Unternehmen / Schweiz

Steht Meyer Burger vor Zusammenschluss?

Die Solarzuliefererin will an der Zellfertigung mitverdienen. Dabei spielt Grosskunde REC eine Schlüsselrolle.

Bei Meyer Burger (MBTN 0.428 -3.82%) bahnt sich eine strategische Neuausrichtung an. Die Solarzuliefererin, die Anlagen zur Herstellung von Solarzellen verkauft, erwägt den Einstieg in das Geschäft mit fertigen Modulen. Aus dem Umfeld des Unternehmens sowie aus Aktionärskreisen ist zu hören, dass ein Zusammenschluss mit dem Modulhersteller REC als Option im Raum steht. Offensichtlich ist, dass das Unternehmen Möglichkeiten erprobt, um über Beteiligungen am Verkauf von Solarmodulen und damit am Geschäft auf der nächsten Stufe der Wertschöpfungskette mitzuverdienen.

Die Gesellschaft mit Sitz am Thunersee braucht dringend neuen Schub, denn sie schreibt seit 2012 Verlust. Jetzt schöpft der einstige Star der Schweizer Solarbranche neue Hoffnung. Die massgeblich von Meyer Burger entwickelte Heterojunction-Technologie ist marktreif und könnte in Kombination mit der Zukunftstechnologie Perowskit den entscheidenden Wettbewerbsvorteil bringen. Der Aktienkurs reflektiert die Euphorie nicht; seit Jahresanfang hat er rund ein Fünftel nachgegeben.

«Traumpartnerin»

Bis anhin hat Meyer Burger mit der Bestellung von REC für 74 Mio. Fr. erst einen bedeutenden Auftrag für Heterojunction (HJT) vermeldet. Da scheint es naheliegend, sich mit demjenigen Unternehmen zusammenzuschliessen, das auf dem Weltmarkt für Solarmodule dank der neuen Technologie durchstarten wird, wie Meyer Burger überzeugt ist.

Dagegen spricht, dass die Anlagenproduzentin mit dem Einstieg andere Modulverkäufer konkurrenzieren würde. Allerdings gingen abgesehen von REC bis anhin alle Heterojunction-Aufträge, die Meyer Burger schon vermeldet hat, von Kunden aus, die mit den Solarmodulen selbst Photovoltaikanlagen bauen und die Module daher nicht weiterverkaufen. REC ist schon länger Kunde, Meyer-Burger-CEO Hans Brändle bezeichnete die in Norwegen gegründete Gesellschaft in einem Interview mit dem Nachrichtenportal Bloomberg als «Traumpartnerin». Für die gemeinsame Weiterentwicklung von HJT besteht bereits ein Joint Development Agreement.

Ein handfester Hinweis, dass Meyer Burger sich auch finanziell in der Zellproduktion engagieren will, ist die im Frühjahr kommunizierte Beteiligung an Oxford PV. Das Start-up entwickelt auf einer Meyer-Burger-Maschine HJT-Zellen zu sogenannten Persowskit-Tandemzellen weiter. Ende nächsten Jahres will man schon bereit sein für die Produktion am Markt und damit nach der Abwanderung dieser Industrie nach China die Produktion von Solarmodulen vor Ort wiederbeleben.

Überzeugt davon, dass die Beteiligung an Oxford PV auf dem Weg zur Zellenproduktion nur ein Zwischenschritt ist, ist Meyer Burgers bekanntester und mit über 6% grösster Aktionär Sentis. Die Beteiligungsgesellschaft, die das Vermögen des russischen Industriellen Petr Kondrashev verwaltet, übt schon länger in verschiedener Hinsicht massiven Druck auf die Thuner aus. Auch Sentis hofft, dass mit HJT-Modulen das grosse Geschäft winkt. Ein Zusammengehen mit REC würde man daher nicht per se torpedieren wollen, aber man macht sich Sorgen, dass ein Deal zum Nachteil der Aktionäre ausfallen könnte, wie die Gesellschaft gegenüber «Finanz und Wirtschaft» sagt.

