Meinungen

Mehr Wachstum − weniger Inflation

Mehr Wachstum heisst nicht mehr Umweltzerstörung. Sondern Verschwendung zu verringern, Kosten zu senken, Effizienz zu steigern und mit weniger Aufwand mehr Wert zu schaffen. Ein Kommentar von Thomas Straubhaar.

Thomas Straubhaar
«Wem es tatsächlich um Ökologie und nicht bloss grüne Ideologie geht, der muss mehr Wachstum fordern.»

Es war die Woche der Zinswende. Erst erhöhte die amerikanische Notenbank die Leitzinsen. Und zwar nicht wie erwartet nur um 0,5, sondern gleich um 0,75 Prozentpunkte. Dann schraubte die Schweizerische Nationalbank am Donnerstag zum ersten Mal seit fünfzehn Jahren den Leitzins nach oben, und zwar gleich einen halben Prozentpunkt von –0,75 auf –0,25%. Bereits warnte die SNB, es sei «nicht auszuschliessen, dass in absehbarer Zukunft weitere Zinserhöhungen nötig werden, um die Inflation auf mittlere Frist im Bereich der Preisstabilität zu stabilisieren».

Wie reagiert die Europäische Zentralbank (EZB) auf die Inflationswelle, die gerade die Weltwirtschaft überrollt und der viele andere Notenbanken mit Zinserhöhungen begegnen? Sie gibt Gas, statt auf die Bremse zu treten. So hat sie auf einer Krisensitzung am Mittwoch beschlossen, künftig wieder mehr Staatsanleihen von hoch verschuldeten Mitgliedstaaten der Währungsunion zu kaufen.

Damit will sie auf die steigenden Risikoprämien für Staatsanleihen aus hoch verschuldeten Euroländern reagieren. Das erscheint deshalb erforderlich, weil sonst die Refinanzierungskosten einiger Euroländer wieder derart steigen, dass die nächste Staatsschuldenkrise droht.

Unerbittliche Mathematik

Die EZB hält stramm – manche würden sagen, stur – am Nullzins fest, obwohl im Euroraum die Verbraucherpreise im Mai mehr als 8% höher liegen als ein Jahr zuvor. Statt rasch und stark zu reagieren und «whatever it takes» zu tun, damit sich Erwartungen hoher Preissteigerungen gar nicht erst verfestigen, will die EZB erst im Juli an der Zinsschraube drehen. Das dürfte zu spät und zu zögerlich sein.

Warum nur tut sich die EZB so schwer, ihren Beitrag im Kampf gegen die Teuerung zu leisten? Warum folgt sie in der Zinspolitik nicht dem Vorbild der USA, Grosritanniens (da hat die Notenbank seit Ende 2021 vier Schritte beschlossen und die Leitzinsen auf mittlerweile 1% hochgesetzt) oder der Schweiz? «Hebeleffekte» liefern die Erklärung. Die Mathematik der Anlagerenditen ist unerbittlich. Ein Zinsanstieg um 1 Prozentpunkt von 2 auf 3% bedeutet etwas völlig anderes als von 0 auf 1%.

Im ersten Fall ist ein absoluter Anstieg um 1 Prozentpunkt ein relativer Anstieg um die Hälfte, im zweiten Fall jedoch um ein Vielfaches (1 ist das Hundertfache von 0,01 und das Tausendfache von 0,001). Der relative Zinsanstieg erzwingt eine entsprechende relative Korrektur in den Buchwerten von Staatsanleihen. Im ersten Fall würden Buchwerte um die Hälfte einbrechen, im zweiten Fall um ein Mehrfaches (auf ein Hundertstel bzw. ein Tausendstel des Ausgangswerts).

Allerdings gelten diese Hebelsätze nur mit unendlicher Laufzeit. In der Praxis ist es bei weitem nicht so dramatisch. Staatsanleihen werden in der Regel spätestens nach zehn Jahren und im Ausnahmefall nach dreissig Jahren zum vollen Nominalwert zurückgezahlt. Aber als Faustregel gilt, dass stark sinkende Kurse das Spiegelbild stark steigender Zinsen sind.

EZB vor neuer Herausforderung

Erhöht die EZB ihren Leitzins von heute 0% einen Viertel- oder gar einen halben Prozentpunkt – in relativen Veränderungen ein Riesensprung –, provoziert sie einen Crash in den Kursen für Staatsanleihen der Euroländer. Als Folge davon entsteht für Banken und Versicherungen ein immenser Wertberichtigungsbedarf. Damit jedoch droht der Kollaps von Finanzinstituten, die viele Staatsanleihen hoch verschuldeter Euroländer halten, oft gerade als vermeintlich sichere Anlagen.

