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Meyer-Burger-CEO: «Ist das riskant? Klar ist das riskant!»

Der Schweizer Solarzulieferer lässt in Sachsen die deutsche Photovoltaikindustrie wieder aufleben.

Die Insolvenz von SolarWorld (SWVK 0.3520 +0.00%) im Jahr 2017 war so was wie ein Schock für die deutsche Wirtschaft. Das mit mehr als 4 Mrd. € bewertete Unternehmen unter der Führung von CEO Frank Asbeck galt lange als Galionsfigur der boomenden europäischen Solarindustrie. Dann entdeckte China die Photovoltaik für sich, definierte sie als strategisches Ziel. Die Chinesen schraubten die Produktion hoch und fertigten Solarzellen deutlich günstiger als in Europa. SolarWorlds Geschäftsmodell war darüber hinaus abhängig von Förderung durch die hohe Einspeisevergütung in Deutschland. Als die gekürzt wurde und der Energiepreis fiel, schlitterte SolarWorld in die Insolvenz, mit ihr auch Branchengrössen wie Q-Cells und Phoenix Solar. 

Einer der Kollateralschäden der Krise hiess Meyer Burger (MBTN 0.4064 -2.73%). Dem Unternehmen, das damals Maschinen für die Solarzellenproduktion herstellte, brachen die Kunden in Deutschland weg. Das Geschäft in China konnte das nur unzureichend kompensieren. 2020 entschloss sich Meyer Burger zu einem radikalen Schwenk: selbst produzieren. Gefertigt werden sollte im Osten Deutschlands, später auch in den USA. «Wir haben 90% Abhängigkeit von China bei Solarmodulen. Wir nutzen unsere Chance, mit einem Produkt die Geschichte neu zu schreiben», sagt CEO Gunter Erfurt während einer Werkführung.

Umstrittener Strategieschwenk

Mitte 2021 ist die Fertigung der Solarzellen angelaufen. Meyer Burger produziert, parallel dazu wird weiter ausgebaut. In Thalheim, im Bundesland Sachsen-Anhalt, befindet sich die Zellfabrikation, unweit des Frachtflughafens von Leipzig-Halle und gegenüber der Anlage von Q-Cells, die mittlerweile koreanische Besitzer hat. Die Fertigungshalle selbst erinnert an eine Universität – modern, mit viel Tageslicht und Sichtbeton. Die Wafer, dünne Siliziumscheiben, werden hier vollautomatisiert auf Unebenheiten geprüft, geschnitten, und beschichtet. Von manchen Maschinen dürfen keine Fotos gemacht werden. Erfurt erzählt von den Patentrechtsverletzungen der chinesischen Solarzellenhersteller.

Meyer Burgers Strategiewechsel ist mehr als umstritten. Die Thuner schreiben seit Jahren Verlust, mussten Kapitalerhöhungen durchsetzen, um die Investitionen für die Fertigung stemmen zu können. «Ist das riskant? Klar ist das riskant», gesteht Erfurt zu. Mittlerweile gebe es aber genug Leute, die den Wert einer europäischen Produktion erkannt hätten. Der Hintergrund ist jedoch weniger, die Abhängigkeit von der chinesischen Photovoltaik zu reduzieren, als die von russischem Gas. Ende März hat sich etwa EU-Energiekommissarin Kadri Simson geäussert, dass man die Solarindustrie «um jeden Preis zurückholen will». Wie das konkret aussehen soll, steht aber noch nicht fest.

Europäische Komponenten

Meyer Burger setzt auf Premiumprodukte mit höherem Wirkungsgrad als die chinesischen, will die Patentrechte einhalten und nachhaltig fertigen. Die Styroporverpackungen der SolarWorld-Zellen sind so etwa Geschichte. Kunststoff, Glas und Silizium für die Solarmodule kommen aus Europa. «Das einzige Problem ist der Wafer, da sind wir abhängig von Waferherstellern in Asien», so Erfurt.

Meyer Burger fertigte in der Vergangenheit viele der Maschinen, die auch in China für die Fertigung genutzt werden. Überall in der Anlage finden sie sich: etwa als Prüfinstrumente oder Maschinen zur Herstellung von Smart Wires – leitenden Sammelschienen auf Plastikfilm. Das China zugutegehaltene Personalkostenargument kann Erfurt entkräften, denn die Anlagen in Deutschland seien nahezu vollautomatisiert und technisch voraus. «Die chinesische Technologie ist am Ende ihres Zyklus, wir fangen aber gerade erst an», findet er.

