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«Dürfen das Metaversum nicht wenigen Firmen überlassen»

Hans Ulrich Obrist, der künstlerische Leiter der Londoner Serpentine Galleries, glaubt, Kunst könne das Internet der nächsten Generation beeinflussen.

Hans Ulrich Obrist gilt als einer der einflussreichsten Ausstellungsmacher weltweit. Derzeit leitet er als Kurator die Serpentine Galleries in London. Obrist, oder kurz «HUO», gilt als ein Reisender, der in jeder freien Minute Ausstellungen und Künstlerateliers besucht. Bei der Serpentine in London kämpft er für mehr Kunst im öffentlichen Raum, und er will das Museum für Menschen aus den Vororten öffnen. Obrist spricht sich gegen den Begriff Metaversum aus und findet, dass die Kunstwelt gegenüber NFT – Non-Fungible Tokens, digitale Unikate – offen sein muss. FuW hat den rastlosen Kurator während eines Besuchs in Zürich getroffen.

Herr Obrist, Sie sind bekannt für die Rekordzahl der Atelierbesuche, die Sie jede Woche absolvieren. Besuchen Sie seit Corona noch immer so viele Künstler?
Es sind sogar noch viel mehr Atelierbesuche, weil ich viele jetzt online mache. Ich gehe natürlich auch wieder physisch in Ateliers, weil das Virtuelle das nicht ersetzen kann. Vor dem Lockdown waren meine Atelierbesuche aber immer in der gleichen Umgebung. Jetzt ist es dezentralisierter, ich besuche auch Künstler an wirklich abgelegenen Orten. 

Wie hat sich die Handschrift in der Kunst seit der Pandemie verändert?
Durch den Faktor Zeit. Viele Künstler hatten plötzlich viel mehr Zeit und wurden stark auf ihre eigene Arbeit zurückgeworfen. Sehr viele Künstler hinterfragen aber auch den sogenannten «Short-Termism», wie es der Philosoph Roman Krznaric nennt. Verschwenderisches und die Umwelt zerstörendes, kurzsichtiges Verhalten. Krznaric warnt in seinem Buch «The Good Ancestor», dass man wieder über längerfristige Dinge nachdenken muss. Insofern gibt es viele Künstler, die an dieser langen Dauer interessiert sind. Die Künstlerin Precious Okoyomon hat begonnen, anstatt Ausstellungen Gärten zu bauen. Ottobong Nkanga hat als Projekt einen Landschaftsbetrieb in Nigeria aufgezogen.

Haben die neuen Technologien auch das Ausstellungsmachen selber verändert?
Jetzt, wo wir wieder Ausstellungen machen können, werden wir bei Projekten oft eine physische und eine Online-Komponente haben. Das hat sich ja bereits im Vorhinein angekündigt und sich aufgrund der Pandemie einfach nur beschleunigt. Die Künstlerin Cao Fei hat die Besucher bei ihrer Ausstellung in der Serpentine mit AR – Augmented Reality – zu einer virtuellen Zeitreise eingeladen. Der Künstler Jakob Kudsk Steensen hat für uns als Arbeit einen virtuellen Serpentine-Pavillon gestaltet. Besucher können dann entscheiden, ob sie den physischen Pavillon der Serpentine sehen wollten oder den AR-Pavillon.

Musiker wie Ariana Grande oder Modemarken wie Balenciaga haben das Computerspiel «Fortnite» für Projekte genutzt. Hat das Metaversum auch den Ausstellungsraum erreicht?
Ein Drittel der Menschheit spielt mittlerweile Computerspiele – das sind mehrere Generationen, die da extrem viel Zeit verbringen! Künstler haben zwar auch schon in den Achtzigerjahren mit der Ästhetik von Computerspielen gearbeitet, aber jetzt gehen sie auf einmal in das Medium hinein und benutzen es. Künstler können in Computerspielen ihre eigenen Welten erzeugen. Wir haben in der Serpentine ein Projekt mit dem Künstler KAWS umgesetzt, und seine Ausstellung existiert sowohl physisch als auch auf der Spiele-Plattform Fortnite. Die Spieler können damit interagieren, aber sie tun das auf eine ganz andere Art und Weise als im physischen Museum.

Suchen wir im Metaversum nicht nur einfach etwas, das das Internet mittlerweile verloren hat?
Mir ist der Begriff Multiversum lieber als Metaversum. Dahinter steckt die Idee, dass es nicht nur um diese eine virtuelle Welt geht, sondern um viele Welten. Ich war mit Tim Berners-Lee, der ja das Internet erfunden hat, einmal in einer Diskussion und er hat betont, dass er das Internet für alle Menschen entwickelt hat, und nicht nur für einige wenige Unternehmen. Es ist wichtig, dass man wieder zu dieser Idee zurückfindet. Die DNA davon, was das Internet am Anfang war, darf nicht verloren gehen. Das Multiverse ist einerseits eine Möglichkeit, aber auch eine Gefahr. Und die Gefahr besteht darin, dass diese virtuellen Räume von wenigen Firmen vereinnahmt werden. Wir dürfen nicht das Multiversum wenigen Firmen überlassen. 

