Unternehmen / Schweiz

Meyer-Burger-CEO: «Brauchen kein weiteres Kapital»

Peter Pauli, CEO des Solarzulieferers Meyer Burger, muss auf die Liquiditätslage achten und trotz harziger Grossprojekte rasche Lieferfähigkeit sicherstellen, erläutert er im Interview mit FuW.

Dietegen Müller, Thun

Der Solarmarkt ist ein Wachstumsmarkt – daraus zu schliessen, dass Zulieferer wie der Technologiekonzern Meyer Burger (MBTN 0.45 +2.32%) eins zu eins davon profitieren, wäre zu kurz gegriffen.

Das Thuner Unternehmen, das fast die gesamte Wertschöpfung abdeckt, die es zur Herstellung von Solarmodulen braucht, schreibt seit zwei Jahren rote Zahlen und kämpft trotz steigenden Auftragseingangs um die Wende zum Besseren. Die finanziell schwierige Lage vieler Kunden, protektionistische Eingriffe in den Markt und der Pioniercharakter der wichtigsten Technologie (Heterojunction-Module) stellen Hürden dar. Chief Executive Officer (CEO) Peter Pauli nimmt dazu Stellung.

Herr Pauli, seit dem Börsengang hat Meyer Burger über 500 Mio. Fr. zusätzlich bei Investoren eingesammelt, zuletzt im September 100 Mio. Fr. via Wandelanleihe. Was kommt noch alles auf Ihre Geldgeber zu?
Wenn Sie die Kapitalveränderungen seit dem Börsengang erwähnen, so sind wir 2006 bis 2011 umsatzseitig äusserst stark gewachsen. Seit der zweiten Hälfte 2011 steckt die Solarindustrie aber in tiefer struktureller Veränderung, die auch uns als Zulieferer erfasst hat. Wir gehen davon aus, dass sich der Markt wirklich langsam erholt. Wir sehen dies in verschiedenen Projekten. Abschluss und genaues Timing von Grossprojekten und Grossaufträgen sind schwierig zu prognostizieren, da solche Projekte oft in politischer und finanzieller Hinsicht ihre eigene Dynamik aufweisen. Was sonst noch kommt, kann man mit der schwarzen oder der rosa Brille anschauen. Aktuell sind sicher keine weiteren Kapitalmassnahmen geplant.

Mit welcher Brille betrachten Sie die Lage? Der Silberstreifen am Horizont, von dem Sie sprachen, hat sich bisher nicht eingestellt.
Ich bin CEO dieser Firma. Damit muss ich nach vorn schauen. Wir sehen in unseren Photovoltaikprojekten auch eine gewisse Belebung und in den Grossprojekten ein Anziehen der Aktivitäten. Doch es ist manchmal schwierig, den Zeitpunkt von Auftragseingang und Entwicklungen auf neuen Märkten genau vorauszusehen. Hier können politische oder wirtschaftliche Veränderungen auch zu – vorübergehenden – Irritationen führen. In der Zwischenzeit haben wir das ganze Unternehmen konsolidiert und dafür gesorgt, dass wir liquide bleiben. Der Markt wird sich erholen. Auch einige der neuen Märkte in der Photovoltaik werden hinzukommen. Manchmal braucht dies einfach längeren Atem als zuerst geglaubt.

Viele Wettbewerber haben nicht überlebt.
Jetzt geht es darum, den Spagat zu machen, das Unternehmen stabil zu halten, und trotzdem Möglichkeiten nach vorne offenzuhalten. Dieser Spagat ist gar nicht so einfach, das garantiere ich Ihnen. Wenn ich sehe, welche Nachfrage kommen könnte, muss ich ins Umlaufvermögen  investieren, um meine Lieferfähigkeit herzustellen und wettbewerbsfähig zu bleiben. Auf der anderen Seite muss ich liquide bleiben und darf mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen.

Werden Sie 2015 vom Vorzeigeprodukt, von der Heterojunction-Linie, etwas verkaufen?
Mit Sicherheit, ganz sicher.