Erst die Kommerzialisierung

Über die Form eines möglichen Zusammenschlusses mit REC gibt es derzeit keine gesicherten Informationen. Meyer Burger will sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht zum Thema äussern. Denkbar wären mit Blick auf die Grössenverhältnisse sowohl eine Fusion als auch eine Übernahme in die eine oder die andere Richtung. Möglich wäre auch ein Joint Venture um die HJT-Technologie.

Unmittelbar wird es für REC nun darum gehen, die Produktion der HJT-Zellen hochzufahren. Erste Module sollen noch in diesem Jahr auf den Markt kommen, und ein Zusammenschluss dürfte massgeblich vom erfolgreichen Produktionsbeginn abhängen. An diesem Erfolg teilzuhaben, ist verlockend. Der Weg aber ist gesäumt mit Unwägbarkeiten.

 


TURBULENTE GESCHICHTE


Meyer Burger hat seit dem Börsengang Hochs und Tiefs durchlebt.


HOFFNUNG AUF DURCHBRUCH


Heterojunction (HJT) kombiniert eine herkömmliche Siliziumsolarzelle mit der Dünnschichttechnologie und ermöglicht es, rund einen Prozentpunkt mehr Sonnenlicht in Strom umzuwandeln als andere, derzeit am Markt erhältlichen Zellen. Die Modulherstellerin REC präsentierte jüngst ihr erstes, auf Meyer Burger-Maschinen produziertes HJT-Modul mit einem Wirkungsgrad von 21,7%. Allerdings müssen Solarzellenhersteller, die derzeit grösstenteils die sogenannte PERC-Technologie nutzen, für HJT ihre Fabrik umrüsten. Eine Anfangsinvestition, die sich langfristig auszahle, sagt Meyer Burger mit Verweis auf die tieferen Gesamtkosten. Vergolden werde sich HJT in Kombination mit der Zukunftstechnologie Perowskit. Das Halbleitermaterial soll in Kombination mit HJT einen Wirkungsgrad von über 30% ermöglichen. Die PERC-Technologie hingegen lasse sich weniger gut mit Perowskit kombinieren als HJT, erklärt Christophe Ballif, der das CSEM PV-Center leitet und Forschungspartner von Meyer Burger ist.

In der Solarbranche sind die Gestehungskosten der Kilowattstunde Strom derzeit das Mass der Dinge. Je nach Standort ist der Sonnenstrom bereits heute billiger als Strom aus konventionellen Anlagen, andernorts ist man kurz davor. Steigt nun die Stromausbeute aus einem Solarmodul von rund 20 auf 30%, dürfte das die Kosten entscheidend senken, zumal es laut Experten schwierig ist, auf anderem Weg zu sparen.


REC IN CHINESISCHEN HÄNDEN


Die 1996 in Norwegen gegründete REC wurde 2015 von der norwegischen Elkem-Gruppe übernommen und dekotiert. Damit erhielt REC letztlich chinesische Eigentümer: Elkem ist seit 2011 Teil von China National Bluestar, die wiederum dem Staatskonzern ChemChina gehört.

2014 erwirtschaftete das Unternehmen mit Sitz in Norwegen und Produktion in Singapur einen Umsatz von 800 Mio. $. Es kämpft, wie viele Konkurrenten auch, mit der gegenwärtigen Kontraktion in China. 2018 hatte eine Änderung des Förderregimes für Solarstrom dem rasanten Wachstum einen Dämpfer versetzt. Im Juni musste REC 65 Mitarbeiter entlassen.

Da sich REC als europäische Marke bezeichnet, könnte man einen möglichen Zusammenschluss mit Meyer Burger vor diesem Hintergrund auch als weiteren Schritt zur Wiederbelebung der europäischen Wertschöpfungskette sehen.

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