«Mehrwert von Blockchain für einzelne Anwendungen prüfen»

Der 21-jährige Vitalik Buterin will mit Ethereum die Blockchain-Technologie für viele Anwendung nutzbar machen. Auch wenn sie nicht gleich revolutionäre Veränderungen auslöst.

Auf den 1994 in Russland geborenen Vitalik Buterin werden grosse Hoffnungen gesetzt. Mit seiner Erfindung Ethereum gewann er 2014 den «World Technology Award» und ein Stipendium des Risikokapitalgebers Peter Thiel. Damit will Buterin eine Plattform zur Verfügung stellen, in der alle möglichen Arten von Applikationen ohne zentralen Speicherplatz ausgeführt werden können.

Herr Buterin, in einem Blog schrieben Sie, dass Blockchain für Anwendungen nicht unbedingt notwendig, aber bequem sein könnte. Was meinen Sie damit?
Alles was man mit der Blockchain implementieren kann, könnte man auch auf einem Server laufen lassen, das wäre sogar effizienter. Die Frage ist, wie gross der Mehrwert für einen einzelnen Anwendungsfall ist, eine Blockchain statt einen Server zu nutzen. Aber ich denke, dass es eine grosse Anzahl von Bitcoin-Applikationen geben wird. Einige von diesen könnten sehr spezialisiert sein.

Das hört sich aber nicht so an, als wollten Sie ein Prophet für Blockchain sein, sondern eher, als wollten Sie keine überhöhten Erwartungen schüren.
Viele suchen nach einer Killeranwendung, die Ethereum in den Mainstream bringen wird. Ich behaupte, dass dies zum jetzigen Zeitpunkt nicht geschehen wird. Man sollte verstehen, dass eine Technologie nicht alles verändern muss, um nützlich zu sein. Ausserdem ist das Bitcoin-Protokoll sehr teuer und teilweise sehr ineffizient. Daher könnte man denken, dass die Blockchain-Technologie nur nutzbar ist, wenn es sich um eine sehr mächtige Anwendung handelt. Aber ich glaube, dass eine Blockchain deutlich günstiger benutzt werden kann als Bitcoin. In vielen Fällen wäre die Anwendung von Blockchain daher sinnvoll, aber die einzelnen Anwendungen müssen nicht die Welt verändern. Das ist ähnlich zur Open-Source-Entwicklung, die nichts plötzlich revolutioniert hat, aber viele kleine Vorteile bietet.

Wie steht es um die Entwicklung von Ethereum?
Wir stehen kurz vor der Markteinführung. Unser Testnetzwerk läuft schon. Wenn wir keine Probleme haben, werden wir in wenigen Wochen bereit sein. Aber wie es beim Entwickeln so ist, können Probleme entstehen, und wir könnten den Zeitpunkt der Einführung nach hinten schieben.

Haben Sie schon grosse Unternehmen als Sponsoren gewonnen, die Ethereum einsetzen wollen?
Es sind nicht so viele grosse Unternehmen dabei, aber es gibt viele Gruppen, die sich für den Einsatz der Plattform interessieren. Es sind mindestens fünfzig Projekte momentan in Arbeit, die auf Ethereum basieren. Meistens werden diese von kleinen Teams entwickelt. Es gibt ein gewisses Interesse von grossen Unternehmen; die grössten sind IBM und Samsung mit dem Adept-Projekt.

Was ist denn Adept?
Das ist ein Projekt, das für das sogenannte Internet der Dinge eine dezentrale Plattform zur Verfügung stellen will. Dazu wird die BitTorrent-Technologie für Dateitransfers, dezentralisiertes Messaging und eine Version von Ethereum verwendet. Beim Internet der Dinge ist man wegen der Privatsphäre besorgt und sieht die Gefahr, dass eine kleine Anzahl von Unternehmen die technischen Geräte eines jeden einzelnen kontrollieren kann. Adept will eine Open-Source-Grundlage schaffen, um diese Probleme anzugehen. Es wäre sicherer, da es keinen Server gibt, in den man hacken könnte. Ausserdem wäre es zuverlässiger, da die Blockchain nicht von einem Hersteller abhängt, der in einigen Jahren das Geschäft aufgeben könnte.

Wann erwarten Sie die ersten Ethereum-Anwendungen, die der breiten Öffentlichkeit auffallen?
Nach der Markteinführung werden wir fast ausschliesslich Entwickler ansprechen, da der Erfolg von Ethereum vollständig vom Erfolg der Anwendungen abhängt, die darauf aufgebaut werden. Ich rechne, die ersten Anwendungen, die einfach zu benutzen sind, werden wir im Finanzbereich sehen. Wenn alles gut geht, erwarte ich die ersten Applikationen mit einem akzeptablen Qualitätslevel in sechs bis zwölf Monaten.

Welche Gebiete im Finanzbereich könnten Ethereum zuerst nutzen?
Die Hauptbereiche sind wohl Finanzkontrakte und Derivate. Daneben ist Hedging im Allgemeinen ein Bereich, an dem viele Leute interessiert sind, besonders bei Kryptowährungen wie Bitcoin, da diese Währungen sehr volatil sind. Daher erwarte ich Derivativkontrakte auf Kryptowährungen, die in Ethereum implementiert werden.

Könnte Ethereum sich zum wichtigsten Blockchain-Protokoll für Anwendungen entwickeln?
Es gibt viele verschiedene Protokolle, besonders im Finanzbereich. In manchen Fällen wollen Leute eine private Transaktionsliste haben, die nur von einer kleinen Anzahl von Benutzern gelesen werden kann. Zur Wahrung der Privatsphäre könnten diese auf wenige oder gar nur ein Unternehmen begrenzt sein. Ethereum will dagegen eine allgemein nutzbare Blockchain für jede Art von Anwendung sein. Für diesen Anwendungsfall könnten wir den neuen Standard setzen.

Es gibt ethische und rechtliche Bedenken über automatisierte Organisationen oder Applikationen, die ohne menschliche Steuerung laufen – beides sind mögliche Anwendungen von Ethereum. Besonders Haftungsfragen scheinen hier noch offen. Haben Sie Antworten auf diese Bedenken?
Diese Fragen sind schwierig im Abstrakten zu beantworten. Wir müssen darüber im Einzelfall nachdenken, wenn die Dinge ins Laufen kommen. Aber die Technologien an sich kontrollieren nichts. Die Blockchain an sich hat keine Macht. Es ist nur eine Plattform, über die Leute zusammenarbeiten können. Am Ende ist jede Handlung von Blockchain immer durch Menschen ausgelöst.

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