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Unternehmen / Finanz

Millionen in Sekunden

Blockchain-Start-ups brechen Finanzierungsrekorde mit der Emission digitaler Währungen. Jetzt wird der Bund aktiv.

Das grösste Crowdfunding der Welt läuft derzeit ab – und das im beschaulichen Kanton Zug. Das dort ansässige Blockchain-Start-up Tezos hat seit Anfang vergangener Woche bereits über 212 Mio. $ eingesammelt.

Nicht etwa an der Börse, sondern über die Ausgabe einer selbst kreierten digitalen Währung. Tezos und viele andere Unternehmen der Blockchain-Szene erschaffen so binnen kürzester Zeit immenses Kapital aus dem Nichts.

Sie nennen es Initial Coin Offering (ICO). Die Herausgabe einer eigenen digitalen Währung à la Bitcoin ist seit diesem Jahr die bevorzugte Art der Finanzierung von Blockchain-Unternehmen.

Laut der US-Wagniskapitalgesellschaft Pantera bekam die Branche im abgelaufenen Quartal erstmals mehr ICO-Mittel (210 Mio. $) als klassisches Wagniskapital (180 Mio. $). Und Zug ist dabei einer der weltweiten ICO-Hotspots. «Wir haben zwanzig dieser Events begleitet und rund vierzig in Bearbeitung», sagt Thomas Linder, Partner bei der Zuger Anwaltskanzlei MME.

Es herrscht Wilder Westen

ICO erinnert zwar an die englische Bezeichnung für Börsengang: IPO (Initial Public Offering). Doch damit wollen die Start-ups die Emission ihrer selbsterzeugten Coins – auch Tokens genannt – in der Regel nicht gleichsetzen. «Dann sind sie den gleichen strengen Regeln unterworfen wie Gesellschaften, die Aktien oder Derivate ausgeben», sagt  Martin Hess von der Zürcher Kanzlei Wenger & Vieli, die ebenfalls ICO begleitet.

In der Branche spricht man deshalb lieber von Crowdfunding oder «Ereignissen, bei denen Tokens generiert werden». Tezos ist wie viele Blockchain-Start-ups als Stiftung organisiert, die Geldgeber gelten als Spender und können mit ihren Millionenbeträgen anonym bleiben.

«ICO sind im überwiegenden Verständnis der digitalen Community unreguliert», sagt Anwalt Hess. «Im Moment herrscht hier der Wilde Westen», sagt ein Insider der Zuger Bitcoin-Szene, der nicht genannt werden will (mehr zum unregulierten Markt rund um Bitcoin hier). Die Cowboys sind Unternehmen wie Bitcoin Suisse, die das Tezos-ICO durchführen.

Ihre Rolle lässt sich mit der einer Investmentbank bei einem IPO vergleichen. Das Unternehmen und die Anwälte betonen, dass bei ihren ICO die Geldwäschereigesetze beachtet würden und alle Geldgeber bekannt seien. Denn: «Die Regulatoren werden sich diesen Bereich bald genauer ansehen», sagt Bitcoin-Suisse-Mitarbeiter Nicolai Oster.

Die Finanzmarktaufsicht teilt auf Anfrage mit, sie würde aktiv werden, bestünde Verdacht auf Gesetzesverstoss. Und das Eidgenössische Finanzdepartement arbeitet laut eigener Aussage an der «Klärung der rechtlichen Qualifikation von virtuellen Währungen».

Neues Spekulationsobjekt

Die Blockchain-Start-ups gestalten ihre Coins heute rechtlich derart aus, dass hinter ihnen nicht wie bei einer Aktie ein Eigenkapitalanteil und damit Mitspracherecht an der Entwicklung des Unternehmens steht. «Hinter einem Token kann sich viel verbergen», sagt Luzius Meisser, Mitgründer des Branchenverbands Bitcoin Association Switzerland.

Die Coins können beispielsweise mit der Aussicht auf künftige Gewinnausschüttung oder Nutzungslizenzen auf die jeweilige Anwendung verbunden sein. Oft spekuliert der Käufer der Coins aber schlicht auf den Erfolg des Start-ups, um die Tokens später auf entsprechenden Plattformen teurer verkaufen zu können.