Produktionsziele haltbar?

Meyer Burger verzeichnet derzeit eine hohe Nachfrage. Anders sieht es bei der Produktionskapazität aus. Bisher war die Produktion wegen der geringen Kapazität ein Verlustgeschäft. 2023 will Meyer Burger profitabel sein und zumindest 1,4 Gigawatt (GW) Kapazität erreichen. Dieses Jahr soll 1 GW Kapazität bereitstehen, von der jedoch per Jahresende nur die Hälfte tatsächlich gefertigt werden kann. Die restlichen 0,4 GW Produktionskapazität sollten ursprünglich von einer Anlage aus den USA stammen, die nun aber überraschend ebenfalls in Deutschland platziert werden soll. Mittelfristig soll dennoch auch in den USA gefertigt werden.

Der zweite Teil der Produktion, in der die Zellen zu Modulen – wie etwa fürs Hausdach – kombiniert werden, liegt in Freiberg in Sachsen. In der ehemaligen Bergbaustadt hat SolarWorld einst gefertigt. Meyer Burger hat die Maschinen von damals wieder in Betrieb genommen und teilweise ergänzt. Mehrere Industrieroboter sind hier am Werk, setzen passgenau Zellen auf Hinterwände, montieren die Aufhängungen. Meyer Burger ist effizienter als SolarWorld damals. Die Fertigungskapazität erreichte damals 0,6 GW – bei Meyer Burger soll es hier 1 GW in drei Produktlinien sein. Mit der Kapazitätserweiterung um 0,4 GW soll 2023 ein Verkaufsvolumen von 1,35 GW stehen, die Anlage wäre damit also nahezu voll ausgelastet.

Inwiefern das realistisch ist, ist zumindest zu hinterfragen, zumal bereits im März das Produktionsziel gesenkt wurde und auch aufgrund der steigenden Inputkosten und der neuen Pläne eine neue Umsatzprognose für 2023 (vormals: 550 Mio. Fr.) unmittelbar bevorsteht. Bezüglich der Kapazitätserweiterung in Freiberg als Folge des Stopps in den USA befinde man sich den Angaben zufolge derzeit zudem noch in der «Planungsphase». Dazu kommt, dass auch die laufenden Maschinen derzeit immer noch kalibriert werden müssen und man für einen Wechsel der unterschiedlichen Endprodukte die Produktionslinien schon mal abschaltet. «Es gab Abschaltungen von bis zu einer Woche», bestätigt Erfurt.

Vorgänger SolarWorld

SolarWorld war einst der grösste industrielle Arbeitgeber Mittelsachsens. 80% der Angestellten von Meyer Burger sind ehemalige SolarWorld-Mitarbeiter. «Sonst hätten wir die Maschinen auch gar nicht in der Zeit zum Laufen gebracht», erklärt der Werkleiter, der zusieht, wie die Kuka-Industrieroboter die fertigen Solarmodule präzise und auslieferbereit übereinanderstapeln. Meyer Burger hält nun die Patente und die Markenrechte an SolarWorld.

Manche in Freiberg unterstellen SolarWorld eine gewisse Überheblichkeit: das lange Hinhalten der Aktionäre trotz Verlusten, das absurde Kaufangebot an Opel, die späte Einsicht, dass man sich auf höhermargige Produkte konzentrieren müsse, um gegen China zu bestehen. «Ganze Familien haben bei SolarWorld gearbeitet. Manche haben vielleicht auch etwas über ihre Verhältnisse gelebt», sagt ein ehemaliger Angestellter, der die Branche gewechselt hat und sich zynisch an die teuren Immobilienkäufe von SolarWorld-CEO Asbeck nach der Insolvenz erinnert.

Auch der aktuelle Aktienpreis von Meyer Burger nimmt mit 0.46 Fr. extrem starkes Wachstum schon vorweg: Das Unternehmen geht von einer Produktionskapazität von bis zu 7 GW im Jahr 2027 aus. Auch dahinter stehen Fragezeichen. Zwar hat Meyer Burger in Thalheim Erweiterungskapazität, in Freiberg ist die Kapazitätsgrenze kommendes Jahr jedoch vorerst erreicht. Bei Neubauten müsste Meyer Burger also bei null anfangen. Offen ist zudem, wie viel investiert werden muss, um den technologischen Vorsprung auf die Chinesen langfristig beizubehalten. Bleibt nur zu hoffen, dass man aus dem Fall SolarWorld die richtigen Lektionen gelernt hat.