Meinungen

Mehr Eigenkapital ist nicht immer besser

Die Debatte über die Kapitalisierung der Banken verläuft eindimensional. Die grösste Sicherheit bietet ein moderater Mittelweg zwischen Eigen- und Fremdfinanzierung. Ein Kommentar von Raghuram Rajan.

Raghuram Rajan
«Die Notwendigkeit, Rückzahlungen zu leisten oder Schulden zu refinanzieren, verlangt Disziplin und vermittelt dem Banker einen Anreiz, das Risiko sorgfältig zu steuern.»

Öffentliche Debatten laufen in den seltensten Fällen differenziert ab. Die Aufmerksamkeitsspanne des Publikums ist kurz, und Feinheiten tragen eher zur Verwirrung bei. Besser also eine klare, wenn auch falsche Position vertreten, damit wenigstens die Botschaft durchdringt. Je eindringlicher und schriller diese ausfällt, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie Aufmerksamkeit erregt und das Wesen der Debatte bestimmt.

Man denke etwa an die Diskussion über die Bankenregulierung. Banker werden heute oft geschmäht. Doch das Bankgeschäft ist auch geheimnisumwoben. Daher findet jeder Kritiker, der intellektuell in der Lage ist, den Schleier der Bankgeschäfte zu lüften und Banker als unfähig und bösartig darzustellen, ein entsprechend geneigtes Publikum. Die Botschaft der Kritiker – die Banken in ihre Schranken zu weisen – findet grossen Anklang.

Natürlich können die Banker Kritiker und Öffentlichkeit ignorieren und ihr Geld für Lobbyarbeit an den richtigen Stellen nutzen, um ihre Privilegien zu erhalten. Doch von Zeit zu Zeit reicht es einem ­Banker, als Schurke hingestellt zu werden. Er warnt die Öffentlichkeit, dass selbst die geringfügigsten Regulierungen für Banken das Ende der Zivilisation bedeuten würden. Die schrille Diskussion nimmt weiter ihren Lauf, und die Öffentlichkeit ist so klug wie zuvor.

Geringer Konsens

Ein konkretes Beispiel: Vor der aktuellen Krise wies eine bedeutende Zahl an Banken sehr viel Fremdkapital auf, der Verschuldungsgrad lag in manchen Fällen bei einem Wert von 30 (und darüber). Vielfach handelte es sich um sehr kurzfristiges Fremdkapital. Daraus könnte man schliessen, dass die Banken mit zu wenig Eigenkapital und einer zu geringen Sicherheitsmarge operierten und eine vernünftige Regulierungsmassnahme in der besseren Kapitalisierung der Banken bestehe.

An dieser Stelle endet der Konsens allerdings schon. Die Kritiker möchten, dass Banken mit viel weniger Fremdkapital auskommen, vor allem hinsichtlich der Aufnahme kurzfristiger Kredite. Manche fordern überhaupt rein eigenkapitalfinanzierte Banken, um das System sicher zu gestalten. Die Banker kontern, dass sie für jede zusätzliche Aktie, die ausgegeben wird, eine höhere Rendite bezahlen müssten und mehr Eigenkapital daher ihre Kapitalkosten steigen liesse. Dadurch wären sie gezwungen, die Zinsen auf die von ihnen ausgegeben Darlehen zu erhöhen, wodurch sich wiederum die wirtschaftliche Aktivität abschwächte.

Keine der beiden Seiten liegt mit ihren öffentlichen Argumenten ganz richtig. Die Banker scheinen einen elementaren Grundsatz moderner Finanzierung nicht verinnerlicht zu haben: Risiko geht von den Vermögenswerten aus, die eine Bank hält. Gemäss dem Modigliani-Miller-Theorem verändern sich die durchschnittlichen Finanzierungskosten einer Bank nicht aufgrund der Mischung aus Fremd- und Eigenkapital, die die Bank zur Finanzierung ihrer Vermögenswerte einsetzt. Durch den Einsatz «billigeren» Fremd­kapitals wird Eigenkapital riskanter und kostspieliger, wodurch die Gesamtfinanzierungskosten gleich bleiben.