Das kann zu starken Wertsteigerungen der Coins führen, deren Herausgeber noch überhaupt kein fertiges Produkt vorweisen können – ähnlich wie die Aktien vieler Internetunternehmen in der Dotcom-Blase.

Wie damals jagt zur Zeit ein Rekord den  andern. Ende Mai sammelte der Ex-Chef des Webbrowsers Firefox, Brendan Eich, für sein neues Projekt Brave 35 Mio. $ – in unter dreissig Sekunden. Und im Juni nahm Bancor, ebenfalls eine Stiftung in Zug, bei ihrem ICO 153 Mio. $ ein.

Auch dank ICO-Flut gibt es mittlerweile fast tausend digitale Währungen. Ihre gesamte Marktkapitalisierung schoss 2017 steil nach oben. Der grosse Dominator unter den virtuellen Valuten ist nach wie vor Pionier Bitcoin. Auf Platz zwei haben allerdings  die Token des Jungunternehmens Ethereum kräftig aufgeholt. Sitz der Stiftung: natürlich Zug.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.

3 Kommentare zu «Millionen in Sekunden»

  • Jürg Brechbühl sagt: 10.07.2017 – 09:36 Uhr

    Bei aller Liebe: Wenn man über ein solches Thema schreibt, dann sollte der Journalist sich schon ein bisschen bemühen und sein eigenständiges Denken einschalten und mehr tun, als ein paar Meinungen und Ansichten einsammeln.
    Gangster waren immer schon auf der Höhe der Zeit, wenn sie an geltenden Gesetzen vorbei reich werden wollten. So wie hier digitale Währungen beschrieben werden, bieten sie Dieben und Betrügern ein Schlaraffenland. Auch die Geldgeber sind dubios: Entweder sind sie dumm und spekulieren auf leichten Gewinn oder es sind Verbrecher, die Geld waschen müssen.
    Dass dieses Unwesen im Kanton Zug zur Blüte kommt, ist jedenfalls kein Qualitätsmerkmal. Zug ist seit Jahrzehnten die Metropole der Briefkastenfirmen und der Finanzbetrüger.

    • Luzius Meisser sagt: 10.07.2017 – 10:27 Uhr

      Urteilen Sie nicht vorschnell. Hier entsteht, was Ökonomen als “vollständigen Kapitalmarkt” bezeichnen würden: ein weltweiter, friktionsfreier Finanzmarkt mit beliebig vordefinierbaren aber dann strikt durchgesetzten Regeln. Nach der Theorie der Nobelpreisträger Arrow und Debreu kommen wir dadurch näher ans volkswirtschaftliche Optimum und der Wohlstand von allen steigt. Dass es bei neuen Technologien zu Enthusiasmus und manchmal auch etwas Überschwang kommt, ist normal. Und wie Sie befürchten, gibt es auch tatsächlich ein paar schwarze Schafe, die denken, sie können hier ahnungslose Investoren einfach um ihr Geld erleichtern. Diese sind in der Szene aber bekannt und auch auf der Warnungsliste der Finma. Die grosse Mehrheit der Startups, die Projekte mittels solcher Coins finanzieren, haben gute Absichten und verfolgen grosse und gute Visionen von enormem Potential. Das ist eine grosse Chance für die Schweiz.

      • Jürg Brechbühl sagt: 10.07.2017 – 13:48 Uhr

        @Luzius Meisser
        Ich kenne die Nobelpreisträger zwar nicht, aber ich zitiere aus dem Artikel und übersetze auf normales Deutsch aus der normalen Welt:
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        - “Geldgeber gelten als Spender und können mit ihren Millionenbeträgen anonym bleiben” — Gangster wollen Geld waschen
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        - “Die Blockchain-Start-ups gestalten ihre Coins heute rechtlich derart aus, dass hinter ihnen nicht wie bei einer Aktie ein Eigenkapitalanteil und damit Mitspracherecht an der Entwicklung des Unternehmens steht” — Geld kassieren ohne dafür einen Rechtsanspruch zu geben = Diebstahl
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        - “dank ICO-Flut gibt es mittlerweile fast tausend digitale Währungen. ” –nix da von weltweit, friktionsfrei, nix da von Markt.
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        Eine Währung ist etwas was einen Gegenwert hat. Das hier ist nicht einmal Schall oder Rauch.