Wie die EZB heil aus diesem Dilemma kommt und die Zinsen im Kampf gegen die Inflation erhöhen kann, ohne damit den Zusammenbruch von Finanzinstituten und die nächste Staatsschuldenkrise auszulösen, ist höchst ungewiss. Noch nie in ihrer Geschichte stand die EZB vor der Herausforderung, aus einer Unterwelt der Nullzinsen aufzusteigen und zu positiven Zinsen zurückzukehren. Es fehlt ihr jede historische Erfahrung, welche Schocks ein solcher Auftauchvorgang in der Praxis auslöst.

Genau deshalb wird die EZB auch in den kommenden Monaten die Zinswende nur zögerlich mitmachen. Sie will nicht durch eine Zinserhöhung die Zinskosten verteuern und eine Rezession oder als Folge der Hebeleffekte sogar noch Schlimmeres riskieren. Vielmehr wird sie ein weiteres Mal mit niedrigen Zinsen und viel billigem Geld auf Wachstumsimpulse setzen. In der Theorie ist das plausibel: Preise steigen in einer Marktwirtschaft, wenn mehr nachgefragt als angeboten wird.

Hochrisikostrategie

Dafür kann es zwei Ursachen geben. Entweder nimmt die Nachfrage schneller zu als das Angebot. Das passiert, wenn die Notenbank die Geldmenge über Gebühr vergrössert, und ebenso, wenn öffentliche und private Haushalte ihre Ausgaben deutlich erhöhen. Oder aber das Angebot geht stärker als die Nachfrage zurück. Das kann Folge von Produktionsausfällen sein. Hierfür sind oft vor allem die «drei K» – Kriege, Krisen, Katastrophen – verantwortlich. Gleich alle drei spielen momentan eine dominierende Rolle.

Damit wird klar, was im Kampf gegen die Teuerung am stärksten und nachhaltigsten hilft, wenn eine Notenbank nicht bei der Nachfrage(-dämpfung) ansetzt, weil sie das Risiko immenser Verwerfungen scheut, das mit steigenden Zinsen einhergehen würde: mehr Wachstum. Mehr Wachstum bedeutet, dass das Angebot ausgeweitet wird. So lässt sich die Lücke zwischen zu starker Nachfrage und zu geringem Angebot verringern. Knappheit wird dann nicht durch steigende Preise, sondern grösseres Angebot überwunden.

Die Wachstumsstrategie der EZB ist eine Hochrisikostrategie. Nimmt das Angebot nicht im gewünschten Ausmass zu, dürfte sie krachend scheitern. Dann werden die Folgen der Teuerung in mannigfacher Weise hohe ökonomische Kosten und tiefe gesellschaftliche Gräben verursachen.

Mehr Wert mit weniger Aufwand

Aber eine Wachstumsstrategie hat auch ihr Gutes. Sie kann aufdecken, dass No-Growth-Fantasien erst recht zu Knappheit und damit Inflation mit all ihren negativen Konsequenzen führen. Unabhängigkeitsideologien und Antiglobalisierungsbewegungen heizen die Teuerung an.

Wer Zinsen nicht so erhöhen kann, wie die Inflationserwartungen es erforderlich machen, muss auf mehr Wachstum setzen. Diese einfache Logik sollte Gesellschaften genauso wachrütteln, wie der russische Angriff auf die Ukraine den Pazifisten die Augen geöffnet hat.

An Wachstumskritiker zur Erinnerung: Wachstum der Wirtschaft hat nichts mit Wachstum in der Natur zu tun. Mehr Wachstum heisst nicht mehr Umweltzerstörung oder mehr Ressourcenverschwendung. Im Gegenteil: Ökonomisches Wachstum bedeutet, Verschwendung zu verringern, Kosten und damit Preise zu senken, Effizienz zu steigern und mit weniger Aufwand mehr Wert zu schaffen. Damit weitet sich der Spielraum für ehrgeizige ökologische Anforderungen und gesellschaftliche Verteilungsnotwendigkeiten.

Glaubwürdigkeit zurückgewinnen

Wem es tatsächlich um Ökologie und nicht bloss grüne Ideologie geht, der muss mehr Wachstum fordern. Es braucht mehr Ideen, Kreativität und Wissen, raschere und effektivere Innovationen, neue Technologien, wirkungsvollere Technik, um mit weniger ökologischen Kosten mehr ökonomisches Wachstum zu produzieren.

Nur so wird das Angebot gross genug werden, sein und bleiben, um eine ständig grösser werdende Nachfrage einer noch lange stark zunehmenden Weltbevölkerung mit bezahlbaren Alltagsgütern zu versorgen. Nur so lassen sich Knappheiten langfristig beheben. Nur so werden der ökologische, der demografische, der soziale und der strukturelle Wandel die Stabilität der Preise (und damit des hiesigen Wohlstands) nicht dauerhaft bedrohen.

Und nur so erhalten die Notenbanken und ihre Geldpolitik die Kompetenz, Durchschlagskraft und Glaubwürdigkeit im Kampf gegen die Teuerung zurück, die sie in den vergangenen Monaten in dramatischer Weise verloren haben. Mehr Wachstum heisst weniger Inflation.