Können Sie eine Volumenprognose wagen?
Das ist schwierig. Hätten Sie mich vor einem Jahr gefragt, hätte ich gesagt, drei Linien sind kein Problem. Aber bis die Projekte aufgegleist sind, holt einen die nüchterne Realität ein. Da ist man irgendwo in Thailand unterwegs oder hat ein politisches Problem in Argentinien und wieder anderswo ein anderes. Es harzt. Nicht weil die Technologie schlecht wäre, nicht weil der Kunde kein gutes Konzept hätte. Sondern weil irgendwo im Umfeld wieder etwas klemmt. Wenn ich sehe, was der Markt nächstes Jahr braucht, gehe ich davon aus, bis drei Linien platzieren zu können. Das ist auch etwa das, was wir liefern und abnehmen können.

Wie läuft das Grossprojekt in Katar?
Genau gleich. Es gibt Entscheidungswege, die nicht beeinflussbar sind. Es ist an und für sich alles parat. Aber gerade hier spielen Themen im Land und darum herum eine wichtige Rolle, durch die dieses Projekt nicht zuoberst auf der Prioritätenliste ist. Doch plötzlich kommt es in Gang, und dann nicht schnell genug. Das sind die Eigenschaften unserer neuen Märkte.

Sie haben bisher eine Heterojunction-Pilotlinie verkauft. Ist die schon abgenommen?
Sie ist in der Abnahme, das wird bis November, Dezember dauern. Vom Ablauf kann das von unserer Seite her durchaus dieses Jahr sein. Das bedeutet aber nicht, dass der Kunde sie schon 2014 abnimmt.

Die Zellqualität auf dieser Linie liegt durchgehend auf erwünschtem Niveau?
Im Moment, ja. Wir fangen mit 21% Wirkungsgrad an und steigern dann auf 22%.

Zu welchem Anteil können Sie dieses Qualitätsniveau gewährleisten?
Gute Frage. Ich sage mal so, er liegt im Industrierahmen zwischen 85 und 95%. Wir können über 90% garantieren.

Über 90% ist nicht sehr ehrgeizig.
Da können wir jetzt verhandeln. Das ist immer eine Hürde für die Abnahme. Wir wollen unsererseits aber auch nicht derart umfangreiche Bedingungen für die Produktion beim Kunden stellen, die absurd werden, sondern suchen ein partnerschaftliches Verhältnis.

Mit den derzeit effizientesten massengefertigten Modulen sind Sie wettbewerbsfähig?
Ja, auf jeden Fall.

Wie soll Solarenergie in puncto Systemkosten – Integration in das Stromnetz – wettbewerbsfähig sein?
Es wird im Markt immer noch in Megawattpeak gerechnet. Das macht keinen Sinn. Wie effizient ein Modul ist, bleibt unberücksichtigt. Entscheidend ist für eine Investition, was die Kosten pro Kilowattstunde sind. Da sieht die Rechnung für Heterojunction-Zellen ganz anders aus. Nun kommt die politische Frage: Wir müssen die Erzeugungsformen nicht gegeneinander ausspielen, sondern einen Energiemix schaffen, der eine stabile Gesamtversorgung bietet. Es geht im Solarmarkt darum, dass wir bei den Skaleneffekten ein Niveau erhalten, mit dem die Energiekosten fallen. Wenn ich überall nur kleine 80-Megawatt-Fabriken hinstelle, ist das nicht wirtschaftlich. So wird Sonnenenergie nie einen substanziellen Beitrag zum Energiemix erreichen.

Zum Geschäftsmodell. Womit verdient Meyer Burger so viel, dass Forschung und Entwicklung auf der Höhe der Zeit gehalten werden können?
Die Entwicklungskosten der letzten drei, vier Jahre brachten einen gewaltigen Schub Richtung Technologiewandel. Wir haben das ganze Sortiment auf eine neue Technologie hin entwickelt, auf dünnere Wafer, effizientere Zellen und Module. Es ist nicht gesetzt, dass wir weiter ähnliche Investitionen brauchen. Den nächsten Wandel dieser Grösse sehe ich erst zwischen 2018 und 2020. Jetzt geht es darum, die Technologie zu verfeinern, zu verbessern.

