Über ihren Wiedererkennungswert hinaus sind Ikonen für die grossen Uhrenunternehmen von vitaler Bedeutung. Formen, Farbcodes, Materialien – die Patrons der grossen Brands stellen 2018 die Signatur ihres Hauses in den Mittelpunkt.

Die aufeinanderfolgenden Krisen der letzten zwanzig Jahre haben die Exporte geschwächt und die Uhrenmarken gezwungen, in die Ewigkeit zu investieren und sie zu konsolidieren. Oyster, Royal Oak, Speedmaster, Portuguese, Santos, Navitimer, Luminor, Carrera, Nautilus und andere mehr sind grösstenteils Erfindungen des letzten Jahrhunderts.

Diese Ikonen und Stilembleme, erkennbar etwa an der Finesse eines guillochierten Zifferblatts, am besonderen Touch des Armbandglieds oder an der Form der Lünette, stehen heute wieder im Zentrum der Anstrengungen der Firmenchefs.

Zwar haben alle grossen Marken eine Ikone im Programm. Aber es reicht heute nicht mehr, sich damit zufriedenzugeben. Gefragt ist vielmehr der visionäre Geist, dem es gelingt, die Symbolik zu extrahieren und neue Modelle zu kreieren, ohne dabei die Stars der Vergangenheit zu kannibalisieren.

Cartier beispielsweise, deren Kapital an Ikonen besonders gross ist, hat an die Spitze der Uhrenkreationen eine neue Strategin berufen. Wir haben die Frau getroffen, die die Herausforderung annehmen will. Marie-Laure Cérède hat einen ausgeprägten Sinn für Formen, und sie hat eine Vision – unverzichtbare Voraussetzungen für eine Kreativdirektorin.

Möglicherweise sind Tastsinn und Fingerspitzengefühl, die sie sich in der Bildhauerei erworben hat, sowie ihr starkes Kunstinteresse Grund für ihr tiefes Verständnis der Codes des Hauses und für die Fähigkeit, diese zu transformieren. Angesichts der Vielzahl von Uhrenmarken, die in der Schweizer Uhrenlandschaft aktiv sind und die ständig die Innovationskraft der grossen Traditionsfirmen im mechanischen Bereich herausfordern, sind diese gezwungen, mit ihren Ikonen und ihrem Stil stets einen Schritt voraus zu sein. Darum hat nicht jeder oder jede Zutritt zum Kreativtempel von Cartier.

Marie-Laure Cérède hat ihre Sporen mit ihren Kreationen verdient. 2002 startet sie ihre Laufbahn bei Cartier als Product Manager der Division Uhren, wo sie sich das Wissen des Handwerks und der Codes der Marke aneignet.

Ihre Bewunderung gilt Jeanne Toussaint, erste Kreativdirektorin und Stilikone des Hauses. Auch ist sie sich stets der Bedeutung des Kunden bewusst und stellt ihn ins Zentrum ihrer Überlegungen. 2005 wechselt sie zu Harry Winston, wo sie bis 2015 für Uhren- und Schmuckkreation verantwortlich zeichnet. «Aber Cartier ist das Unternehmen meines Herzens geblieben. Als man mir vor achtzehn Monaten diese Stelle anbot, überlegte ich nicht lange. Bei Cartier sind neue dekorative Formen unnötig. In unserem Ansatz sind wir radikal, das heisst kreativ engagiert. Die Signatur muss auf einen Blick erkennbar sein. Es ist eine Frage der Intuition. Selbstverständlich ist man täglich hin- und hergerissen, Ikonen neu zu interpretieren oder neue Signaturen zu kreieren.»

Ist dies die Arbeit einer einzelnen Person? «Ich lege grossen Wert auf die kollektive Kreation. Unser Team in Paris und Genf besteht aus zwölf Personen. Dazu kommt die Manufaktur, die ebenfalls am kreativen Prozess beteiligt ist. Design und Basiskonzept werden eher in Paris entwickelt, wo sich unsere Archive befinden. Ausserdem ist das stilistische Bewusstsein von Cartier eng mit dieser Stadt und ihrer Architektur verbunden, die eine grosse Inspirationsquelle ist. Wir kreieren ausgeprägt architektonische Stücke, eine Tradition, die auf das Entstehen der ersten Cartier-Ikonen zurückgeht. Es ist daher unabdingbar, die Vergangenheit perfekt zu kennen.»

Seit einigen Jahrenbietet Cartier mit jeder Kollektion eine Neuinterpretation ihrer berühmten Ikonen an. Letztes Jahr wurde die Panthère zu neuem Leben erweckt, dieses Jahr ist es die Santos, die erste ikonische Armbanduhr des Hauses.

Marie-Laure Cérède: «Für eine erfolgreiche Entwicklung muss man sich immer grundlegende Fragen stellen. Nämlich: Welches sind die Werte, die heute wichtig sind und die man weitergeben möchte? Mit der Santos wollten wir die visionäre Eleganz der Marke, Modernität und Ergonomie vermitteln. Ob man so die Codes wirklich beeinflusst? Ich würde sagen, man erweitert sie. Aber der Erkennungswert muss unmittelbar sein.»

Die Kollektion Cartier libre spielt freier mit Designs, verändert Bestehendes und stellt innovatives Savoir-faire ins Rampenlicht. Besonderes Aufsehen erregten die Panthère und die Baignoire-Linie. «Bei Cartier ist es stets ein grosses Bedürfnis, etwas vollkommen Neues zu kreieren. Mit Cartier libre haben wir diese Möglichkeit.»