«Die DNA davon, was das Internet am Anfang war, darf nicht verloren gehen.»

Kann Kunst gegen diese Vereinnahmung vorgehen?
Die Kunst kann dabei eine sehr grosse Rolle spielen. Künstler habe immer Welten erfunden. Deswegen ist es wichtig, dass wir Künstler in diese Prozesse der Weltengestaltung einführen. John Latham und Barbara Steveni hatten in den Siebzigerjahren diese Idee der sogenannten Artist Placement Group. Sie schlugen vor, dass in jedem Unternehmen ein Künstler Teil der Entscheidungsprozesse wird. Das war damals eine utopische Idee. Aber heute, wo sich sehr viele Bereiche der Wirtschaft neu erfinden müssen – Stichwort Pivoting – gewinnt das an Bedeutung. Die grössten Meister des Neuerfindens waren immer Künstler. Der Moment ist jetzt gekommen, wo das umgesetzt werden muss! 

NFT gelten als Grundbaustein des Metaversums. Sehen sie in NFT eine Gefahr oder eine Möglichkeit für die Kunst?
Die Kunstwelt sollte da auf keinen Fall defensiv sein und sich mit dem Thema auseinandersetzen. Als Kurator interessieren mich aber vor allem die gesellschaftlichen Implikationen. Vielleicht bekommen dadurch Künstler mehr Rechte. Wenn ein Künstler etwas verkauft, gibt er die Arbeit ja aus der Hand – reich werden also andere damit. Bei der Blockchain ist es aber so, dass Künstler bei jedem Wiederverkauf 10% erhalten. Vielleicht könnte sich das auch in der physischen Welt durchsetzen. Die andere Sache, die für mein Feld interessant ist, ist die Wissenschaft. Durch die Blockchain kann jeder Künstler seinen eigenen Werkkatalog entwickeln, und es wird nie mehr Zweifel über die Provenienz eines Werks geben. Zu klären bleibt dringend die Nachhaltigkeit von Blockchain. Es ist wichtig, dass der Energiekonsum reduziert wird.

Nicht jeder, der NFT kauft, interessiert sich zwangsläufig für zeitgenössische Kunst. Öffnet sich da nicht ein gewisser Spagat?
Ich glaube, dass dabei sehr viel entsteht, wenn man die Welten von Fortnite und Roblox mit der Gegenwartskunst zusammenbringen kann. Die Schriftstellerin Etel Adnan hat mir einmal gesagt, dass die Welt mehr Zusammenhalt braucht und weniger Trennung. Filterblasen haben zu einer Polarisierung geführt und zu sehr vielen parallel existierenden Silos, die miteinander relativ wenig zu tun haben. Wenn man davon ausgeht, dass der Kurator Brücken schlägt, dann war es immer mein Anliegen, dieser Separation entgegenzuwirken. Das ist heute dringender denn je! Filterblasen haben uns stärker getrennt, den richtig wichtigen Fragen kann man aber nur gemeinsam begegnen. 

«Filterblasen haben uns stärker getrennt, den richtig wichtigen Fragen kann man aber nur gemeinsam begegnen.»

Mit dem Amerikaner Theaster Gates wird zum ersten Mal ein bildender Künstler den heurigen Serpentine-Pavillon gestalten. Welche Brücken wird seine Arbeit schlagen?
Ursprünglich wollten wir mit dem Pavillon bekannten Architekten die Möglichkeit geben, zum ersten Mal in London ein Gebäude zu bauen. In den letzten Jahren ist es immer mehr um die jüngere Generation gegangen, und auch um soziale Architektur – also auch die Frage, wie man die Serpentine für bestimmte Gemeinschaften öffnen kann. In diesem Bereich hat Theaster Gates in Chicago Unglaubliches geleistet. Er hat ganze Stadtteile neu definiert und Arbeitsplätze geschaffen. Er hat als Künstler mit der Architektur operiert, hat aber noch nie ein frei stehendes architektonisches Gebäude realisiert. Da dachten wir, dass wir etwas Nützliches tun könnten, wenn wir ihn mehr in die Architektur bringen und ihn mit den Communities in London verknüpfen.

Wo fangen diejenigen an, die noch nicht mit zeitgenössischer Kunst in Berührung gekommen sind?
Es ist wichtig, dass man die Gelegenheit erhält, das Interesse an Kunst zu bekommen und zu entwickeln. Für mich war es immer wichtig, dass man sich viel ansieht und dabei auch immer mehr herausfindet. Es gibt ja in der Schweiz viele grossartige Kunsthallen und Museen, von daher gibt es die Möglichkeiten. Komplementär ist es natürlich interessant, dass man vielleicht auch ein paar interessanten Instagram-Accounts folgt, nicht nur den Museen, sondern auch den Künstlern selber.