Braucht Meyer Burger mindestens 450 Mio. Franken Umsatz, um auf Stufe Ebitda schwarze Zahlen zu erreichen?
Plus minus gilt das weiter.

Obwohl Marktprognosen eine Erholung zeigen, scheint das wenig realistisch. Wie erreichen Sie die Profitabilitätsschwelle?
Die Zahlen, die diesen Prognosen zugrunde liegen, basieren auf einer Rückwärtsbetrachtung und auf einer von Erfahrungswerten geprägten Vorwärtsbetrachtung. Wenn ich jetzt meine drei Heterojunction-Linien verkaufe und fakturiere, bin ich daraus irgendwo bei 200 Mio. Fr. Umsatz. Wenn ich das Sockelgeschäft 2014 sehe, sind wir zusammen dann etwa auf Break-even-Niveau. Da habe ich am Marktwachstum noch nicht partizipiert.

Wie schwierig ist es, angesichts des steigenden Wettbewerbs das Sockelgeschäft – etwa Anlagen-Upgrades – zu halten?
Das lässt sich am Jahresbericht ablesen.

Mich interessiert der Status im Oktober.
Wir können dazu nichts sagen. Nur so viel: Es ist machbar in einem Umfeld, das absolut garstig ist. Es ist nicht unmöglich, es ist machbar, relativ gut machbar. Und zeigt sogar Aufwärtspotenzial.

2013 gab es ein starkes Schlussquartal. Ist damit auch 2014 zu rechnen?
Das sind zufällige Schwankungen. Das sieht man bei unserem Projektgeschäft. Wo die Zahl Ende Monat liegt, können wir genauso wenig beeinflussen wie die Zahl per Ende Jahr.

Wie hoch ist die Kapazitätsauslastung?
In den Werken insgesamt, bezogen auf den Personalbestand, liegen wir relativ hoch. Da sind wir teilweise bei 100%, andere auf 60 bis 80% Auslastungsgrad.

Bereitet Ihnen der 18. April 2015 Bauchweh? Dann laufen die Kreditfazilität sowie ein hypothekarbesicherter Kredit über 30 Mio. Fr. aus.
Im Moment macht mir das keine Schmerzen, warum sollte es? Wir sind ja an und für sich gut finanziert, haben uns proaktiv eine Eigenkapitaldecke geschaffen. Von daher haben wir den Banken auch gezeigt, dass wir dazu fähig sind. Ich gehe davon aus, dass wir den hypothekarisch gesicherten Kredit wieder verlängern können.

War die Konzentration auf den Solarmarkt die richtige Entscheidung?
Wir versuchen, das Geschäft mit spezialisierten Technologien voranzubringen, die in anderen Märkten zum Einsatz kommen könnten. Dazu gehört das Sägegeschäft im Saphirmarkt. Dieses Spezialgeschäft ist bereits ein ansehnlicher Teil. Da liegt sicher noch mehr drin. Ich bin für Diversifizierung, solange sie passt, sonst verrennt man sich.

Welche Rolle spielt das Saphirgeschäft?
Wenn Saphirglas im Konsumelektronikmarkt so Fuss fasst, wie das denkbar ist, wird das ein gewaltiger Teil für uns sein. Sonst wird es als ein Teil in den Umsatz des Spezialgeschäfts einfliessen.

Der Saphirspezialist GT Advanced Technologies hat Anfang Oktober Insolvenz angemeldet, die Saphirglasproduktion für Apple wird abgewickelt. Welche Folgen hat das für Meyer Burger?
GT wird sicher nicht mehr ein grosser Mitspieler sein. Wie es weitergeht, liegt an der Entscheidung von Apple (AAPL 127.35 +0.98%), aber nicht nur. Es gibt auch noch Wettbewerber. Auch die fragen nach neuen, anderen Materialien. Das muss nicht zwingend Saphir sein, es kann auch ein anderes Halbleitermaterial sein. Ob sich daraus etwas ergibt oder nicht, lässt sich nicht sagen. Indem wir das Materialgeschäft aufrechterhalten haben, sind wir aber in der Lage, mitzumachen, wenn sich etwas bewegt. Es gibt zum Beispiel ein anderes Potenzial, von dem ich nicht begreife, warum es nicht längst Fuss gefasst hat – einen Chip auf Saphirglas, der deutlich Energie spart.