Bei höherem Eigenkapital sinkt der Anteil an Fremdkapital und auch das Risiko, wodurch Investoren weniger Rendite verlangen. Wieder bleiben die Gesamtfinanzierungskosten gleich. Mit anderen Worten: Die Verteilung bestimmter Cashflows aus Vermögenswerten der Bank auf die Investoren ist für den Wert der Bank nicht relevant. Mehr Fremdkapital verringert die Finanzierungskosten der Bank also nicht.

Wenn nun das öffentliche Argument der Banker falsch ist (was sie wissen müssen), stellt sich die Frage, warum sie kurzfristigem Fremdkapital den Vorzug vor langfristiger Eigenkapitalfinanzierung geben. Die Kritiker meinen, dies geschehe aufgrund der Steuervorteile für Fremd­kapital oder weil Banken zu gross sind, als dass man sie scheitern liesse. Diese Argumente halten einer eingehenderen Prüfung jedoch nicht stand. Wäre Fremdkapital dank der steuerlichen Abzugsfähigkeit so attraktiv, sollten Banker zwischen langfristigem und kurzfristigem Fremdkapital keinen Unterschied machen. Sie scheinen jedoch Letzteres zu bevorzugen.

In ähnlicher Weise würden sich Banken, die zu gross sind, um zu scheitern, nicht um das mit Fremdfinanzierung verbundene Pleiterisiko kümmern. Aber auch hier ist unklar, warum sie kurzfristiges Fremdkapital bevorzugen sollten. Würden Banker nämlich versuchen, davon zu profitieren, stellt sich die Frage, warum sie nicht langfristige Schuldtitel bevorzugen, deren Ausfallrisiko ebenso hoch ist wie der Nutzen aus impliziten staatlichen Garantien. Überdies stellt sich die Frage, warum kleine Banken, die über keine staatliche Sicherung verfügen, auch einen so hohen Fremdkapitalanteil aufweisen.

Die Argumente betreffend die Vorteile des Eigenkapitals sind ebenso wenig zufriedenstellend. Sicher verhindert mehr Eigenkapital das Risiko eines Bankzusammenbruchs. Aber ein derartiger Zusammenbruch ist nicht immer schlecht. Bei einem Banker, der eine rein eigenkapitalfinanzierte Bank betreibt und keine Rückzahlungen an Anleger leisten muss, besteht eine höhere Wahrscheinlichkeit, überhöhte Risiken einzugehen. Die Notwendigkeit, Rückzahlungen zu leisten oder Schulden zu refinanzieren, verlangt Disziplin und vermittelt dem Banker einen Anreiz, das Risiko sorgfältig zu steuern.

Vertrauen steht im Zentrum

Als beispielsweise die amerikanische Bank Washington Mutual im Jahr 2008 nach einer unkontrollierten Kreditvergabeorgie zusammenbrach, geschah das nicht infolge einer Entscheidung der Aktionäre, die Bank zu schliessen, sondern aufgrund des Vertrauensverlusts der Einleger. Wie viel mehr an Werten wäre durch das Management vernichtet worden, wenn es sich um eine rein eigenkapitalfinanzierte Bank gehandelt hätte?

Insgesamt gilt es, einen Mittelweg zu finden. Ein zu grosser Anteil an kurzfristigem Fremdkapital macht Banken anfälliger für die Pleite, während zu viel Eigen­kapital die Möglichkeiten der Banker, Wert zu vernichten, in zu geringem Ausmass beschränkt. Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte zwischen den Positionen der lautstarken Kritiker und der entrüsteten Banker. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum die moderat fremdkapitalfinanzierte Bank tausend Jahre lang das Merkmal westlicher Ökonomien war. Die Abneigung gegen die Banker darf nicht die Zerstörung der Bank ermöglichen.

Copyright: Project Syndicate

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