn einer eine Reise tut

Es gab eine Zeit, da fuhren Reisende, die etwas auf sich hielten, mit einem Satz Überseekoffer durch die Welt. Heute dienen die für moderne Verkehrsmittel viel zu sperrigen Gepäckstücke meist nur noch der Dekoration.

Aus dieser Überlegung heraus gründete Julian Trossat 2009 T.T.Trunks. Seine selbstverständlich von Hand gefertigten Koffer sind mit edlem Holz, poliertem Metall und kostbarstem Leder überzogen. Letzteres stammt von Gerbereien, die unter anderem Häuser wie Chanel oder Hermès beliefern.

Um die Makellosigkeit jedes einzelnen Stückes sicherzustellen, bildete Trossat seine Handwerker persönlich in der Kunst der Kofferherstellung aus. Zu den grössten Herausforderungen zählt die teilweise überbordende Fantasie reicher Kunden.

T.T.Trunks begegnet ihnen, indem sie fast Unmögliches durch wochen- oder sogar monatelange Forschungs- und Entwicklungsarbeit möglich macht. Mobiles Büro, Zigarren-Humidor oder Kaffeebar gehören zu den gängigen Wünschen, aber T.T.Trunks hat auch schon Kühlschränke oder tragbare DJ-Kabinen hergestellt.

Eine der ausgefallensten Bestellungen war sicher der fast zwei Meter hohe Koffer in Eiform, in dem die stolze Besitzerin ihre Kelly-Taschen-Sammlung von Hermès unterbringen konnte. Oder der Wunsch jenes Parfümeurs, der seine Duftorgel mitsamt seinen 180 Flakons immer bei sich haben wollte.

 

Italien – Effeffe: Autofahren mit Retro-Flair

Hinter dem ungewöhnlichen Namen Effeffe stecken die beiden Anfangsbuchstaben der Officine Fratelli Frigerio, italienisch ausgesprochen. Eigentlich ziemlich simpel. Nachdem die beiden Brüder Leonardo und Vittorio mit ihren Alfa Romeos die Rennstrecken der ganzen Welt unsicher gemacht hatten, beschlossen sie, ihre eigene Automarke zu gründen.

Ihr Konzept war so einfach wie ihr Name: Sie wollten das ideale Sportauto bauen, indem sie das Design der italienischen Coupés aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren mit einem leichten Chassis kombinierten.

Die trotz grauem Haar durchaus modern eingestellten Brüder gestalteten mithilfe der Software Solid Works einen Rohrrahmen. Auf das lasergeschnittene und geschweisste Fahrgestell kommt anschliessend eine von Hand gedengelte Aluminiumaussenhaut.

Sie sieht nicht im Entferntesten aus wie die Karosserie eines modernen Autos, sondern erinnert vielmehr an einen Ferrari 250 GT Berlinetta SWB, einen Alfa Romeo 1900 SS Zagato oder einen Maserati A6GCS in der Grösse eines Lotus Elise.

Das Innere wirkt ebenfalls wunderbar leicht. «Was nicht gebraucht wird, ist fehl am Platz», bekräftigen die Brüder unisono. Auf dem lederverkleideten Armaturenbrett aus lackiertem Blech sitzen drei Anzeigetafeln im Retro-Look.

Auch im interieur ist alles feinste Handarbeit. Der mittig platzierte Zweiliter-Alfa-Frontmotor schiebt das Coupé mit 180 PS an, bei weitem genug Power, um dem grazilen Boliden die Leichtfüssigkeit einer Ballerina und die Stimme einer Operndiva zu verleihen.

Im winzigen Chassis sind auf Wunsch des Kunden auch grössere Motoren bis zu V6 möglich. Mit 300’000 € sind Sie dabei. Dafür bekommen Sie Ihr ganz nach Ihren Wünschen gebautes Traumauto – massgeschneidert eben.

 

Vereinigtes Königreich – James Smith & Sons, Regenschirme der alten Schule 

Vielleicht sind Sie bereits an der prachtvollen viktorianischen Fassade von James Smith & Son an der Ecke New Oxford Street und Bloomsbury Street vorbeigeschlendert. In dem seit 187 Jahren unveränderten Geschäft werden klassische Regenschirme verkauft.

Die aus viel Holz bestehende Inneneinrichtung stammt aus längst vergangenen Zeiten, aus dem Jahr 1865. Eine alte Theke, sorgfältig beschriftete Schubladen, ein paar Stühle und reihenweise Regenschirme und Gehstöcke prägen das Bild.

An den Wänden hängen Hirschgeweihe, Schaf- und Stierhörner. Im oberen Stock befindet sich ein winziges Büro, im Untergeschoss ein Atelier, in dem rund ein Dutzend qualifizierte Angestellte arbeiten.

Ein guter Regenschirm kann hier mehrere Hundert Pfund kosten. Bei diesem Preis sollte man ihn besser nirgends liegenlassen. Dafür wird er bei Missgeschicken aber geflickt. Echte Kenner wählen den Knauf gewissenhaft aus und lassen ihn falls nötig sogar nach Mass anfertigen.

Totenkopf, englische Bulldogge, Krokodil, Ente, aus Silber, Harz oder Edelholz – bei James Smith & Sons wird kein Wunsch abgeschlagen. Die Liste der prominenten Kunden ist ellenlang, doch über ihre Namen schweigt sich das Haus aus, britische Diskretion verpflichtet.

Falls Sie wie John Steed auftreten möchten, ohne einen Abstecher nach London zu machen, können Sie ihr Exemplar neu per Internet bestellen. Traditionell bis in die Schirmspitze, aber mit ausgeprägtem Geschäftssinn. So british!

 

Schweiz – ess.tee.tisch. Praktisch tafeln

Die 1880 in Horgen bei Zürich gegründete und seit 1902 in Glarus ansässige Möbelfabrik horgenglarus ist die älteste Stuhl- und Tischmanufaktur der Schweiz. Nachhaltigkeit wird in diesem Traditionsunternehmen grossgeschrieben.

Alles wird von Hand gefertigt, die Hölzer auf althergebrachte Art gebogen, die Eisenbeschläge so gefertigt, dass sie Generationen überdauern. Horgenglarus bringt immer wieder Designklassiker neu heraus, so auch den ess.tee.tisch von Jürg Bally (1923 – 2002).

Der Schweizer Designer hatte für Alfred Roth und Le Corbusier gearbeitet, bevor er sich selbstständig machte. Er wollte für die kleine Wohnung, in der er mit seiner Frau lebte, einen Tisch entwerfen, den er als Ess- und Teetisch verwenden konnte.

Nach mehreren Prototypen fand er den idealen Kompromiss und nannte ihn bezeichnenderweise ess.tee.tisch. Dank eines ebenso simplen wie genialen Mechanismus ist der Tisch von 42 bis 74 cm höhenverstellbar.

Horgenglarus verpasst der Stilikone dank massangefertigten Feinarbeiten den letzten Schliff. Das Spektrum reicht von Walnuss über Eiche bis hin zu Teak und für die Platte kann der Kunde aus verschiedenen Linoleumfarben wählen.