Sie bauen am Standort Colorado Springs nun massiv Stellen ab. Wurde die Lage im Saphirmarkt falsch eingeschätzt?
Mit dem Stellenabbau bei Diamond Materials Technologies ist eine Reduktion der operativen Kosten im mittleren einstelligen Millionenbereich verbunden. Der Stellenabbau reflektiert ausschliesslich die Kapazitäten, die im direkten Zusammenhang aufgrund der Kundenplanung mit GT zusätzlich aufgebaut wurden. Die Situation wurde ganz korrekt basierend auf der Kundenerwartung eingeschätzt. Die Eröffnung des Gläubigerschutzes nach Chapter 11 für GT war auch für uns überraschend und unerwartet. Wir beschäftigen nun am Produktionsstandort Colorado Springs  noch rund 200 Personen, die das Geschäft in den USA mit Schnittlösungen und Diamantdrahttechnologie für die Solar- und die Saphirindustrie sowie andere Industriezweige weiterhin sicherstellen.

Wenn Meyer Burger in einen finanziellen Engpass hineinlaufen würde, was machen Sie dann?
Wir arbeiten daran, dass es jetzt reichen muss. Wir arbeiten wirklich daran. Wenn nötig müssen wir die Kostenstruktur weiter drücken, damit wir mit 400 Mio. Fr. Umsatz herumkommen.

Sollte dies nicht gelingen, werden Sie auf jemanden zugehen und sagen, es macht mehr Sinn, Kräfte zu bündeln?
Wir haben bisher dafür gesorgt, dass dieses Unternehmen stabil der Strategie folgen kann. Alles, was wir tun können, um die Vision und die Strategie zu erreichen, haben wir bisher immer gemacht, wenn es sinnvoll war. Sich an einen grossen Konzern anzunähern, steht für mich absolut nicht im Vordergrund.

Die Strategie von Meyer Burger stimmt?
Genau. Wenn ein grosser Konzern käme, würde er ja einen Strategiewandel bringen. Wir halten jetzt einen Strategiewechsel als Sofortmassnahme nicht für angezeigt. So, wie sich der Markt entwickelt, bestätigt er uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Wir müssen jetzt nur darauf achten, dass das System ins Rollen kommt. Da kommt ein potenzieller Kunde und will das Produkt, aber zuerst will er es bei einem anderen Kunden laufen sehen. In dieser Schleife stecken wir. Wenn wir sie durchtrennen, haben wir es geschafft.

Wo steht die Gruppe in fünf Jahren?
Wir werden sie im Markt besser positioniert haben und einen hohen Anteil zur globalen Energieversorgung beitragen. Wir werden sie in eine Grössenordnung von über 1 Mrd. Fr. Umsatz zurückführen und eine deutlich wahrnehmbare Basis in Geschäftsfeldern ausserhalb des Solarbereichs haben.

Ist Meyer Burger dann selbständig?
Wir haben 90% Streubesitz. Wenn ein Anteilseigner viel Geld auf den Tisch legen will, kann er uns kaufen. Wir haben derzeit keinerlei Anzeichen. Wir hatten die ganzen Jahre hindurch auch nie einen Kontakt mit seriösem Interesse. Ich halte mit meiner persönlichen Beteiligung an unserer Strategie fest. Ob künftig jemand an unserem Unternehmen Übernahmeinteresse zeigt, wissen wir nicht. Verhindern könnte ich es mit meiner Beteiligung jedenfalls nicht.

(BOX 25.00 -0.16%)" style="float: left">